Neue Fußball-Stadien Krieg den Hütten


Sie haben Nachholbedarf: Werder Bremen, Bayer Leverkusen und der VfB Stuttgart investieren in den Ausbau ihrer Stadien. Die Zuschauerkapazität wird dabei nicht erhöht. Deshalb werden die geplanten Mehreinnahmen wohl auch über höhere Eintrittspreise erzielt werden - zum Nachteil der Fans.
Von Frank Hellmann

Umgebaut zur reinen Fußball-Arena, ummantelt von einer Photovoltaik-Anlage, mit zusätzlichen Logen und ganz viel Glas. "Das ist doch toll", schrien die Stadionsprecher Christian Stoll und Arnd Zeigler in die Mikrofone, doch der Beifall der Zuschauer hielt sich in Grenzen, Ja, es kamen sogar vereinzelte Pfiffe auf. Denn die grün-weiße Anhängerschaft hatte ja nach einer fast endlosen Diskussion um das neue Stadion eigentlich etwas anderes erwartet: Einen Umbau, der eine Aufstockung um einen dritten Rang und eine Erhöhung der Kapazität auf dringend erforderliche 50.000 Plätze vorsieht. Doch wenn in einem baulichen und finanziellen Kraftakt nun die Heimstätte des norddeutschen Vorzeigevereins erneuert wird, bleibt in Sachen Stadionkapazität alles beim Alten. Mit 42.300 Plätzen ist das Weserstadion auch in Zukunft für die meisten Spiele eigentlich zu klein.

Dennoch scheuen Stadt und Verein die Investition von stolzen 60 Millionen Euro nicht. Will Werder Bremen mit den Spitzenklubs dauerhaft mithalten, muss die neue Arena, die auch künftig Weserstadion heißen soll, her. Dasselbe passiert bei Bayer Leverkusen, wo die BayArena bis 2009 auf eine Kapazität für 30.000 Zuschauer ausgebaut wird - für 70 Millionen Euro. Und beim VfB Stuttgart, wo das Gottlieb-Daimler-Stacion zum multifunktionalen Fußball-Stadion umgebaut wird, das künftig Mercedes-Benz-Arena heißt. Investitionsvolumen: 93 Millionen Euro. Summa summarum mehr als 220 Millionen geben die drei Champions-League-Anwärter damit aus, um in Sachen Stadion den Anschluss zu wahren.

TV-, Sponsoring- und Zuschauereinnahmen

Die Aus- und Umbauten an den Standorten im Norden, Westen und Süden sind auch noch aus einem anderen Grund existenziell. In Sachen Umsatz sind der FC Bayern München (224 Millionen Euro), der Hamburger SV (120 Millionen) und FC Schalke 04 (114 Millionen) die führenden Größen der Liga - auch wenn Bremen und Stuttgart längst die 100-Millionen-Marke durchbrochen haben. Das aber nur, wenn die Gelder aus der Champions League fließen. "Auch im laufenden Geschäftsjahr werden wir voraussichtlich wieder die 100-Millionen-Marke erreichen. Eine Champions-League-Teilnahme spült automatisch 13 bis 15 Millionen Euro in die Kasse. Diese Summe kann man durch den Uefa-Cup bei günstigem Verlauf sicher nur annähernd erreichen", erklärt Bremens Vorstandsboss Jürgen L. Born. "Wir haben die Planungen in Bremen so angelegt, dass wir eine Saison ohne internationalen Wettbewerb überbrücken können." Wohlgemerkt: nur eine Spielzeit.

Will heißen: Die nicht ganz so risikofreie Investition in ein modernes Stadion soll die Vereine besser absichern. Die Einnahmen eines Erstligisten fußen auf den drei Säulen TV-, Sponsoring- und eben Zuschauereinnahmen - und im letzteren haben Klubs wie Bayern München (mit der 69.000 Zuschauer fassenden Allianz-Arena), FC Schalke 04 (mit der 61.482 Plätze bietenden Veltins-Arena) und der Hamburger SV (mit der 57.222 Kapazität bietenden HSH-Nordbank-Arena) mit ihren Luxustempeln einiges voraus. In Bremen und Leverkusen liegen die Kapazitäten der Stadien auch nach dem Umbau immer noch unter der durchschnittlichen Kapazität eines Bundesliga-Stadions von 45.000 Plätzen. Dennoch: Mehr Komfort und Luxus, mehr Logen- und Business-Plätze bedingen auch bessere Erlösmöglichkeiten - und wohl auch höhere Eintrittspreise.

Ursprüngliche Pläne wieder revidiert

Interessant auch, dass sich ganz verschiedene Besitzverhältnisse hinter den drei Stadien verbergen: Während das Gottlieb-Daimler-Stadion allein der Landeshauptstadt Stuttgart gehört, ist die BayArena im Besitz der Bayer 04 Immobilien GmbH. Das Weserstadion wiederum wird von der Bremer Weserstadion GmbH betrieben, die zu gleichen Teilen der Werder Bremen GmbH & Co KGaA und der Stadt gehört.

"Wir hatten schon immer den Traum von einem reinen Fußball-Stadion. Diesen Traum werden wir verwirklichen, indem wir West- und Ostkurve ans Spielfeld heranziehen. Die Erlebnisqualität steigt und wir bekommen eine moderne Arena", die ihren eigenen Charme behalten wird", preist Marketingdirektor Manfred Müller das Projekt. Doch wohl oder übel hat die Geschäftsführung die ursprünglichen Pläne, die der Öffentlichkeit vor gut einem Jahr schon präsentiert wurden, wieder revidieren müssen. Auch der Zeitplan war nicht mehr einzuhalten: Nun soll definitiv in der Sommerpause bis Mitte/Ende 2009 das Stadion sukzessive sein neues, aber nicht billiges Erscheinungsbild erhalten. "Unser ursprünglicher Plan hätte weit über 100 Millionen gekostet. Das wäre nicht zu finanzieren gewesen. Ein Stadionumbau muss sinnvoll sein", betont Vorstands- und Finanzboss Born. Der Aufsichtsrat in Person von Willi Lemke sprach im anderen Falle von einer "nicht beherrschbaren Kalkulation". Vor allem dann nicht, wenn man etwa zweimal hintereinander nicht die Champions League erreichen sollte.

Umzug für den Umbau

Ergo gibt sich Bremen mit der bescheideneren Lösung zufrieden, die laut Born aber auch dazu dient, "unsere Wettbewerbsfähigkeit zu sichern." Argumente, die auch rund 250 Kilometer westlich auf der A 1 zu hören sind. Denn genau wie Werder Bremen nutzt auch Bayer Leverkusen die lange spielfreie Zeit durch die Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich, um ein ehrgeiziges Stadionprojekt zu stemmen. Dort wird die Arena auch tatsächlich aufgestockt - und fasst dann 30.000 statt 22.500 Plätze. Dennoch sind auch in Leverkusen heftige Diskussionen entbrannt. Grund: Plötzlich verteuerte sich der einst mit 56 Millionen Euro veranschlagte Umbau auf 70 Millionen. Bayers Kommunikationsleiter Meinolf Sprink erklärte dies mit "gestiegenen Baukosten und explodierenden Stahlpreisen." Zudem mussten einige Einschnitte vorgenommen werden: Das Parkhaus hinter der Westtribüne wird nicht gebaut, auf das überdimensionale Bayer-Kreuz auf dem Stadiondach wird verzichtet.

Die Mehrkosten sollen nämlich nicht zu einer Einbuße in der sportlichen Qualität führen, sagt Sprink. Es sei nicht vermittelbar, ein tolles Stadion zu haben, aber keine adäquate Mannschaft. Das ist die Krux dieser Investitionen in Steine statt Beine: Sie kann die sportliche Wettbewerbsfähigkeit gefährden. Doch aufzuhalten ist das Projekt längst nicht mehr: Die Bagger haben große Löcher gerissen, schon von weitem ähnelt die BayArena eine große Baustelle. Besucher bahnen sich den Weg ins Stadion an Erdhaufen und Bauzäunen vorbei. Und der Fan muss bald noch eine ganz andere Kröte schlucken: Alle internationalen Spiele, das letzte Heimspiel der Hinrunde 2008/2009 und alle Spiele in der Rückrunde nächste Saison bestreitet das Bayer-Team in der 40 Kilometer entfernt gelegenen LTU-Arena in Düsseldorf. "Die Baufachleute haben uns das nachhaltig ans Herz gelegt", erklärt Sprink. Umzug für den Umbau.

Einnahmemöglichkeiten sind begrenzt

Auf so etwas braucht sich die Anhängerschaft des VfB Stuttgart nicht einzustellen: Wenn die traditionsreiche schwäbische Spielstätte, früher Neckarstadion, heute Gottlieb-Daimler-Stadion zur Multifunktions-Arena umgebaut und in Mercedes-Benz-Arena umbenannt wird, muss der VfB Stuttgart nicht umziehen. Wohl aber wird das Fassungsvermögen Mitte 2009 auf 39 000 Plätze eingeschränkt. Insgesamt 93 Millionen Euro verschlingt der Umbau, der den Leichtathletik-Standort Stuttgart auslöscht. Doch längst sind sich Stadt und Verein einig, dass für einen nach der Champions League trachtenden Verein wie dem VfB eine reine Fußball-Arena mit 55.000 Plätzen her muss, die 2012 fertig gestellt sein soll. Im weitläufigen Oval kommt ja nur schwerlich Stimmung auf, die

Einnahmemöglichkeiten sind begrenzt. Nach intensiven Beratungen steht die Realisation, die Klimmzüge für alle bedeutet: Es wird eigens eine Objektgesellschaft gegründet, die Stadt nimmt ein Darlehen auf, der Verein muss erhebliche Pachtzahlungen leisten, die Daimler AG zahlt für die Namensrechte für 30 Jahre rund 20 Millionen Euro. Vom Tisch ist die Lösung, das Stadion an den VfB Stuttgart zu verkaufen.

Ob in Bremen, Leverkusen oder Stuttgart: Die Visionen der Vereinsführung sind dieselben. Die neuen Schmuckkästchen in der ohnehin einzigartigen deutschen Stadion-Landschaft sollen bitteschön mit Fußball auf höchstem Niveau gefüllt werden. Am besten mit regelmäßigen Kicks in der Königsklasse.


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