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Bayern-Gegner Paris Saint Germain: Früher ein großmäuliger Wicht, heute ein Komet

Paris Saint Germain hat sich dank der gewaltigen Finanzspritzen aus Katar von einem abstiegsgefährdeten Verein zu einem strahlenden Weltklub entwickelt. Kritik gibt es in Frankreich kaum. Im Gegenteil: PSG wird gefeiert.

Ein Gastbeitrag von Damien Degorre, Paris

PSG FC Bayern München

Gefürchtet und respektiert: die Rekordeinkaufe Kylian Mbappe und Neymar

Paris Saint Germain war schon immer ein ganz besonderer Fußballverein. Einer, der einen nie kalt lässt. Und heutzutage erst recht nicht. Denn, noch einmal kurz zur Erinnerung: Es ist ja gerade erst zehn Jahre her, da kämpfte PSG noch hart gegen den Abstieg in die zweite Liga. Die Spieler damals hießen Diané, Ceara, Clément oder Chantôme - und diese Namen waren jenseits von Paris selbst in Frankreich völlig unbekannt. Und heute? Heute heißen sie Neymar und Mbappe. Cavani, Dani Alves und Verratti. Internationale Stars. Sie ziehen die Massen an, sie begeistern. Jede ihrer Äußerungen löst ein Echo aus, jeder Spielzug wird von den Medien in aller Welt analysiert.

Paris ist eine Metropole, aber Paris Saint Germain war lange Zeit kaum mehr als ein großmäuliger Wicht. Zumindest gab es viele, die den Verein so sahen. Bevor ihn ein Investmentfond aus Katar 2011 aufkaufte, wurde der Klub innerhalb Frankreichs gern belächelt. Er stellte hohe Ansprüche an sich selbst, denen er mit seinen geringen Mitteln aber überhaupt nicht gewachsen war. Die Franzosen spotteten über die Eskapaden in den Umkleidekabinen, über die gewagten Entscheidungen der Funktionäre. Und wenn der Verein dann mal einen Titel gewann - was nicht oft vorkam (in 40 Jahren sind sie zweimal französischer Meister, einmal Europäischer Pokalsieger der Pokalsieger und ein paar Mal Pokalsieger geworden) - prophezeite man ihm gleich ein böses Erwachen. Die Fans von PSG skandieren: "Paris est magique!“ Paris ist magisch. Aber oft war diese Magie schwarz, unglücklich. Paris war eher tragisch als magisch. Der Verein gehörte nicht zu den großen Nummern in Europa, nicht mal zu den großen Frankreichs. Aber er war nun mal der einzige professionelle Klub, den es in Paris gab. In der Stadt der Lichter und des Eiffelturms - und so profitierte er zwangsläufig von ihrer Ausstrahlung.

Inzwischen wird PSG gefürchtet

Inzwischen wird PSG überall auf dem Kontinent respektiert und gefürchtet. Verantwortlich für diesen Wandel sind seine Spielereinkäufe. Und natürlich besonders die letzten zwei spektakulären Transfers mit ihren Rekord-Summen: Neymar (222 Millionen Euro) und Mbappe (180 Millionen Euro). Damit zeigt der französische Hauptstadt-Klub jetzt gegenüber Fußball-Europa, dass er es ernst meint. Der Verein hatte schon immer ehrgeizige Pläne, jetzt will er sie umsetzen. Aber es steckt natürlich noch mehr dahinter: Katar erscheint auf der internationalen politischen Bühne gerade mehr denn je isoliert. Und weil der PSG-Aktionär, Emir al-Thani, in gewissen Ländern nicht mehr sonderlich willkommen ist, muss das Image des Emirats aufpoliert und gegenüber den Nachbarn am Persischen Golf Stärke demonstriert werden. Ja, Katar bewegt sich noch! Schaut euch mal PSG an.

Viele fragen daher, ob PSG sich von Katar instrumentalisieren lässt. Das ist schwierig zu beantworten. Genauso, wie es schwierig ist, wenn beispielsweise Saudi Arabien behauptet, Katar unterstütze Extremisten. Dafür gibt es überhaupt keine Beweise bislang. Natürlich dient PSG Paris dazu, das Image Katars aufzupolieren. Von einem erfolgreichen Verein profitiert das Emirat. Insofern unterstützt PSG Katar. Aber vor allem unterstützt Katar den Verein.

Aber die kostspielige Einkaufspolitik des Vereins hat nicht nur politische Gründe. Al-Thani hat die Demütigung "seines" PSG, wie er ihn nennt, bei der unglaublichen Aufholjagd des FC Barcelona am 8. März 2017 nur schwer ertragen. Dieses berühmte 6:1, das für die europäische Presse ein gefundenes Fressen war und für die Pariser das Aus im Achtelfinale der Champions League bedeutete. Am Morgen nach diesem Spiel wurde der Vereinspräsident Nasser al-Khelaifi unverzüglich nach Doha einberufen. Zwei Tage später kam er zurück mit der Anweisung: Im Sommer solle der PSG die Bank auf dem Transfermarkt sprengen, auch, wenn er dadurch die Feindschaft der europäischen Fußballelite auf sich ziehe.

Der Emir ist ein großer Fußballliebhaber

Der Emir ist - wirklich - ein großer Fußballliebhaber. Wenn PSG spielt, sitzt er vor dem Fernseher, er verpasst nichts. Aber jetzt, sechs Jahre nach seiner Ankunft, will er endlich erleben, dass sein Klub auch in dem wichtigsten Turnier der Fußballwelt dominiert.

Die Einkäufe von Ibrahimovic, Di Maria oder David Luiz haben nicht ausgereicht? Gut, es handelte sich nur um die erste Raketenstufe seines Projekts. Jetzt schaltet er einen Gang höher. Dass Real Madrid Mbappe kaufen wollte, dass Barca Neymar gern behalten hätte, dass Juventus Turin und Bayern München sich nun gemeinsam mit den anderen über diese kostspielige Strategie empören - all das stört ihn wenig. "Es ist ihr Problem", beteuerte Al-Kheläifi immer wieder, als er Mbappe der Presse vorstellte. Und ebenso wenig lassen sich die Pariser Funktionäre davon beeindrucken, dass andere Vereine bei der Uefa eingefordert haben zu prüfen, ob die finanziellen Fairplay-Regel respektiert wurden. "Wir haben nichts zu verbergen“, sagt der PSG-Präsident dazu nur. "Wir folgen den Vorschriften der Uefa. Sie kann machen, was sie will. Wir sind transparent." In Deutschland sind die Fans vehement dagegen, dass ein Sponsor die Mehrheit eines Clubs besitzt. Sie würden niemals den Namen eines Sponsors singen.


In Frankreich singen die Fans nicht den Namen des Sponsors oder des Aktionärs, sondern den des Club-Präsidenten Nasser al-KhelaÎfi. Für sie ist Nasser der Präsident von PSG, so, wie es zuvor Francis Borelli, Michel Denisot, Francis Graille oder Alain Cayzac waren. Die politische Dimension Katars spielt für die Fans keine Rolle. Darüber diskutieren sie nicht. Man muss aber auch sagen, dass die Sport- und Fankultur in Deutschland völlig anders ist als in Frankreich. In Deutschland, so mein Gefühl, wird man früh Fan eines Vereins, es gibt lokale Verbundenheit und dieses Fan-Sein vererbt sich von Generation zu Generation. In Frankreich nicht. Wir haben da sozusagen eher einen Sieger-Kult. Jetzt, da PSG ein Gewinner-Verein ist, zieht er die Sympathien an, die Jugendlichen identifizieren sich mit den Stars des Klubs. Dass ein Klub mehrheitlich oder ganz einem Sponsor gehört, ist dabei kein Problem.

Kaum Kritik in Frankreich

Paris, allein gegen alle? Nicht wirklich. Zwar gibt es auch innerhalb Frankreichs ein paar Stimmen, die das Vorgehen des Vereins kritisieren. Dazu gehört beispielsweise Jean-Michel Aulas, der Präsident von Lyon. Die Mehrheit jedoch hält zu PSG.

Der Hauptstadtklub ist in den letzten Jahren immer beliebter geworden. Rund 32 Millionen Facebook-Freunde hat er inzwi-schen, fast ebenso viele wie Bayern München. Er fasziniert seine Fans. Die Spiele im Heimstadion Parc au Prince sind ausverkauft. Und die Fans stimmen Gesänge auf Nasser al-Khelaifi an wie Gläubige beim Gottesdienst. Die Verbindung zwischen dem Verein und der Stadt war noch nie so stark wie jetzt. Im Jahr 2012 wurde noch dafür gestimmt, dem Verein die Subvention von 170.000 Euro zu streichen. Ein Jahr später gab die Stadt 450.000 Euro an die PSG-Stiftung, die zwar ausschließlich soziale Projekte finanziert, von denen der Verein jedoch ebenfalls profitierte, weil sie seinen Ruf verbesserten. Eine weitere indirekte Unterstützung von 230.000 Euro leistet die Stadt, indem sie Tickets kauft. Und dann wurde sogar noch der Eiffelturm zum PSG-Fan: Über eine Stunde lang leuchtete er unlängst blau weiß rot und strahlte einen Willkommensgruß an Neymar in die Nacht. So etwas gab es noch nie! PSG wird allmählich wirklich magisch.

Von der Begeisterung für PSG profitiert der gesamte französische Fußball. Auch wenn die französischen Klubs wissen, dass der Meistertitel in den kommenden fünf oder sechs Jahren wohl privatisiert sein wird, wissen sie auch, dass es sich lohnt, Neymar, Verratti, Cavani oder Mbappe in der ersten Liga zu haben: Es treibt die Fernsehübertragungsrechte nach oben, die Haupteinnahmequelle. "PSG ist der Komet, wir sind der Schweif und ich hoffe, dass wir gemeinsam viele Sterne holen werden", poetisiert dann auch einer wie Bertrand Desplats, der Präsident des bretonischen Klubs Guingamp. Niemand kann heute absehen, ob sich das Investment der Kataris in PSG fortsetzen wird, wenn die von ihnen organisierte Fußball-Weltmeisterschaft 2022 vorüber ist. Aber bis es so weit ist, erlaubt ihr Einsatz dem Verein wichtige Investitionen: Ein neues Trainingszentrum, Erneuerung des Stadions Parc au Prince, Fanshops. Diese Maßnahmen sichern den Verein ab, auch wenn sich die Aktionäre zurückziehen sollten.

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