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Philipp Köster: Kabinenpredigt: Der Offenbarungseid des Lucien Favre

Eine Horrorwoche liegt hinter Borussia Dortmund und Trainer Lucien Favre. Und es könnte sogar noch schlimmer werden, prophezeit stern-Stimme Philipp Köster.

Philipp Koester stern-Stimme über Lucien Favre

BVB-Trainer Lucien Favre: "Ich hatte, seitdem ich Trainer bin, selten eine Mannschaft, die solche Schwierigkeiten hatte.“

DPA

Sage keiner, Lucien Favre nehme sich Kritik nicht zu Herzen. Da hatte Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung bei Borussia Dortmund gerade erst seine Verwunderung darüber ausgedrückt, dass Neuzugang Erling Håland beim Pokalspiel in Bremen wieder nur eingewechselt wurde, da stand der Norweger schon in der Startelf im Auswärtsspiel bei Bayer Leverkusen.  

Was allerdings auch nicht verhinderte, dass die Dortmunder nun auf eine Katastrophenwoche zurückblicken, die gleich mehrere Illusionen der Borussia jäh zerplatzen ließ. Zum einen die Vorstellung, sich möglicherweise im Mai mit einem Pokalsieg über die verpasste Meisterschaft hinwegtrösten zu können. Zum anderen die vage Hoffnung, dass Coach Lucien Favre es hinbekommt, der Mannschaft doch noch irgendwann beizubringen, dass zu erfolgreichen Spielen ziemlich zwingend auch eine solide Abwehrarbeit gehört und selbst bei eigener knapper Führung die letzten zwanzig Minuten nicht zum entspannten Auslaufen genutzt werden sollten.

Der BVB tritt auf der Stelle

Die völlig unnötige 3:4-Auswärtspleite bei Bayer Leverkusen warf ein gnadenlos grelles Licht auf diese Defizite, die die Mannschaft schon seit letztem Jahr hartnäckig begleiten. Es gab immer wieder deprimierende Niederlagen, immer wieder auch hoffnungsfrohe Ansätze - nach dem 21.Spieltag muss allerdings festgestellt werden, dass Borussia Dortmund auf der Stelle tritt und das in dieser Stagnation offenbar die Meinungen weit auseinandergehen, wie ein Weg aus der Dauerkrise aussehen könnte.

Da ist die größer werdende Fraktion derer, die in Favres verbrieftem Sicherheitsdenken einen der Gründe für die Dauerschwäche sehen. "Nicht immer nur nach vorne, sondern auch mal den Ball halten", hatte Favre der Mannschaft wieder mal empfohlen und dabei die Erkenntnis beiseite geschoben, dass die Borussia kaum etwas schlechter kann, als ein Ergebnis zu verwalten. Oder wie es Mats Hummels sichtlich mies gelaunt ausdrückte: "Wenn man hofft, dass das Spiel bald vorbei ist, dann geht das schief".

Lucien Favre: Selten ein Team mit solchen Schwierigkeiten

Es zeigen sich also inzwischen tektonische Risse im BVB-Gefüge. Aus dem ohnehin stets vernehmbaren Gegrummel ist längst offener Unmut geworden, bei den Anhängern, aber auch in der regionalen Presse, die aufmerksam registrierte, dass sich keiner der Verantwortlichen zu ostentativen Treuebekenntnissen zum Coach hinreißen ließ. Das mag der Absicht geschuldet gewesen sein, dass niemand einer ohnehin schwelenden Trainerdiskussion neue Nahrung geben wollte.

Haaland hat sich für die Saison beim BVB feste Vorsätze vorgenommen

Fakt ist aber, dass klubintern inzwischen einige Fragen immer drängender gestellt werden, natürlich vor allem zur löchrigen Defensive, die Favre in dieser Saison bereits mit Fünfer-, Vierer- und Dreierkette stabilisieren wollte. Mehr Sicherheit gebracht hat keine der Formationen. Und der Coach erweckt derzeit nicht den Eindruck, als habe er nun endlich einen stimmigen Plan. Nicht nur das inzwischen fast störrisch wirkende Festhalten am formschwachen Manuel Akanji, sondern auch die zunehmend ratlos wirkenden Statements des Coachs machen schlechte Laune. "Ich hatte, seitdem ich Trainer bin, selten eine Mannschaft, die solche Schwierigkeiten hatte“, barmte der Schweizer, der ja qua Amt diese Schwierigkeiten beseitigen müsste.

Und plötzlich diese merkwürdige Starre ...

Zu den Schwierigkeiten gehört seit langer Zeit auch die mangelnde Konstanz der Truppe. Ob gegen spielerisch limitierte Teams wie den FC Augsburg oder gegen Spitzenmannschaften wie Bayer Leverkusen - stets zeigt die Mannschaft teilweise begeisternden Fußball, ist aggressiv und lauffreudig und sprüht vor Kreativität, um dann plötzlich in eine merkwürdige Starre zu verfallen, Zweikämpfen aus dem Weg zu gehen und sich im Stile einer überforderten Schülermannschaft auf denkbar simpelste Weise auskontern zu lassen. Der Hype um Neuzugang Håland hatte zum Rückrundenstart diese Schwankungen ein wenig vergessen lassen, weg waren sie nie.

Dass noch nicht ganz ernsthaft und drängend über Favres vorzeitige Demission gesprochen wird, hat zwei Gründe. Einerseits ist derzeit kein Coach auf dem Markt, dem sicher zugetraut werden könnte, dass er das wankelmütige Ensemble schnell stabilisiert. Mourinho ist bei Tottenham untergekommen und Matthias Sammer nicht willens, den Feuerwehrmann zu geben. Und andererseits ist da immer noch die vage Hoffnung darauf, dass endlich eine Formation, eine Idee, ein Weg gefunden wird, das enorme Potenzial der Mannschaft auch in Punkte umzusetzen. Favre muss das gelingen, am Wochenende gegen die wiedererstarkte Frankfurter Eintracht und in der Champions League gegen PSG. Mit Stabilität und Mentalität.

Sonst könnte ausgerechnet PSG-Coach Thomas Tuchel dafür sorgen, dass Lucien Favre seinen Dienst quittieren muss. Der Fußball schreibt bisweilen rätselhafte Geschichten.

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