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P. Köster: Kabinenpredigt: Der Spitzenklub, der keiner sein will - wie geht das, Freiburg?

Zweitkleinster Etat, Klassenerhalt als Ziel - und nun auf dem direkten Weg nach Europa! stern-Stimme Philipp Köster über den SC Freiburg, die große Sensation dieser Saison.

Drei Spieler des SC Freiburg jubeln über ein Tor von Florian Niederlechner gegen den FC Schalke 04

Florian Niederlechner (r.) und seine Teamkollegen vom SC Freiburg bejubeln ein Tor gegen den FC Schalke 04

Christian Streich neigt bisweilen zum Understatement. Das flotte 2:0 gegen den FC Schalke 04, das den bis auf Platz 5 und damit in die Europa-League-Ränge katapultierte, musste der Freiburger Coach dann aber doch mit dezenter Euphorie quittieren und sprach: "Die Mannschaft hat heute ein wunderbares Spiel gemacht."

Streich hätte dieses Lob auch gleich auf die gesamte Spielzeit ausdehnen können. Denn was der SC in dieser Saison zuwege gebracht hat, ist schlichtweg eine Sensation. Nach Darmstadt 98 mit dem kleinsten Etat der Liga ausgestattet, mit dem Klassenerhalt als Ziel gestartet und nun als erster Anwärter auf die Euro League in die letzten beiden Spiele zu gehen - das hat niemand für möglich gehalten.

Der SC Freiburg und die "Ausbildungsidee"

Dass es trotzdem so passiert ist, hat viel mit den handelnden Personen zu tun. Natürlich mit , der die Mannschaft mit väterlicher Fürsorge und besonnenem Realismus betreut. Aber auch mit Jochen Saier, der Sport-Vorstand, und Klemens Hartenbach, der Sportdirektor, die gemeinsam einen Kader zusammengestellt haben, der in der Lage ist, durch intelligenten und strukturierten Fußball auch Teams zu besiegen, die individuell womöglich besser besetzt sind. Ein Kader aber auch, der dem gehorcht, was in Freiburg die "Ausbildungsidee" nennen. Der Klub soll immer wieder herausragende Talente hervorbringen, die beim SC die ersten Erfahrungen im Profigeschäft sammeln, die dann aber auch mit großer Selbstverständlichkeit und anständigem Transfererlös in die weite Fußballwelt entlassen werden.

Dass solch ein Konstrukt den Klub immer mal wieder auch in Krisen stürzen kann, wissen Streich, Saier und Hartenbach. Sie haben es selbst vor zwei Jahren erlebt. Da stieg der SC Freiburg ab, weil es eben mal nicht gelang, die abgewanderten Talente sofort adäquat zu ersetzen. Aber auch hier zeigte sich, wie nachhaltig in Freiburg gearbeitet wird.  Abstiege sind hier keine Katastrophe, solange der Sportclub beharrlich zur Top 25 gehört, also stets so konkurrenzfähig bleibt, dass er im Folgejahr direkt den Wiederaufstieg schaffen kann.

Die Erfolgsgeschichte von Florian Niederlechner

Das gelang und war der Beginn einer Erfolgsgeschichte, die sich an diesem Wochenende natürlich besonders gut durch den zweifachen Torschützen illustrieren ließ. Christian Heidel, damals noch als Mainz-Manager, hatte den Stürmer, weggeschickt - nun beendete er die letzten Träume der Gelsenkirchener doch noch irgendwie mit Hängen und Würgen in die europäischen Plätze hineinzurutschen.

Diese Erfolgsgeschichte bringt aber natürlich auch Gefahren mit sich - gerade bei kleineren Klubs wie dem SC Freiburg. Oft erweist sich die zusätzliche Belastung durch die internationalen Termine als Bürde für den Bundesligaalltag. Der FSV Mainz 05 hat das gerade erlebt - mittwochs war Europa zu Gast, samstags waren dann die Beine schwer. Und auch die Erwartungen des Publikums im Zaum zu halten, ist in solchen Situationen oft knifflig. Angesichts europäischer Spiele gerät womöglich in Vergessenheit, dass schon der Klassenerhalt für den SC ein echter Erfolg ist - jedes Jahr aufs Neue.

Christian Streich nimmt Druck von den Spielern

Christian Streich hat es bisher gut verstanden, den Druck von den Spielern zu nehmen. Weil er einen unbestechlichen Blick auf die Absurditäten des Bundesligageschäfts hat und sich bislang den Verformungen des Geschäfts geschickt entzogen hat. Natürlich muss er aufpassen, dass er nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu gesellschaftspolitischen Exkursen genötigt wird. Wo das hinführt, war unlängst zu beobachten, als ein Sky-Reporter Streich auf die Gerüchte ansprach, er werde in Leverkusen als neuer Trainer gehandelt und die Frage an Streich mit den pathetischen Worten einleitete: "Herr Streich, Sie sind ein Mensch, der klare, moralische Werte hat und die auch verteidigt ... "  Da blickte der Coach ein wenig sparsam drein und versicherte glaubhaft, vom Leverkusener Interesse nichts zu wissen.

Und man tut Streich sicher nicht Unrecht, wenn man unterstellt, dass er in den nächsten Wochen neben den klaren, moralischen Werten vor allem den fünften Platz in der Liga verteidigen möchte.


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