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Real Madrid: Die Rückkehr des Spektakels

Ein angeschlagenes Werder Bremen trifft heute (ab 20.45 Uhr im stern.de-Liveticker) im ersten Champions-League-Spiel auf Real Madrid. Dort will Trainer Bernd Schuster nach dem zähen Fußball der Ära Capello den Fans wieder ein Spektakel bieten - und den Mythos Real aufleben lassen.

Von Nico Stankewitz

Manchmal gibt es einen großen Knall, wenn eine Ära endet - manchmal geschieht es fast nebenbei. Im vergangenen Sommer endete in Madrid das Zeitalter der "Galacticos", der fünf Superstars Zidane, Figo, Ronaldo, Roberto Carlos und Beckham mit dem Abschied der beiden Letztgenannten endgültig. Gleichzeitig feierte Real die wohl am wenigsten umjubelte Meisterschaft der Vereinsgeschichte. Fabio Capellos wohlorganisierter, aber destruktiver Fußball brachte nach zwei sehr trüben Jahren zwar wieder einen Titel, für viel Begeisterung vermochte aber dieser große Erfolg nicht mehr zu sorgen. Herausragender Spieler in der entscheidenden Meisterschaftsphase war ausgerechnet der zuvor ausgemusterte David Beckham, ein Symbol für den Niedergang selbst in Zeiten des Erfolgs. Nach dessen Abgang wollte Real einen Neuanfang mit einem Trainer, der wieder spektakulären Offensivfußball bietet. Und man wollte einen alten Star als Anführer - Bernd Schuster bot beides an und wurde neuer Trainer bei den Königlichen.

Der Augsburger - bei Barcelona, Real und Atletico in den achtziger Jahren ein Weltstar - versprach in Interviews nicht nur Erfolge, sondern auch glanzvollen Fußball, jenes attraktive Spiel, das mit dem Mythos der "Weißen" untrennbar verbunden ist. Das Real Madrid der fünfziger und sechziger Jahre, die Mannschaften um Alfredo di Stefano und Ferenc Puskas standen für glanzvollen, begeisternden Fußball - seitdem genießt der Club weltweite Verehrung wie kein anderer Verein. Schuster bot dem Mythos neue Nahrung, aber es begann wenig verheißungsvoll. Es wurden viele neue Stars genannt, die verpflichtet werden sollten. Aber fast genauso viele Körbe holte man sich bei den angekündigten Weltklassespielern. Während der Erzrivale aus Barcelona einen Star wie Thierry Henry präsentierte, verpflichtete Schuster mit Christoph Metzelder und dem Portugiesen Pepe zwei Verteidiger - ein erstes Sakrileg in den Augen der Fans. Die Vorbereitung verlief holprig (unter anderem gab es eine.0:3 Niederlage beim biederen Bundesligisten Hannover 96), schon regte sich erste Kritik am deutschen Trainer. Immerhin schienen die Eigengewächse Raul und Guti einen besseren Stand zu haben als zuletzt unter Capello, ein beruhigender Zustand für die Fans, denen die immer weniger werdenden Identifikationsfiguren aus der aufwändigen (und ausgezeichneten) Jugendarbeit Sorgen bereitet.

Drei Holländer für Real

Die Wende zum Besseren folgte im August, als Schuster vier hochkarätige Einkäufe tätigte: Sneijder, Drenthe, Heinze und Robben, drei Holländer und ein Argentinier komplettierten die Einkaufsliste dieses Sommers. Vor allem Sneijder, ein technisch starker, schneller offensiver Mittelfeldspieler, erwies sich sofort als Volltreffer, der insbesondere mit schönen Freistößen in den ersten drei Ligaspielen vier Treffer erzielte und zur Identifikationsfigur des "Nuevo Real" werden könnte. Mit diesen Verpflichtungen hat Schuster jetzt jede Position doppelt erstklassig besetzt. Auch die Mischung aus erfahrenen (Casillas, Cannavaro, Guti, Raul, van Nistelrooy) und jungen Spielern (Marcelo, Drenthe, Gago, Higuain) scheint zu stimmen. Die Systemänderungen greifen, denn bei Real spielen jetzt wieder zwei "echte" Stürmer, nachdem bei Capello in der Vorsaison meistens Ruud van Nistelrooy den Alleinunterhalter geben musste. Voraussetzungen für offensiven Fußball sind also gegeben, zumal die dahinter spielende Dreierreihe mit Robinho, Sneijder und Guti sehr offensiv besetzt ist - eine Offensivformation, die nahezu jeder Abwehr Rätsel aufgeben dürfte.

Einige Probleme des Neuanfangs sollen allerdings nicht verschwiegen werden. So hat der Neuzugang Arjen Robben (für angebliche 37 Millionen Euro von Chelsea gekommen) noch keine Minute gespielt (Schuster: "Er soll sich unseren Fans erst zeigen, wenn er richtig fit ist"), mit dem Portugiesen Pepe ist auch der zweiteuerste Einkauf verletzt. Das Zusammenspiel von Guti und Sneijder funktioniert nicht so richtig, weshalb der Spanier vermutlich auf längere Sicht eher mit einem Platz auf der Bank rechnen muss. Zudem hat Real Probleme, wenn der Gegner mutig schon die Spieleröffnung stört, wie es Aufsteiger Almeria am Samstag trotz der Niederlage erfolgreich tat. Ein großer Vorteil für die "Königlichen" kam in dieser Situation zum Tragen, denn mit Gonzalo Higuain und Javier Saviola sorgten zwei Joker schließlich für die Wende und den Sieg. Schusters Konstrukt scheint auf dem richtigen Weg zu sein, ist aber noch wackelig. Mit dem Spiel gegen Werder Bremen steht die erste richtige Bewährungsprobe auf dem Programm.

Schlechte Vorzeichen für Werder

Ganz anders die Vorzeichen bei Werder Bremen: Nach den erfolgreichen Vorjahren scheint sich der Trend der schwachen Rückrunde auch in der neuen Saison fortzusetzen. Bei den Neueinkäufen - in der Vergangenheit immer eine Stärke des Duos Schaaf/Allofs - scheint Werder in dieser Saison keinen Volltreffer gelandet zu haben. Durch die vielen Verletzten hat dazu die Mannschaft keinen Rhythmus gefunden und etliche mit der Champions League überforderte Spieler (Vranjes, Jensen, Pasanen) in ihren Reihen. Aber Schuster zeigt sich respektvoll: "Ich bin überzeugt, dass wir am Dienstag eine ganz andere Bremer Mannschaft sehen werden. Bremen kann richtig gut Fußball spielen."Eine Chance haben die Bremer in jedem Fall, denn durch die Blamage in Dortmund dürfte jedem Spieler klar sein, dass mehr getan werden muss, um den weiteren Saisonverlauf positiv zu gestalten. Schließlich gilt es eine Serie zu brechen: Auch bei den bisherigen drei Champions-League-Teilnahmen mussten die Bremer zunächst auswärts beim Gruppenfavoriten ran (Inter Mailand, Barcelona, Chelsea), das Ergebnis war jedes Mal eine.0:2-Niederlage der Hanseaten. Ob Werder 07 ausgerechnet im Bernabeu diese Serie brechen kann, ist mehr als ungewiss.

Voraussichtliche Mannschafts-Aufstellungen:

Real Madrid: Casillas - Ramos, Cannovaro, Metzelder, Torres - Robinho, Gago, Guti, Snejder - Raul, van Nistelrooy

Werder Bremen: Wiese - Pasanen, Mertesacker (Andreasen), Naldo, Tosic - Baumann - Vranjes, Jensen - Diego - Sanogo, Almeida

Schiedsrichter: Webb (England)

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