Schalke-K.o. Selbstzerfleischung und schlechte Presse


Mit dem FC Schalke 04 hat sich der letzte deutsche Club aus der Königsklasse verabschiedet - mit Applaus. Trotzdem bleibt das Klima bei den Königsblauen vergiftet. Das scheint den umstrittenen Trainer Mirko Slomka immer mehr in Mitleidenschaft zu ziehen.
Von Oliver Fritsch

Bei Schalke 04 muss man sich über zwei Dinge wundern: Erstens, wie sich der Verein in der erfolgreichsten Saison seit zehn Jahren selbst in die Bredouille bringt. Da träumt und redet dieser Klub immer wieder von der Champions League, um endlich die Fanfaren des Ruhms erklingen zu lassen - und dann stellen die Verantwortlichen ihren einflussreichsten Mitarbeiter vor den jeweils wichtigsten Spielen der Vereinsgeschichte, öffentlich in Frage.

Besonders vor einem Monat vor dem Achtelfinalrückspiel in Porto distanzierte sich Vorstand Josef Schnusenberg von Trainer Mirko Slomka eindeutig; aber auch diese Woche vor dem Viertelfinalrückspiel in Barcelona ist das Gerücht durchgesickert, die Führung wolle sich bald, also vor Vertragsende, von Slomka trennen. Eine professionelle Vorbereitung sieht anders aus. Gemessen an diesen Hürden, hat Slomka das Optimum erreicht: im Elfmeterschießen gegen Porto das Viertelfinale erreicht, wo man gegen den trotz Ronaldinho-Blues immer noch großen FC Barcelona knapper ausgeschieden ist, als viele das vorausgesagt hatten. Schalke war beim 0:1 am Mittwoch, allerdings nur eine Halbzeit lang, mutig und tatkräftig - und nicht wie viele Live-Medien schrieben "bieder und brav". Der Gegentreffer war selten unglücklich!

Und da sind wir auch schon beim zweiten Punkt: Schalke hat eine derart schlechte Presse, dass es einem eigentlich leid tun muss. Nicht den Klublenkern gilt, siehe oben, unser Mitgefühl. Aber das schlechte Klima scheint auch Slomka in Mitleidenschaft zu ziehen. Aber was genau ist ihm, sportlich, vorzuwerfen?

Schalke meistert Doppelbelastung

Der Spielanalytiker Christofer Clemens hat neulich in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" die Champions-League-Teilnehmer inspiziert: "Das Team spielt schnell nach vorne", sagt er über Schalke, "doch dieser Einsatz verpufft zu oft. Entweder kommt der letzte Pass ungenau, oder die Laufwege der Stürmer stimmen nicht." Im Vergleich mit Europas Großen schneidet Schalke in Clemens' Expertise unterdurchschnittlich ab, aber welche deutsche Mannschaft kann mit der Hochgeschwindigkeitspräzision Arsenals oder der Wucht Manchesters mithalten? Noch mal buchstabiert: Schalke hat es ins Viertelfinale der Champions League geschafft. Weiter ist seit Bayer Leverkusen 2002 keine deutsche Elf gekommen. Diese Erfahrung könnte dem Klub in den nächsten Jahren weiterhelfen (die Millioneneinnahmen sowieso). Schalke könnte stolz sein.

Zugegeben, die Mannschaft genügt selbst in der Bundesliga nicht höchstem ästhetischem Anspruch. Aber seit wann gilt das als entscheidendes Maß? Den aktuellen Platz 2 sollte man Slomka auf der Habenseite anrechnen. Stichwort Doppelbelastung - einige andere deutsche Vereine haben ihre Ausflüge nach Europa mit Abschwüngen zuhause bezahlt: Hamburg ist 2006 zwischenzeitlich bis auf Platz 18 abgestürzt und musste sich von Liebling Thomas Doll trennen. Meister Stuttgart ist 2007, solange sie noch nicht ausgeschieden waren, ins hintere Mittelfeld gefallen. Leverkusen wäre 2003, ein Jahr nach dem Finaleinzug, sogar fast abgestiegen. Slomka ist nun gerade dabei, sein Team zum zweiten Mal hintereinander für die Champions League zu qualifizieren.

Muss man mit Kuranyi und Asamoah Meister werden?

Das Gemecker an Schalkes 1:0-Siegen ist einseitig; bei anderen Klubs würde man von Cleverness und Abgebrühtheit sprechen. Doch die FAZ schrieb nach dem knappsten aller Siege gegen Hansa Rostock vor drei Tagen grimmig: "In einer Disziplin ist Schalke derzeit nicht zu schlagen: Kein anderer Teilnehmer versteht es, mit so wenig Fußball so viel zu erreichen."

Slomka mag sich sicher den Vorwurf gefallen lassen, das Team in Sachen Toreschießen nicht viel vermittelt zu haben. Doch warum muss man diesen unbestritten erfolgreichen Jungtrainer an so extrem hohen Kriterien messen? Vielleicht fehlen ihm schlicht die Spieler für Höheres. Muss man mit einer Mannschaft Deutscher Meister werden, deren Stürmer-"Stars" Kevin Kuranyi und Gerald Asamoah heißen? Oder gar die Champions League gewinnen? Vermutlich wird er bald seinen Job los sein. "Das war's für Slomka", murrt heute schon die "Bild-Zeitung", als wäre es eine Schande, in Barcelona zu verlieren.

Slomka hat an Bekanntheit und Profil gewonnen

Slomka hatte es von Beginn an schwer; hängt ihm etwa noch Rudi Assauers geäußerte Zweifel ("auf den wäre ich nicht gekommen") noch nach? Zudem muss sich Slomka immer wieder mit seltsamen Debatten über das Verhalten seiner Spieler herumschlagen. Kuranyi verweigerte ihm nach seiner Auswechslung in Porto den Handschlag. Gut, nicht die feine Art. Aber wer erwartet von Fußballprofis Manieren? Vor anderthalb Jahren wollten Teile der Presse im Gefolge der "Bild" bei einem Torjubel in Mönchengladbach erkannt haben, dass die Autorität des Trainers angegriffen sei - bloß weil einige Spieler den damals frisch degradierten Frank Rost umarmten und nicht Slomka. Als wäre es üblich, nach dem Tor seinem Trainer an den Hals zu springen.

Zumindest hat Slomka an Bekanntheit und Profil gewonnen. Im Internet kursiert ein Witz: Merkel, Bush und Slomka stehen vor Gott. Merkel fragt Gott, wann in Deutschland die Staatsschulden getilgt sind und Vollbeschäftigung herrscht: Gott überlegt kurz und sagt: "In 50 Jahren." "Uninteressant für mich", antwortet Merkel, "da bin ich nicht mehr im Amt." Bush fragt Gott, wann die Amerikaner endlich den Irak befrieden. Gott überlegt kurz und sagt: "In 100 Jahren" "Uninteressant für mich", entgegnet Bush, "da bin ich nicht mehr im Amt." Slomka fragt Gott: "Wann wird Schalke endlich Meister?" Sagt Gott: "Uninteressant für mich, da bin ich nicht mehr im Amt."

Offenbar wird Slomka sogar für die 48 meisterfreien Jahre vor seiner Zeit als Cheftrainer verantwortlich gemacht. Das runde Jubiläum in ein paar Wochen wird man ihn wohl noch "feiern" lassen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker