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VfL Wolfsburg: Verstößt der Schürrle-Deal gegen das Financial Fairplay?

Weltmeister Andre Schürrle ist zurück in der Bundesliga. Doch der Transfer wirft Fragen auf. Nutzt Wolfsburg seinen Finanzvorteil jetzt gnadenlos aus? Entspricht der Deal dem Financial Fairplay?

Von Felix Haas

Wolfsburg-Trainer Dieter Hecking (l.) und Manager Klaus Allofs (r.) stellen ihren neuen Superstar vor

Wolfsburg-Trainer Dieter Hecking (l.) und Manager Klaus Allofs (r.) stellen ihren neuen Superstar vor

Volkswagen macht ernst. Am Nachmittag hat der Konzern sein neuestes Aushängeschild präsentiert. Es ist allerdings kein neuer Golf, kein neuer Caddy und auch kein neuer Up!. Das neueste Aushängeschild ist kein Produkt, sondern ein Marketing-Instrument. Es kann laufen und es soll im besten Fall viele Tore schießen. Der VW-Konzern, selbst mehrfacher Automobil-Weltmeister, hat sich einen Fußball-Weltmeister gegönnt. Andre Schürrle spielt jetzt beim VfL Wolfsburg, der hundertprozentigen Tochter des Konzerns. Die Bundesliga erhält einen Superstar zurück. Doch nicht alle sind glücklich darüber.

Kritik entfacht vor allem die Ablösesumme. Wolfsburgs Manager Klaus Allofs wurde zwar während der Verhandlungen nicht müde, zu betonen, man werde den Spieler nicht um jeden Preis verpflichten. Doch am Ende zahlte Wolfsburg satte 32 Millionen Euro an den FC Chelsea. VW hat seiner Tochter damit mal eben den teuersten Wintereinkauf der Bundesliga-Geschichte spendiert. Eintracht Frankfurts Vorstandboss Heribert Bruchhagen findet die Summe "unheimlich". Schalkes Manager Horst Heldt stellt etwas resigniert fest: "Wir sind nicht in der Lage, im Winter einen solchen Transfer zu stemmen."

Ausnahmeregel für Wolfsburg

Hinter den Aussagen stecken nicht nur leise Zweifel und Unbehagen, sondern vermutlich auch Neid. Genau dieser Neid dürfte allerdings in Bezug auf den Schürrle-Transfer der entscheidende Faktor sein. Denn auf Wolfsburg sind Clubs wie Schalke, Stuttgart, Frankfurt oder Bremen eigentlich immer neidisch. Zumindest auf die Finanzstruktur. Der VfL spielt schließlich nur dank einer Ausnahmeregelung in der Bundesliga; denn eigentlich verstößt seine Struktur gegen die 50+1-Investorenvorschrift der Liga. Doch das erwähnt keiner mehr (erst recht nicht beim VfL), weil die Ausnahmeregelung seit Langem existiert.

An der Stelle kommt der Schürrle-Deal wieder ins Spiel. Die Fragen, die sich an Bruchhagens und Heldts Äußerungen anschließen, lauten: Was bedeutet es für die Konkurrenzsituation innerhalb der Liga, wenn einzelne Clubs über nahezu unbegrenzte Mittel verfügen, deren Hauptteil sie nicht selbst erwirtschaftet haben? Bewegt sich der VfL noch im Marktbereich? Und ist der Transfer mit dem Financial Fairplay vereinbar?

Ist das VW-Sponsoring eine verdeckte Investition?

Thomas Dehesselles ist Fachanwalt für Steuerrecht, er hat sich unter anderem auf Sportrecht und Sponsoring spezialisiert, ist Mitglied der DFB-Arbeitsgruppe Compliance in der Kommission Nachhaltigkeit. Dehesselles hat ein Buch über Financial Fairplay veröffentlicht. Natürlich kann auch er die Fragen nicht abschließend beantworten, dazu fehlen ihm Detaileinsichten.

Doch klar ist, dass der VW-Konzern Fehlbeträge der vergangenen drei Jahre mit 45 Millionen Euro decken darf. Erst wenn der Konzern mehr investiert, sprich, wenn der Schürrle-Transfer so sehr auf die Bilanz schlägt, dass sich in den vergangenen drei Jahren ein deutlich größeres Defizit auftut, und der VW-Konzern dieses deckt - dann verstößt der Vorgang gegen die Regularien der Financial-Fairplay-Regelung. Dehellesses sagt: "Wenn Wolfsburg schon jetzt knapp in oder sogar oberhalb der relevanten Aufwendungen war, müsste der Zusatzaufwand (Abschreibung, Gehalt) durch zusätzliche relevante Einnahmen ausgeglichen werden. Gelingt dies nicht, ist die zulässige Grenze von 45 Millionen Euro Gesellschafter-Fehlbetragsdeckung im Drei-Jahres-Zeitraum zu prüfen. Fallen beide Prüfungen zuungunsten von Wolfsburg aus, liegt ein Financial-Fairplay-Verstoß vor."

Fraglich ist in Bezug auf das Wolfsburger Modell vor allem, ob Volkswagen als Inhaber des Clubs nicht über sein Sponsoring eine versteckte Investition tätigt. In einem solchen Fall könnte der Investor über das Sponsoring schließlich mehr als 45 Millionen Euro zur Deckung von Fehlbeträgen im Verein unterbringen, ohne ins Visier der Uefa zu geraten.

Allofs: "Transfer verhältnismäßig"

Klaus Allofs betont, er habe auf Nachfrage von Uefa-Ermittlern offengelegt, wie das Konstrukt des VW-Konzerns und der VfL Wolfsburg Fußball GmbH funktioniert. Ob der VfL allerdings weiter unter Beobachtung steht, ob er also auch Transfers gegenüber der Uefa offenlegen muss, ist unklar.

Der Manager versucht ohnehin so wenig Zweifel wie möglich daran aufkommen zu lassen, dass der Transfer unverhältnismäßig ist und damit eventuell Auffälligkeiten provozieren würde. "Ich glaube nicht, dass wir den Rahmen sprengen, wenn man sich den internationalen Markt anschaut."

Auch für Dehesselles bewegt sich der Schürrle-Transfer in jedem Fall im Marktbereich. "Für internationale Topspieler werden Beträge bezahlt, die sich durchaus häufiger in diesem Rahmen bewegen; der Markt ist insoweit kein nationaler mehr. Und einen Weltmeister würde ich durchaus als internationalen Topspieler beurteilen."

Neues VfL-Gesicht zerstört

Der VfL Wolfsburg hat in den vergangenen Jahren versucht, sich ein neues Gesicht zu verpassen. Klaus Allofs und Dieter Hecking präsentieren sich als Clubführung, die für seriöse Arbeit, für Bodenhaftung, und für Vernunft steht. Die Verschwendungssucht der Dieter-Hoeneß- und Felix-Magath-Jahre sollte vorbei sein. Mit dieser zwischenzeitlich nach außen getragenen Bescheidenheit ist es nun wieder vorbei. "Da wird die Luft jetzt dünner. Wir sind inzwischen so gut besetzt, dass die Verstärkungen, die man der Mannschaft noch zufügt, sich auf sehr hohem Niveau bewegen", sagte Allofs bei der Schürrle-Präsentation. Er hätte auch sagen können: Wir sind bereit, unsere finanziellen Mittel auszunutzen. Egal, ob ihr neidisch seid, oder nicht.

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