HOME

Steueraffäre: Hoeneß hat sein erstes Finale

Erstmals seit Beginn der Steueraffäre um Uli Hoeneß tagt der Aufsichtsrat der Bayern. Wahrscheinlich wird er den Chefposten des Gremiums niederlegen müssen. Nur wann? Und für immer?

Von Thomas Schmoll

Zum 60. Geburtstag von Uli Hoeneß hielt Karl-Heinz Rummenigge eine Rede über den Jubilar, die jedermann klar machte: Der Bayern-Vorstandschef schätzt und mag den Bayern-Präsidenten. Sie war gespickt mit Ehrbezeugungen und lustigen Anekdoten. Eine aus dem Jahr 1999 drehte sich um die Verhandlungen um den Paraguayer Roque Santa Cruz im Wohnzimmer des Präsidenten von Olympia Asunción - laut Rummenigge "mit Sicherheitskräften samt Pumpgun vor der Tür". Der Verein wollte ein paar Millionen mehr als die gebotenen zehn Millionen Mark. Nach stundenlangem Stillstand soll Hoeneß die zündende Idee gehabt haben. Er, so berichtete es Rummenigge, erzählte die Geschichte von einem einflussreichen Gremium in München, das ihnen im Nacken und auf dem Geld hocke. "Uli hat wortreich erklärt, wer alles in diesem Beirat sitzt: Stoiber, Markwort, Franz Beckenbauer. Die Leute aus Paraguay haben beinahe selber Angst bekommen vor diesem Furcht erregenden Beirat und uns Roque für zehn Millionen D-Mark überlassen."

Es sei dahingestellt, ob die Namen des früheren CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber und des ehemaligen "Focus"-Chefredakteurs Helmut Markwort die Paraguyer tatsächlich so sehr beeindruckten, dass sie nachgaben. In jedem Fall sagt die Story viel aus über die Schlitzohrigkeit des Uli Hoeneß, mit der er seinen Club stark machte. Sie bezeugt aber auch, dass Gremien beim FC Bayern noch nie Sammelbecken für Frühstücksdirektoren waren. Das gilt besonders für den Aufsichtsrat der 2002 gegründeten FC Bayern München Aktiengesellschaft. Er passt auf, dass der Vorstand keinen Mist oder gar Riesenmist fabriziert. Chef des Gremiums ist Hoeneß, der im Privatleben nach eigenem Bekunden "Riesenmist" gebaut hat und gerade den Absturz seines Lebens erleidet.

Drei Optionen für Hoeneß

Wie tief der Steuersünder von der Säbener Straße fällt, hängt auch vom Aufsichtsrat ab, der am Montag erstmals seit Beginn der Steueraffäre um Hoeneß tagt. Seine Mitglieder sind Männer, die noch viel mächtiger sind als der mächtige Bayern-Präsident. Dazu zählen die Vorstandschefs großer Konzerne, die den Verein sponsern und ausrüsten: Martin Winterkorn (VW), Rupert Stadler (Audi), Herbert Hainer (Adidas) und Timotheus Höttges von der Deutschen Telekom. Sie alle haben in ihren Unternehmen verbindliche Vorgaben für die Beschäftigten für seriöses Verhalten - im ethisch-moralischen sowie natürlich auch im strafrechtlichen Sinne. Das geht von sexueller Belästigung bis hin zu Tricks bei der Spesenabrechnung und Korruption. Bei krassen Verstößen droht die fristlose Kündigung.

Im Interesse des Rufs ihrer Firmen werden die Konzernbosse auf der Hut sein, dass Hoeneß keine Kollateralschäden anrichtet. Die drei Optionen für ihn lauten: Rücktritt, Verschnaufpause, Aussitzen. "Ich kann mir den FC Bayern ohne Uli Hoeneß gar nicht vorstellen", hatte Rummenigge zu Beginn des Skandals verkündet. Die Spitze des Vereins setzt auf die Strategie, mit der Kanzlerin Angela Merkel (CDU) versucht hatte, Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zu halten: Den Bedrängten in eine Berufs- und eine Privatperson zu unterscheiden. Schließlich habe sie Guttenberg als Verteidigungsminister engagiert und nicht als Wissenschaftler, meinte Merkel. Die Bayern-Führung agiert auch so: Sie zerlegte Hoeneß in einen Manager ohne und eine Privatperson mit Verfehlungen. Doch in der Außenwahrnehmung funktioniert das schlecht, wie der Fall Guttenberg zeigte.

FC Bayern ohne Hoeneß?

Jüngst sagte Rummenigge: "Ich kann mir den FC Bayern ohne Wenn und Aber nur mit Uli Hoeneß vorstellen. Ich glaube, es ist in diesen Zeiten wichtig, dass man loyal zu seinen Freunden steht. Das ist ein Zeichen auch der Stärke unseres Clubs." Das mag so sein. Die Frage ist nur, ob es der Aufsichtsrat auch so sieht. Die Chefs von Adidas, Audi, Volkswagen und Telekom sollen sich längst auf einen Rückzug des Steuersünders geeinigt haben. Offen ist nur, ob vorübergehend oder dauerhaft - und ob er nachgibt. Laut "Spiegel" hatten die Herren aus der Wirtschaft einen raschen Abgang des Steuertricksers befürwortet, nach dem starken 3:0 der Bayern gegen Barcelona aber eine Schonfrist beschlossen, um die Fans nicht zu verärgern. Audi und Adidas sind im Besitz von 9,1 Prozent der Anteile an der nicht börsengehandelten Bayern München AG. Das ist keine Größenordnung, um Hoeneß zur Aufgabe zu zwingen. "Der Einzige, der diese Entscheidung treffen kann, ist Uli selbst", sagt denn auch Bayern-Legende Beckenbauer im TV-Sender Sky. "Es wird keiner von den Aufsichtsräten die Stimme erheben und etwas Negatives sagen. Dazu haben sie viel zu viel Respekt vor Uli." Beckenbauer kann es sich "schlecht vorstellen", dass sein Freund seine Ämter ruhen lässt. "Ich hoffe, dass alles solidarisch abgewickelt wird", fügte Beckenbauer leicht sibyllinisch hinzu.

Ein Streit oder Machtkampf im Aufsichtsrat der FC Bayern München AG? Kaum vorstellbar. Das Gremium wird wohl eher nach einem Kompromiss suchen, der auf Freiwilligkeit setzt und Hoeneß eine gesichtswahrende Chance lässt. Er könnte den Chefsessel im Aufsichtsrat räumen und ihn im Falle einer überzeugenden Bewältigung der Steueraffäre wieder besetzen. Nach Angaben der Tageszeitung "Welt" setzt der Aufsichtsrat darauf, dass Hoeneß von sich aus Konsequenzen zieht. "Wenn er vernünftig ist, lässt er sein Amt ruhen", zitierte das Blatt einen Insider aus dem Umfeld des Gremiums.

Sollte der Bayern-Manager wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis müssen, wird er kaum zu halten sein. "Auf keinen Fall werde ich vor dem Finale der Champions League zurücktreten", meinte er jüngst in der "Zeit" und ließ damit einen Rückzug für die Zeit danach offen. Das Endspiel ist am 25. Mai. Bis dahin liegt vielleicht schon eine Anklageschrift vor. "Ich finde, der ganze Verein geht sehr seriös und souverän damit (der Affäre - die Red.) um", lobte Rummenigge jüngst sich und seinen Club. Der Aufsichtsrat wird sich bestimmt ein Beispiel daran nehmen.

Wissenscommunity

  • Thomas Schmoll