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Stuttgart in der Champions League: Der bittere Abschied des Jens Lehmann

Er fluchte, schnauzte und hielt, was das Zeug hält. Doch am Ende resignierte auch Jens Lehmann vor dem übermächtigen Gegner. Bitterer als das 0:4 des VfB Stuttgart beim FC Barcelona kann ein Abschied von der internationalen Fußball-Bühne kaum sein.

Von Oliver Trust, Barcelona

Es gibt die gute Nachricht der Nacht des Untergangs in Barcelona: Jens Lehmann hat nach dem 0:4 des VfB Stuttgart im Achtelfinale der Champions League keinem die Brille aus dem Gesicht gerissen wie damals in Mainz, als ihn ein Fan nach einer roten Karte auf sein schlechtes Benehmen ansprach. In Barcelona störte ihn keiner mit unangenehmen Fragen. Es war kurz vor elf, als der 40 Jahre alte Lehmann um die Ecke aus der Kabine an klapprigen Bauzäunen, Zementsäcken und Feuerwehrleitern hinauf zur arg schmuddeligen Busrampe fegte. Weiße Kopfhörer leuchteten in seinen Ohren, seinen Tunnel-Blick hatte er starr geradeaus gerichtet. Lehmann - tatsächlich - er winkte freundlich und hielt eine Banane in der rechten Hand. Gesagt hat er kein Wort.

Vielleicht hat er in dem Moment an die USA gedacht und die Major League Soccer, in die er vielleicht im Sommer wechseln will, wenn in Stuttgart endgültig Schluss ist mit Bundesliga. Rüpelhaftes Verhalten mag man dort nicht besonders. Oder an die Nationalmannschaft, der er sich für die WM in Südafrika als Nothelfer anbietet, weil er sich für gut genug hält und sogar besser als all die anderen. Vielleicht hat Lehmann in der lauen Nacht in Katalonien aber nur gedacht, rutscht mir doch alle den Buckeln runter. Nach dieser Vorführung hätte man das doch gut verstanden.

Er hielt, was zu halten war

Ein paar Mal in jenen 90 Minuten, in denen der Titelverteidiger Barcelona den Stuttgartern und Lehmann nicht den Hauch einer Chance ließ, sondern sie vorführte und demütigte, musste man sich um Lehmann sorgen. Mancher hätte wetten können, Lehmann erlebt das Ende des Spiels nach einem Platzverweis draußen. "Der hat sich wenigstens aufgeregt", sagte Horst Heldt, der Vorstand Sport des VfB. "In seinem letzten Spiel hätte er sich das sicher anders vorgestellt." Man darf vermuten, dass Heldt den Nagel ziemlich auf den Kopf getroffen hat.

Lehmann stand am Ende einer Mannschaft, der einmal vor Angst die Knie schlotterten, die dann wieder in Ehrfurcht erstarrte. Er dagegen versuchte ein Reizklima zu schaffen. Stritt erst mit dem Schiedsrichter, ein Herr Hamer aus Luxemburg, bis der ihm genervt die gelbe Karte zeigte. Er stritt mit Zlatan Ibrahimovic und legte sich mit den Zuschauern an, die ihn alsbald gnadenlos auspfiffen. Und er hielt. Er hielt, was gegen die Fußballkünstler aus Barcelona zu halten war. Viermal gab es nichts zu halten. Noch öfter gab es etwas zu halten.

Zweiklassengesellschaft in Camp Nou

"Er war sauer wie wir alle", berichtete Alexander Hleb. "Vier Tore sind bitter für ihn. Er hat sich mehr erwartet." Wie alle. Das 1:1 im Hinspiel machte Hoffnung. Am Ende hatte sich der VfB Stuttgart völlig überschätzt. 88.500 im Camp Nou sahen eine Zweiklassengesellschaft und beklatschten ein "Barca", dem man nach diesem Spiel zutraut, als erste Mannschaft der Geschichte den Titel des Champions-League-Siegers zu verteidigen. Vorerst steht man im Viertelfinale. "Wir haben ihnen zuviel Raum gelassen", sagte Helb. "Und wir haben ihm zuviel Raum gelassen", sagte der Weißrusse und meinte Lionel Messi. Der quirlige Argentinier zeigte, warum ihn viele für den besten Fußballer der Welt halten - er spielte die Stuttgarter fast im Alleingang schwindelig.

Die taktischen Maßnahmen von VfB-Trainer Christian Gross verpufften völlig. Zdravko Kuzmanovic blieb neben Sami Khedira blass. Christian Träsch gelang auf Rechts vor Stefano Celozzi so gut wie nichts. Nach 13 Minuten schlug Messi das erste Mal zu. Neun Minuten später spielte er einen seiner genialen Pässe, der zum 2:0 durch Pedro Rodiguez führte. Nach einer Stunde das 3:0 durch Messi, und Bojan Krkic gelang kurz vor dem Abpfiff noch das 4:0.

Verschluckt vom Mannschaftsbus

Zwischen dem dritten und vierten Tor, also fast eine halbe Stunde lang, spielten sich auf dem Rasen der Betonschüssel Camp Nou allerlei skurrilen Szene ab. So ziemlich egal, wer im Trikot von Barcelona wen vom VfB umkurvte als sei es ein Kinderspiel, was so ziemlich allen im "Barca"-Trikot gelang, stand irgendwann vor ihm - Jens Lehmann. Der hechtete, flog, faustete, grätschte. Lehmann allein gegen die Wundermannschaft aus Spanien. Den Rest der Stuttgarter hatte Barcelona in Einzelteile zerlegt.

"Wir haben sehr intensiv gespielt und wussten um die Wichtigkeit dieses Spiels", sagte Barca-Coach Josip Guardiola und schob ein großes Lob hinterher: "Ich muss der Mannschaft gratulieren, wir haben viele Dinge richtig gemacht. Messi ist einfach überragend, seine Eltern haben etwas Gutes gemacht."

Gegen die bittere Niederlage hatte sich Lehmann zunächst noch mit aller Kraft gestemmt: Er fluchte, schnauzte Mitspieler an, um sie anzutreiben, er dirigierte - am Ende ließ er auch das sein. Sein letztes großes Spiel auf internationaler Bühne endete als Desaster für ihn. "Wegen solcher Spiele habe ich weiter gemacht, deshalb trainiere ich", hatte er vor kurzem gesagt und die Auftritte in der Champions League gemeint. Dass nun alles so für ihn enden wird, hat ihn verstummen lassen. Was denn Jens Lehmann in der Kabine gesagt oder getan habe, wurden so ziemlich alle seine Stuttgarter Teamkollegen gefragt. Keiner hatte irgendetwas gesehen oder gehört. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Mannschaftsbus den Torwart samt seiner Banane verschluckt.

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