Was meinen Strunz? "Nur noch beschämend"


Schluss mit der Schönrednerei: stern.de-Experte Thomas Strunz hat genug von den Vorstellungen der deutschen Clubs in der Champions League. Der Europameister von 1996 fordert die Vereine zu einem radikalen Umdenken auf: "Wann beginnt man endlich wieder mit der Basisarbeit?"

Fangen wir dieses Mal mit dem aus deutscher Sicht erfreulichsten Spiel (gemeint ist nicht das Ergebnis!) an. Schalke war in der Partie gegen Chelsea London die klar bessere Mannschaft, nicht mehr und nicht weniger. Der Heimpunkt reicht nämlich leider nicht aus, um die Ausgangsposition vor den beiden letzten Spielen komfortabler zu gestalten.

Natürlich war es auch Pech, dass das Team von Trainer Mirko Slomka zweimal nur den Pfosten bzw. die Latte traf, doch es zieht sich wie ein Roter Faden durch die Schalker Saison: Es gibt zu wenig Spieler, die Tore garantieren. Lövenkrands, Asamoah oder Larsen sind Spieler, die für 5 - 6 Tore in einer Saison gut sind. Einzig Kevin Kuranyi hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er in der Lage ist, mehr Tore zu erzielen. Doch wenn er, wie gegen Chelsea, dann auch noch ausfällt, wird es eng für den deutschen Vize-Meister. Gut für die Knappen, dass der vermeintliche Underdog aus Norwegen, Rosenborg Trondheim, beim FC Valencia siegte. So bleiben die Schalker weiterhin im Rennen um den begehrten Achtelfinal-Platz. Mit Siegen zum Schluss der Vorrunde kann man es sogar noch aus eigener Kraft schaffen. Das war es aber auch schon mit den positiven Nachrichten. Jetzt wird's bitter.

Werder Bremen hat mit einer üblen Vorstellung bei Lazio Rom wohl fast alle Chancen verspielt, über die Gruppenphase hinweg zu kommen. Auch den Männern von der Weser müssten dazu noch zwei Siege gegen Real Madrid und Olympiakos Piräus gelingen. Aber selbst das könnte zu wenig sein. Ein neues Wunder von der Weser? Ich mag nicht dran glauben! Am nächsten Spieltag gastiert Real Madrid im Weserstadion. Werder muss dann ohne Diego und Frings antreten. Die Bremer haben mich in dieser einfachen Gruppe richtig enttäuscht. Sie spielen viel zu unkonstant und lassen es manchmal auch an der nötigen Einstellung vermissen. Ich bin mal gespannt, wie das Team die Pleite bei Lazio wegstecken wird. Möglich, dass Werder jetzt auch in der Liga einbricht.

Ganz schlimm steht es um den VfB Stuttgart. Der Meister hat es auch im vierten Spiel nicht geschafft, den ersten Zähler einzufahren. Mit null Punkten aus vier Spielen ist die internationale Saison für die Schwaben nach dem 2:4 in Lyon bereits beendet. Selbst der Uefa-Cup kann nicht mehr erreicht werden. Das ist peinlich für den deutschen Fußball. Das muss man so deutlich sagen. Aber so steht der deutsche Fußball nun mal im Herbst 2007 da. Schlecht! Natürlich kann man sagen: "… Hätte Hitzlsperger den Elfmeter zum 3:3 verwandelt… ", oder "… hätte Stuttgart im ersten Spiel in Glasgow gewonnen… ", was sicher möglich gewesen wäre, dann… ABER: Das ist für mich alles nur Schönrednerei. Wenn unsere drei Teams in 12 Spielen gerade einmal zwei Siege und ein Unentschieden schaffen, dann ist das für den deutschen Fußball insgesamt viel zu wenig und beschämend. Das sind nur 7 von 36 möglichen Punkten - bezeichnend für den derzeitigen Stellenwert der Bundesliga.

Ich weiß schon, dass jetzt wieder Stimmen aufkommen, die sagen, dass die anderen Klubs mehr Fernsehgelder in ihren Ligen bekommen, oder - wie Chelsea - Millionen von einem Mäzen wie Roman Abramovich erhalten. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Der Konkurrent von Schalke heißt Rosenborg Trondheim, der von Werder Olympiakos Piräus. Ganz ehrlich: Das sind wahrlich keine Übermannschaften, und wirtschaftlich können die schon gar nicht mit den deutschen Clubs mithalten. Taktische Ausbildung, mannschaftliche Geschlossenheit und die persönliche Qualität der Einzelspieler, das ist entscheidend. Wann hört man endlich auf, sich selbst Sand in die Augen zu streuen und beginnt wieder mit der Basisarbeit und der Ausbildung von Top-Talenten? Wann gewinnt eine deutsche Jugend-Nationalmannschaft mal wieder einen Titel? Auch der letzte der Titel der A-Nationalmannschaft liegt mittlerweile fast 12 Jahre zurück und das Sommermärchen von 2006 in Deutschland ist doch längst Geschichte.

Es wäre für die gesamte Bundesliga ein komplettes Desaster

, wenn ab Dezember für ein halbes Jahr keine deutsche Mannschaft mehr in der Champions-League vertreten wäre. Doch vielleicht ist diese Saison auch ein Signal, dass es so nicht weitergehen kann und ein Umdenkprozess einsetzen muss. Die Ausbildungsarbeit muss verbessert werden. Dort sollte mehr investiert werden. Ein Teil des Fernsehgeldes könnte doch da mit hineinfließen. Es liegt ein weiter Weg zurück an die europäische Spitze vor uns, das muss spätestens nach diesem Spieltag jedem klar sein. Natürlich wünsche ich mir und uns allen, dass es Schalke oder Werder doch noch irgendwie packen, allein, mir fehlt der Glaube.


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