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Werder-Stürmer Pizarro: Unter Betrugsverdacht

Mit dem 4:0 gegen hoch gehandelte Stuttgarter ist Werder ein eindrucksvoller Qualitätsnachweis endlich auch in der Bundesliga gelungen. Doch die Freude über den Erfolg wird überlagert durch immer neue Enthüllungen in der Affäre um Claudio Pizarro und seinen Berater Carlos Delgado.

Von Frank Hellmann, Bremen

Man weiß seit geraumer Zeit, dass Jens Lehmann zwar wieder in Deutschland lebt, aber noch wie ein Fußballer in England fühlt. Wenn der 39-Jährige die Bundesliga mit der Premiere League vergleicht, kommt die deutsche Liga selten gut weg. Aus englischer Gewohnheit rührt wohl auch die Abneigung, die der Keeper gegen jede Art von Schauspielerei hegt. Nur so ist der Streit zu erklären, den der Torwart des VfB Stuttgart nach dem 0:4 (0:1) bei Werder Bremen mit dessen Spielmacher Diego anzettelte, der nach Lehmanns Befinden viel zu oft fällt. "Wenn Diego sich darüber freut, dass er durch Täuschung einen Freistoß herausholt, dann ist das sein Charakter. Solch einen Spieler kann ich nicht akzeptieren", klagte Lehmann, "den will ich weder in meiner noch in einer anderen Mannschaft haben." Diego entgegnete genervt, Lehmann solle "nicht vergessen, dass er Spieler und nicht Schiedsrichter ist." Schon in der Halbzeit sollen sich die Protagonisten so richtig gezofft haben. Von Schubsereien und Pöbeleien im Kabinengang ist die Rede; verbürgt ist Lehmanns englische Beschimpfung "cheater" in Richtung des Bremer Brasilianers, der dem Stuttgarter Ballfänger ja dreist einen Freistoß ins Tor gezirkelt hatte. "Cheater" heißt übersetzt Betrüger. Allerdings ist das wahre schmutzige Spiel mit vielleicht echten Schurken in Bremen ein ganz anderes - nämlich der Skandal um Carlos Delgado, Berater von Stürmerstar Claudio Pizarro.

Scheibchenweise dringen immer neue Details in der Delgado-Affäre mit dessen Spieleragentur Image an die Öffentlichkeit. Nun ist ein Schriftstück aufgetaucht, das angeblich beweisen soll, dass der von Chelsea an Werder nur ausgeliehene peruanische Nationalstürmer 30 Prozent der Transferrechte am 2001 für 1,35 Millionen Dollar nach Bremen transferierten und nachweislich nicht bundesligatauglichen Spielers Roberto Silva besessen habe. Profis wie Pizarro ist es aber strikt verboten, während der aktiven Zeit als Berater tätig zu sein. Bei Zuwiderhandlung droht eine bis zu zweijährige Sperre durch den Weltfußballverband Fifa.

Deshalb war am Sonntagabend auch Willi Lemke einer der gefragtesten Männer im Weserstadion. Der frühere SPD-Politiker, als streitbarer Manager einst prägnante Kultfigur Werders, steht seit 2005 dem Aufsichtsrat vor und nimmt meist einen der Platinsitze auf der Nordtribüne ein. Doch derzeit wird nach Lemke auch wieder in der Mixed Zone im Bauch der Ostkurve verlangt - dort wo die Medien die Meinung machen. "Ich bin glücklich, dass ich dem Verein mit meiner jahrzehntelangen Erfahrung unterstützen kann", sagte Lemke, "als Krisenmanager bin ich jetzt gefragt." Am liebsten hätte der UN-Sonderberater wohl selbst das Ausrufezeichen hinter diese Aussage gesetzt. "Was da gerade geschieht, ist für unser gutes Image völlig kontraproduktiv." Der vierfache Familienvater wand sich nach der Feierstunde gegen die Schwaben, zu der Pizarro ein Traumtor - sein 20. Pflichtspieltreffer für die Grün-Weißen - beitrug, wie ein Aal. Einerseits habe er "keinen Zugang zum Aktenkoffer Delgados", er zolle dem Leihstürmer des FC Chelsea "hohen Respekt", aber andererseits kriege er "Schüttelfrost, wenn etwas gegen die Fifa- oder Uefa-Statuten verstößt". Pizarro etwa könne sich bitteschön "an Autohäusern oder sonst etwas" beteiligen, beim Mitkassieren bei Transfers von Kicker-Kollegen wäre auch Lemkes Geduld schnell erschöpft. "Die ersten Dokumente, die wir einsehen konnten, weisen glücklicherweise nicht darauf hin."

Klaus Allofs, der nach dem Rücktritt von Jürgen L. Born vorläufig zum Vorsitzenden der Geschäftsführung aufgerückte 52-Jährige, glaubt anders als Lemke mehr an das Gute als an das Schlechte im Fall Pizarro: "Es besteht kein Grund, von Claudio abzurücken. Sportlich und menschlich passt es hier. Ich kann nicht erkennen, dass er etwas Unrechtes getan hat." Fakt ist: Gegen Delgado ermittelt die peruanische Justiz bereits wegen Steuerhinterziehung. Das in Lima bereits den Medien zugespielte Material gilt als mehr als belastend. Pizarro, 30, wird voraussichtlich am 23. März in seiner Heimat aussagen müssen. Am Sonntag zog er es vor, weder zum Spiel noch zu den Vorwürfen Stellung zu beziehen. Ihm und seinem Kompagnon Delgado, der als einer der wichtigsten Agenten auf dem seit jeher undurchsichtigen südamerikanischen Spielermarkt ein Vermögen von mehr als 100 Millionen Euro angehäuft haben soll, wird es schwer fallen, unbeschadet aus der Affäre herauszukommen. Denn Delgados Ex-Frau, das frühere Model Fiorella Faré, die aus Rache den Spielervermittler beschuldigt, besitzt nach eigenen Angaben 4000 Dokumente, die weitere pikante Details enthalten könnten. "Es ist nur zu hoffen, dass nicht auch der Rest der Geschäftsführung darin verstrickt ist", äußert ein Werder-Angestellter besorgt.

Könnten also neben Born, der am Transfer von da Silva und der Vertragsverlängerung von Nelson Valdez in den Jahren 2001 und 2003 in fünfstelligen Größenordnungen mitverdient haben soll, vielleicht auch die Geschäftsführerkollegen Manfred Müller und Allofs als Mitwisser in den Fokus rücken? "Nein, nein. Darauf gibt es nicht die geringsten Hinweise", beteuert Lemke. Eine renommierte internationale Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sei bereits zur Klärung eingeschaltet, vier bis sechs Wochen wird deren Arbeit dauern. Ein Klub zwischen Bangen und Hoffen.

"Was sollen wir machen?"

"Was sollen wir machen, wenn ein südamerikanischer Vermittler unlautere Dinge macht?", fragt Lemke. "Ein Transfer in Südamerika ist nicht so einfach wie ein Wechsel eines Spieler in der Bundesliga von A nach B." Das mag ja sein, aber kann man nicht genauer die Geldflüsse verfolgen? Oder die Rechtfertigung der Provisionen hinterfragen? So stellt der Aufsichtsratsboss derzeit angesichts der rufschädigenden Schlagzeilen fest: "Das nervt total. Wir können schlecht damit umgehen, denn man weiß nicht, was noch kommt."

Lemke gilt nicht unbedingt als Freund des bereits gesprengten Triumvirats mit Born, Müller und Allofs - 2006 hatte er noch mal nach einem Chefposten gestrebt, wurde aber von diesem Trio ausgebremst. Einzig dem für Vereinsangelegenheiten zuständigen Klaus-Dieter Fischer ist der frühere Marathonläufer aus seligen Rehhagel-Zeiten noch eng verbunden. Rund ums Weserstadion macht das Gerücht die Runde, Lemke selbst wolle 2010 ins Rampenlicht und ins operative Geschäft zurück, was kurios wäre, weil genau dann sein Lieblingsfeind Uli Hoeneß im fernen Bayern ausschiede. Doch dazu wird es wohl nicht kommen. "Ich habe bei den UN einen Traumjob bis ins nächste Jahr. Und ich bin gerade für weitere vier Jahre in Werders Aufsichtsrat gewählt. Bei dieser Funktion soll es bleiben", sagt Lemke. Also dürfen andere Kandidaten für den Geschäftsführerposten gehandelt werden. Intern fallen Namen wie Oliver Rau (derzeit Marketing), Hinrich von Hallen (Controlling) oder Tino Polster (Medien), extern vor allem der von Marco Bode, eloquenter Vorzeigeprofi von der Weser. Er ist aus der Zeit bei der Nationalmannschaft auch ein guter Freund Lehmanns.

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