Frings im Interview "Ich habe nichts gegen Argentinier"


Torsten Frings erzählt im Interview, wie schön der Viertelfinal-Sieg 2006 gegen Argentinien war und wie man die Gauchos schlägt.
Von Lars Gartenschläger

Den 30. Juni 2006 wird Torsten Frings, 33, nie vergessen. Deutschland spielte im WM-Viertelfinale gegen Argentinien und siegte 4:2 im Elfmeterschießen. Die Freude war groß - bis die Verlierer ausrasteten. Nach einem Tritt von Leandro Cufre gegen Per Mertesacker gab es eine Rangelei zwischen den deutschen und argentinischen Spielern. Im Pulk war auch Frings. Laut Darstellung des Fußball-Weltverbandes Fifa soll er Julio Cruz geschlagen haben. Frings bestreitet das bis heute, Cruz gab ihm Recht. Dennoch wurde der Mittelfeldspieler von Werder Bremen nach einer Verhandlung von der Fifa für das Halbfinale gegen Italien gesperrt. Ausgerechnet er, der bis dahin eine überragende WM gespielt hatte. Am 20. Januar 2010 wurde Frings von Bundestrainer Joachim Löw aus der Nationalelf aussortiert.

Herr Frings, wo erreichen wir Sie gerade?

Zuhause. Allerdings bin ich etwas müde. Ich bin gerade von einem Amerika-Urlaub zurück. Dort war ich unter anderem in New York. Ein Traum. Aber jetzt habe ich einen Jetlag. Egal, ich kann mir denken, warum sie anrufen. Sie wollen sicherlich mit mir über das Argentinien-Spiel reden.

Genau.


Was soll ich sagen? Ich denke, wir waren damals über das ganze Spiel hinweg die bessere Mannschaft und haben insgesamt viel mehr für einen Sieg getan. Am Ende haben wir - Gott sei dank - im Elfmeterschießen gewonnen. Völlig verdient. Wir haben in Berlin ein großartiges Spiel gezeigt. Ich habe an das Spiel jedenfalls keine schlechten Erinnerungen.

Das sagen Sie, der danach gesperrt wurde.


Ich kann es doch im Nachhinein sowieso nicht mehr ändern. Die Argentinier haben sich damals unmittelbar nach dem Ende als extrem schlechte Verlierer gezeigt. Anderseits haben sie später, als es vor dem Weltverband um eine Sperre ging, nicht gegen mich ausgesagt. Das fand dich gut. Vielleicht wollte die Fifa damals einfach nur irgendwie auf diese Vorkommnisse reagieren. Leider hat es mich getroffen. Aber ich habe deshalb nichts gegen die Argentinier. Sie haben mich ja nicht für das Halbfinale gesperrt.

Nun trifft Deutschland wieder im Viertelfinale auf Argentinien.


Das wird bestimmt wieder ein tolles Spiel. Ich drücke den Jungs dafür ganz fest die Daumen und wünsche ihnen, dass sie erfolgreich spielen und möglichst weit bei dieser WM kommen. Ich darf zwar nicht mehr für Deutschland spielen. Aber es ist doch klar, dass ich für Deutschland bin. Ich habe immer gern für unser Land gespielt und habe doch mit niemandem beim DFB Probleme. Es ist ja der nur Trainer, der der Meinung ist, dass ich nicht mehr gut genug für die deutsche Nationalmannschaft bin und in das Spielsystem passe.

Haben Sie denn die bisherigen Spiele der deutschen Mannschaft in Südafrika verfolgt.
Ja.

Und, was sagen Sie zu den Auftritten?


Ich denke, nach dem 4:0 gegen Australien sind alle zu schnell in eine Euphorie verfallen. Das war für mich nicht nachvollziehbar. Denn in Anbetracht des Niveaus, auf dem wir Deutschen uns messen müssen, war das ein um zwei Klassen schlechterer Gegner. Gegen Serbien hat die Mannschaft unglücklich verloren. Denn sie hatte viel mehr Spielanteile und die besseren Chancen. Na gut, und das Spiel gegen Ghana hat mich an die EM 2008 erinnert, an das letzte Vorrundenspiel gegen Österreich. Das war wieder so ein Spiel, wo keiner groß etwas riskieren wollte. Ein Fehler der Deutschen hätte ja durchaus das Aus bedeuten können. Ich hätte jedenfalls nicht gedacht, dass es ein Endspiel gegen Ghana gibt.

Umso überzeugender war aber das England-Spiel.


Da haben die Jungs teilweise wirklich hervorragend gespielt. Aber sie haben natürlich auch stark von dem Wembley-Tor profitiert. Ich hätte gern mal gesehen, wie das junge Team mit dem 2:2 umgegangen wäre. Das hätte vielleicht einen Knacks gegeben. Sie hat ja nach dem Anschlusstreffer schon in einigen Situationen etwas gewackelt.

Die Nation liegt der Mannschaft trotzdem schon wieder zu Füßen.


Ist doch klar, dass sich die Menschen freuen. Das ist gut und total zu verstehen. Ich freue mich doch auch. Aber sind wir doch mal ehrlich: Die Mannschaft steht im Viertelfinale. Das muss ihr Anspruch sein - wir sind immerhin Deutschland. Doch im Endeffekt hat sie noch nichts Großes erreicht. Alles andere wäre eine Enttäuschung gewesen. Jetzt geht es doch erst richtig los. Nun kommen die wichtigen Spiele, in denen es auch auf Erfahrung ankommt.

Wie beurteilen Sie die Chancen am Samstag?
Sie sind gar nicht so schlecht. Das Team trifft natürlich auf eine sehr gute Offensive, dafür ist der Gegner aber hinten anfällig. Ich denke, wenn wir es schaffen, zu agieren und das Spiel unter Kontrolle zu bekommen, haben wir gute Möglichkeiten weiterzukommen. Es wird ein knappes Ding, aber ich rechne mit einem 2:1 für Deutschland. Ich wünsche den Jungs jedenfalls alles, alles Gute.

Ihr Bremer Kollege Mesut Özil hat durch seine Auftritte das Interesse bei anderen Klubs geweckt. Soll er gehen oder bei Werder verlängern?


Es die Sache von Mesut. Er muss selbst wissen, was das Beste für ihn ist. Wenn er einen Rat will, kann er mich als erfahrenen Profi gern anrufen.

Herr Frings, freuen Sie sich über das Bundesliga-Comeback Ihres guten Freundes Michael Ballack, den Bayer Leverkusen wieder verpflichtet hat?


Auf jeden Fall. Das werden heiße Duelle mit ihm. Dass Michael wieder zurück ist, ist gut für die Bundesliga. Doch der FC Chelsea wird sich noch ärgern, dass sie ihn abgegeben haben. Michael ist immer noch ein Weltklassespieler, eine enorme Bereicherung für jeden Klub - und übrigens auch für die deutsche Nationalelf.

Mit freundlicher Genehmigung von WELT ONLINE


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