Fußball-Nationalmannschaft Joachim Löw - die Krise des Unantastbaren

Knapp zwei Monate sind es noch bis zur Fußball-WM in Südafrika. Und Bundestrainer Joachim Löw hat in Sachen Nationalmannschaft allen Anlass beunruhigt zu sein. Das Schlimme daran: Fast alle Probleme sind hausgemacht.
Von Klaus Bellstedt

Vor dem letzten WM-Qualifikationsspiel gegen Finnland im Oktober 2009 ließ der DFB nach einer Pressekonferenz von Joachim Löw in Hamburg über einen Sponsor kleine Kulturtäschchen mit Pflegeprodukten an die Nationalmannschaftsreporter verteilen. Ein halbes Jahr später möchte man dem Bundestrainer, dem Testimonial dieses Sponsors, die Kulturtasche am liebsten zurückgeben. Joachim Löw scheint sieben Wochen vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft akut pflegebedürftig. Löw jammert viel.

"Wir müssen in den Wochen bis zur WM einen Spagat schaffen", erklärte Löw in dieser Woche und stufte dieses Unternehmen angesichts des Zeit- und Personalfaktors schon jetzt als "problematisch" ein. Denn einige seiner Pflegefälle verpassen wegen ihrer Verpflichtungen im Club nicht nur den für den 12. Mai angesetzten Fitnesstest in Düsseldorf und das erste WM-Vorbereitungsspiel einen Tag später in Aachen gegen Malta, sondern steigen auch in das erste Trainingslager auf Sizilien verspätet ein. "So what?", möchte man Löw zurufen. Ist es wirklich so schlimm, dass Nationalmannschafts-Führungsspieler wie Mertesacker, Ballack oder Schweinsteiger das richtungweisende Testspiel gegen den "Fußballriesen" Malta verpassen und erst später dazu stoßen? Ist es nicht sogar von Vorteil, dass die Genannten "voll im Saft stehend" und total im Rhythmus zum DFB-Tross stoßen?

Zu frühe Festlegung auf die Nummer 1

Löw sieht das anders. Die Situation sei "ernst", sagt er. Und es verfestigt sich der Eindruck, als wolle der Bundestrainer mit seiner Jammerei über seinen Rumpfkader von anderen, von hausgemachten, Problemen ablenken. Von Problemen, die auf der Hand liegen - und die den WM-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft akut gefährden könnten. Nehmen wir aktuell das Beispiel des Eiertanzes um Kevin Kuranyi. Da zieht sich das Trainerteam für drei Tage zur Klausur in den Schwarzwald zurück, um unter anderem diese wichtige Personalie zu klären. Ergebnis: Eine Entscheidung über eine Begnadigung und Rückholaktion des Schalke-Stürmers will Löw in den nächsten beiden Wochen bekannt geben, wie er am Mittwoch auf der Internetseite "team.dfb.de" mitteilte. Über das Thema Kuranyi sei "natürlich gesprochen worden", erklärte Löw. Mit einer schnellen Entscheidung sei jedoch nicht zu rechnen. "Wir lassen uns von dem öffentlichen Druck nicht treiben. Wir werden rechtzeitig bekanntgeben, wie unsere Entscheidung ausgefallen ist", so der Bundestrainer. Und weiter: "Wir werden uns zu diesem Thema äußern bis Ende April."

Mit seiner Hinhaltetaktik in Bezug auf den zurzeit besten deutschen Stürmer neben Leverkusen Stefan Kießling erreicht Löw aber genau das Gegenteil. Sollte Kuranyi weiter regelmäßig treffen, würde der Druck der Medien auf den Bundestrainer schnell um ein Vielfaches ansteigen. Löw hätte mit der unausweichlichen Begnadigung Kuranyis rechtzeitig ein Zeichen setzen können. Er hätte auf diesem Minenfeld schon jetzt seine Ruhe gehabt. Stattdessen wird die Sau noch weitere zwei Wochen durchs Dorf getrieben. Chance verpasst!

Aber da sind noch andere Probleme, die sich der Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft selber eingebrockt hat. Drei Beispiele: Da wäre als die überhastete Festlegung auf René Adler als Nummer 1 im deutschen WM-Tor. Seit der Bekanntgabe hat Leverkusens Schlussmann, der bis dahin eine herausragende Saison gespielt hatte, seine Souveränität verloren. Auch Manuel Neuer, der am Kap Ersatzmann von Adler werden soll, hat neuerdings immer wieder kleine Patzer im Repertoire. Die Nummer 3, Tim Wiese, leistet sich noch am wenigsten Fehler. Zudem spielt er, anders als die Rivalen, seit Jahren mit Werder Bremen im internationalen Geschäft. Wiese kann noch so gut halten. Er wird in Südafrika nicht spielen. Es verfestigt sich der Eindruck, als habe Löw Probleme mit Spielern, die zu selbstbewusst und fordernd auftreten. Der Bremer Keeper ist so ein unbequemer Charakter.

Robert Huth nach wie vor ein Kandidat - aber warum?

Genauso wie sein Teamkollege von der Weser, Torsten Frings. Im Januar teilte Löw dem Defensiv-Allrounder mit, dass er ihn für die WM nicht mehr auf dem Zettel habe. Über die Gründe der frühzeitigen Ausbootung wird bis heute kontrovers diskutiert. Aber das ist auch nebensächlich. Fakt ist, dass sich Löw mit der Entscheidung contra Frings einer überaus wichtigen sportlichen Alternative selbst beraubt hat. Für die so wichtige Position neben Kapitän Michael Ballack in der Mittelfeld-Zentrale musste sich Löw bereits auf den Münchner Bastian Schweinsteiger festlegen, weil der Leverkusener Simon Rolfes nach erneuter Knie-OP die WM abschreiben muss, der Stuttgarter Khedira nach einem Kreuzband-Anriss erst wieder um den Anschluss ringt und Hitzlsperger bei Lazio Rom zuletzt nicht mal im Kader stand. Löw spielt mit dem Feuer. Ein verletzungsbedingter Ausfall von einem der beiden Leistungsträger Ballack oder Schweinsteiger wäre für Löw die größte Horror-Vorstellung überhaupt.

Joachim Löw ist ein Trainer, der viel Ruhe, Konstanz und Gelassenheit ausstrahlt. Seine souveräne und ja auch erfolgreiche Arbeitsweise hat ihn beim DFB in den letzten Jahren unantastbar gemacht. Aber sein Ruf der Unantastbarkeit hat in den letzten Wochen kleine Risse bekommen. Ein letztes Beispiel: Dass der Trainer seine Lieblinge hat, ist längst kein Geheimnis mehr. Spieler, die ihn seit Jahren treu begleiten, auf die mag er einfach nicht verzichten. Die aktuelle Form im Club zählt als Argument dann offenbar nicht mehr. Wie sonst ist zu erklären, dass selbst einer wie Arne Friedrich von Hertha BSC Berlin noch seine Chancen hat, bei der WM in Südafrika wieder dabei zu sein? Wie sonst ist zu erklären, dass einer wie Robert Huth in den WM-Kaderüberlegungen von Joachim Löw tatsächlich eine Rolle spielt? Fehlt eigentlich nur noch, dass Sean Dundee, das Torkrokodil, am 6. Mai in den erweiterten Kader der Deutschen berufen wird - anstelle von Kevin Kuranyi.


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