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Kältewelle schockt Fußball-WM: Zieht euch warm an!

Neben den Vuvuzelas ist das südafrikanische Klima Gesprächsthema Nummer 1 im WM-Gastgeberland. Derzeit leidet das Land unter einer Kältewelle. Die deutsche Elf könnte deshalb Probleme bekommen.

Von Klaus Bellstedt, Centurion

Ach war das schön: Beim Deutschland-Spiel in Durban am letzten Sonntag wurden noch Frauen im Bikini-Oberteil und Männer mit freiem Oberkörper im Stadion gesichtet. Zum Anpfiff zeigte das Thermometer lauschige 20 Grad Celsius. Ein paar Stunden zuvor, nur 300 Meter Luftlinie vom Stadion entfernt am Strand des Indischen Ozeans, ritten Surfer die Wellen ab. Auf der Strandpromenade ging es zu wie in Venice Beach. Die Temperaturen lagen bei weit über 25 Grad. Warum um alles in der Welt hat Team-Manager Oliver Bierhoff nicht Durban als deutsches WM-Quartier ausgesucht? Diese Frage stellten sich "Schland"-Fans und der deutsche Reportertross gleichermaßen. Aber nein, es musste ja ein Quartier in der nördliche Provinz Gauteng sein. Jetzt hockt die deutsche Nationalmannschaft im Hotel "Grande Velmore" in der Nähe von Pretoria - und muss nun frieren.

Der südafrikanische Winter hat die Fußball-WM vor allem in den Höhenlagen von Johannesburg, Pretoria oder Bloemfontein, wo die Temperaturen von 18 auf fünf Grad einbrachen, spätestens seit Dienstag fest im Griff. Am Mittwoch waren zahlreiche Bergpässe in der Ostkap-Provinz nach Schneefällen gesperrt. Nahe der Karoo-Stadt Graaff-Reinet bauten Urlauber Rundfunkberichten zufolge sogar Schneemänner. Aber auch der Süden des Landes ist betroffen: In Kapstadt und Umgebung sind Regen und einstellige Temperaturen angesagt.

Temperatursturz überrascht Spieler

Bereits am Montag hatte es beim Spiel Italien gegen Paraguay in Kapstadt in Strömen geregnet. Und es gibt auch schon erste WM-Kälte-Opfer: Einer der sonnenverwöhnten Italiener zog sich beim 1:1 eine Blessur zu, die ganz gerne auch mal bei kühlem Wetter passiert. Keeper "Gigi" Buffon klemmte sich den Ischias-Nerv ein. Bastian Schweinsteiger wird von einem Infekt der oberen Atemwege geplagt. Zum Anpfiff der Partie der Südafrikaner am Abend gegen Uruguay wurde vom "SA Weather Service" eine Temperatur von ein Grad minus vorausgesagt. Frost bei einer Fußball-Weltmeisterschaft, das gab es zuletzt 1978 in Argentinien.

DFB-Shootingstar Thomas Müller, der vom Temperatursturz ebenfalls überrascht wurde und zur Pressekonferenz am Dienstag in kurzen Hosen erschien, zeigte sich allerdings hart im Nehmen: "Darauf kann man sich einstellen." Der Deutsche Fußball-Bund hatte vor Turnierbeginn sogar eine Sauna für 15 Personen per Schiff nach Südafrika transportieren und im Mannschaftshotel installieren lassen. TV-Moderatoren mussten ihre Aufsager am Mittwochmorgen für die Frühsendungen allerdings draußen produzieren - bei einem Grad Frost.

Gutes Wetter für Serbien-Spiel

Nun kommt die Kälte in ihrer Wucht zwar überraschend, aber dass auf der Südhalbkugel jetzt eben Winter ist, wusste man beim DFB natürlich schon vorher. In der Vorbereitung hatten sich Bundestrainer Joachim Löw und sein Team auf die erste Winter-WM eingestellt - soweit das eben auf Sizilien und in Südtirol möglich ist. Zeugwart Thomas Mai versuchte, „auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein“. Darum wurden neben dicken Jacken und Mützen sogar Handschuhe mit nach Südafrika geschleppt. Weiße und schwarze Trikots gibt es auch in der Ausführung mit langen Ärmeln.

Raus aus den Pantoffeln, rein in die Pantoffeln: Dicke Jacken und Handschuhe wird die deutsche Mannschaft beim zweiten Gruppenspiel in Port Elizabeth am Freitag um 13.30 Uhr gegen Serbien nicht brauchen. Am Indischen Ozean werden dann Sonne und 21 Grad erwartet - so ähnlich also wie in Durban beim WM-Auftakt der Deutschen. Der extreme Klimawechsel kann dann tatsächlich zum Problem für die Spieler werden, weil der Organismus dadurch erneut stark belastet wird. „Für den Körper ist es viel leichter, sich von warmen Temperaturen an kältere zu adaptieren als umgekehrt“, sagte DFB-Mannschaftsarzt Anfang letzter Woche. Die Akklimatisierung läuft für die deutsche Mannschaft also gewissermaßen in die falsche Richtung - was das Spiel gegen Serbien betrifft.

Wetter gleicht Achterbahnfahrt

Aber zurück auf die Achterbahn, zurück in die Kälte: Durban, Port Elizabeth und dann die Höhe von Johannesburg: Der erste frostige WM-Ernstfall findet für das DFB-Team dann im dritten Gruppenspiel gegen Ghana statt. Löws Assistent Hansi Flick hat für die Zeit nach der Rückkehr aus Durban schon die richtige Parole an die Spieler ausgegeben: „Zieht euch warm an und fönt euch die Haare, das ist das Einzige, was wir den Jungs sagen können. Das kennen sie ja von ihren Mamas.“ Es ist WM in Südafrika. Das Land ist ein Traum. Die Menschen sind so freundlich. Aber eigentlich möchten alle nur ganz schnell in die Wärme am Indischen Ozean.

P.S.: Wird das Klima die Leistung der deutschen Elf beeinflussen? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

Von Klaus Bellstedt

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