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WM 2010: Interview mit Sami Khedira: "Ich bin hier, um den Titel zu holen"

Joachim Löw sagt über ihn, er spiele wie der junge Ballack: Sami Khedira. Im Interview mit stern.de spricht der DJ der DFB-Elf über Drecksarbeit auf dem Platz, den Vuvuzela-Terror und Bushido.

Sami Khedira, Joachim Löw sagt, Sie spielen wie ein junger Michael Ballack. Ist das ein Ritterschlag?
Ich bin sehr stolz, Teil dieser Mannschaft zu sein, will solche Vergleiche aber eigentlich erst gar nicht aufkommen lassen, kopiere niemanden. Jeder weiß, dass Michael ein Weltklassespieler mit einer riesigen Erfahrung ist.

Sie haben in der E-Jugend des VfB Stuttgart angefangen, durchliefen seit der U15 alle DFB-Auswahlteams, sind jetzt Bundesligastar und Nationalspieler. Das nennt man einen kometenhaften Aufstieg.
Es ging nicht immer steil bergauf. 2005/2006 habe ich nach einer schweren Knieverletzung fast gar nicht gespielt, war sogar meine Karriere gefährdet, schien alles zum Scheitern verurteilt. Ich bin dann zu Klaus Eder nach Donaustauf (Eder ist Chefphysiotherapeut der Nationalmannschaft; d. Red.) zur Reha. Klaus hat damals zu mir gesagt: Wir fahren 2010 zusammen zur WM nach Südafrika. Er hat Recht behalten. Seit der Geschichte mit dem Knie arbeite ich noch härter an mir.

Sie waren gegen Australien omnipräsent, sind immer wieder in die Spitze gegangen, hatten mit über zehn Kilometern die größte Laufleistung der deutschen Mannschaft auf dem Tachometer. Können Sie dieses Niveau über eine gesamte WM, im Idealfall sind es ja sieben Spiele, halten?
Meine Position im zentralen Mittelfeld bringt viel Arbeit mit sich, da sind lange Wege jobbedingt. Normalerweise laufe ich sogar über zwölf Kilometer im Spiel. Ich habe mich gegen Australien in der zweiten Halbzeit aber offensiv bewusst etwas zurückgehalten. Wir führten 2:0, und es ging ja auch darum, ohne Gegentor zu bleiben. Konditionell ist das Pensum kein Problem. Wir alle sind top vorbereitet. Ausdauer, Kraft und Spritzigkeit sind da.

Wie funktioniert die Kommunikation des Schwaben Khedira mit Ihrem bayerisch sprechenden Nebenmann Bastian Schweinsteiger? Wie sehr stören die Vuvuzelas?
Der Lärmpegel ist extrem hoch, da versteht man manchmal sein eigenes Wort nicht. Mit Bastian verstehe ich mich super. Er ist taktisch gut ausgebildet, kann das Spiel lesen. Beides nehme ich auch für mich in Anspruch. Manchmal braucht es für die Abstimmung kein Wort, genügt ein Blickkontakt, genügen Zeichen. Unser Auftrag ist klar: Die Mitte muss zu sein. Ich glaube, das machen wir zusammen ganz gut.

Ihr Vertrag beim VfB Stuttgart läuft im Sommer 2011 aus. Könnte es sein, dass die Zusammenarbeit mit ihrem Nationalmannschafts-Kollegen Schweinstiger alsbald auch beim FC Bayern München zu bewundern sein wird?
Im Fußball ist alles möglich, aber mein erster Ansprechpartner ist der VfB Stuttgart. Über meine persönliche Zukunft mache ich mir hier bei der WM keine Gedanken. Ich reiße mir den Hintern auf, um mit der Mannschaft Erfolg zu haben, mache gerne Drecksarbeit. Das war schon bei der U21-Europameisterschaft so. Ich renne für Mesut Özil, er entscheidet das Spiel. So sieht das im Idealfall aus. Ich muss nicht in den Vordergrund.

Sie sind Deutscher Meister geworden, haben Champions League gespielt. Können Sie das Besondere einer WM beschreiben?
Die Champions League war ein Highlight, die WM ist noch mal eine Nummer größer, emotionaler, mit einem speziellen Flair. Für mich ist ein Traum wahr geworden, das Schönste, was ich bisher als Fußballer erlebt habe. Die ganze Welt schaut zu, wie wir Fußball spielen. Wahnsinn.

Auch die serbischen Fußballer dürften das deutsche 4:0 gegen Australien gesehen haben. Sind die Serben ein anderes Kaliber als Australien?
Ja, das wird mit Sicherheit schwerer, für die geht es ja schon um alles. Wir haben aber auch noch Möglichkeiten, uns zu steigern, ordnen das Australien-Spiel richtig ein.

Wissen Sie, wie hoch die Prämie für den WM-Titel ist?
Nein, keine Ahnung, ich würde hier auch ohne Geld spielen, bin einfach nur stolz.

Ab wann würde das Turnier für Sie persönlich als Erfolg gelten? Viertelfinale, Halbfinale?
Wir wollen bis zum Ende dabei sein. Wenn man im Viertelfinale nach einem tollen Spiel ausscheidet, bekommt man vielleicht Applaus. Aber da ist nichts, was bleibt. Klar wäre das Halbfinale ein Erfolg, aber ein Titel ist ein Titel. Der bleibt, den hat man. Ich bin hier, um den Titel zu holen.

Sie sind in Stuttgart geboren, Ihr Vater ist Tunesier. Fühlen Sie sich als tunesischer Schwabe?
Als Schwabe. Aber ich kann gleich zwei Länder glücklich machen. Tunesien hat sich leider nicht für die WM qualifiziert, ich bin der einzige "Landsmann" hier in Südafrika. Ganz Tunesien drückt uns die Daumen, die fiebern mit uns mit.

Sie sind der neue Discjockey im Team, haben Gerald Asamoah abgelöst. Wie kommt Ihre Auswahl an?
Gut, ich habe jedenfalls noch keine Klagen gehört. Vor und nach dem Spiel gegen Australien haben wir "Fackeln im Wind" gehört. Das hat Bushido extra für uns für die WM geschrieben, sollte eigentlich gar nicht veröffentlicht werden.

P.S.: Wie wichtig ist Sami Khedira für die Nationalmannschaft? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

Klaus Bellstedt

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