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WM 2010: Lahm contra Ballack: Machtkampf zur Unzeit

Lautstark hat Philipp Lahm Anspruch auf die Kapitänsbinde von Michael Ballack erhoben. Vor allem der Zeitpunkt so kurz vor dem WM-Halbfinale irritiert. Der Versuch einer Interpretation.

Von Rüdiger Barth

Es war bislang eine rosarote Welt, die Welt der deutschen Nationalmannschaft in Südafrika. Eine sympathische, junge Elf, Spiele, die die Welt begeisterten, ein raffinierter Trainer, und zu Hause ist das Volk trunken vor Freude. Unmittelbar vor dem Halbfinale der Weltmeisterschaft nun hat der Kapitän Philipp Lahm dieses Bild eingetrübt. Was passiere, wenn Michael Ballack nach der WM zurückkehrt? "Freiwillig gebe ich die Binde nicht ab", verkündete Lahm der Münchener "tz". Die Frage ist: Warum nur tat er das?

Das Deutschland des WM-Sommers 2010 hat sich schon seinen Weg in die Geschichtsbücher erspielt, die glorreichen Siege gegen England und Argentinien erinnern in ihrer Ausstrahlung an Wembley 1972. Künftig werden sie das Ideal des modernen deutschen Fußballs prägen. Wenn die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw nun gar noch Weltmeister werden sollte, errichtete sie sich selbst ein Monument. Denkbar, dass Ballack sich bis gestern gezwungen gesehen hätte, von sich aus zu sagen: Glückwunsch, dieses Team braucht mich nicht mehr. Und niemand hätte Lahm als Kapitän infrage gestellt.

Beim FC Bayern hatte der Münchner Verteidiger im vergangenen Herbst mit einer derart offensiven Medienpolitik beste Erfahrungen gemacht: Statt für seine Kritik am Klub, an der Mannschaft bestraft zu werden, feierte man ihn später als einen der Väter des erstaunlichen Erfolgs. Beim DFB sind seine aktuellen Äußerungen autorisiert worden, auch Joachim Löw wusste, was Lahm sagen würde. Verhindert hat es der Bundestrainer nicht. Ein Statement?

Was bezweckt Lahm?

Viele Lesarten für Lahms Ausführungen gibt es jedenfalls nicht. Entweder er beeilt sich, die Gunst des Augenblicks zu nutzen, bevor Spanien die Deutschen womöglich entzaubert. Oder er fürchtet, dass Bundestrainer Löw nach der WM aufhören wird, und will sich früh eindeutig positionieren, bevor jene ganz andere Diskussion losbricht - wer wird Löws Erbe? Matthias Sammer, der in allen Gedankenspielen als Favorit gehandelt wird, ist ein Fan altmodisch kerniger Anführer, war ja selbst mal einer. Und drittens: Lahm handelt im Auftrag des Mannschaftsrates. Warum dann aber dieser Zeitpunkt?

Michael Ballack schweigt dazu. Er kann auch, solange die WM läuft, solange Deutschland juchzt, mit jeder Äußerung nur verlieren. Gewiss hat er sich keinen Gefallen getan, bei der Mannschaft in Südafrika vorbeizuschauen - er lieferte der Welt vor allem Bilder, wie er, tapfer jubelnd, in Zivil unter DFB-Funktionären am Eingang zum Stadiontunnel wartete. Die Spieler, das weiß er selbst am besten, sind nach langen Wochen eines Turniers in einem eigenen Film. In ihren Streifen hineinzuschlüpfen, das konnte nicht glücken. Nach seiner Abreise hat er von seinem, ja, was: Vertreter? Nachfolger? nun diese Kampfansage hinterhergeschickt bekommen.

Die WM mag mit den Halbfinals in ihre entscheidende Phase gehen. Für die Nationalmannschaft ist das Turnier aber noch lange nicht vorbei.

P.S.: Was halten Sie von der Kapitänsdiskussion vor dem wichtigen WM-Halbfinale gegen Spanien? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010, der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

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