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Schneiders WM-Kolumne Scharfe Bewachung des DFB-Quartiers nervt Anwohner


Das deutsche WM-Quartier in Santo André wird streng bewacht. Dafür haben die Sicherheitskräfte auch einen Teil der Dorfstraße abgesperrt - sehr zum Ärger der Anwohner. Jetzt gab es eine Krisensitzung.
Von Mathias Schneider, Santo André

Unser germanisches Dorf", wie der Teammanager Oliver Bierhoff das deutsche WM-Camp nennt, befindet sich bekanntlich in dem kleinen beschaulichen Örtchen Santo André. 800 zum größten Teil extrem entspannte Menschen leben hier, direkt am Fluss João de Tiba, fast könnte man glauben, das kleine Dorf sei an seinem Ufer entlanggebaut.

Weil es sich nur um ein Örtchen handelt, führt genau eine Sandstraße hindurch, an deren beiden Seiten sich die Häuser aufreihen. Es gibt dann noch eine geteerte Bundestraße, die etwas oberhalb parallel zum Fluss verläuft, doch auf der läuft und fährt niemand. Zumindest nicht jemand, der ein echter Santo Andréaner ist und mal eben zum Nachbar hinüber will.

Bewacht wie ein Atomkraftwerk

Leider liegt nun das Campo Bahia der Deutschen ebenfalls an dem Weglein. Und weil die staatlichen Sicherheitskräfte das mit der Sicherheit sehr genau nehmen, haben sie kurzerhand das hintere Drittel der Straße abgesperrt, Menschen in Kampfanzügen patrouillieren, man könnte fast glauben, man nähere sich einer Militärbasis. Mancher Anwohner schaffte es zuletzt ob solcher Sicherheitsstandards kaum in sein eigenes Haus zurück.

Der Ärger, er schwoll.

Gestern Abend nun die Aussprache in der dorfeigenen Disco. Rund 50 Anwohner erschienen, dazu eine lokale Polizeiautorität und ein grimmig dreinschauender Oberbefehlshaber der, nun ja, Streitkräfte. Wer dabei war, bekam einen Eindruck, wie sich das Leben für die Einheimischen jenseits der Wohlfühloase in der vergangenen Woche verändert hat. Dabei richtet sich der Unmut weniger gegen die Deutschen, sondern gegen die von der brasilianischen Regierung verordneten Maßnahmen zum "Schutz" unserer Mannschaft.

Denn zahlreiche Beschwerden wurden den beiden Sicherheitschefs ruhig, aber eindringlich vorgebracht. Nicht nur die Straßensperre stört nämlich (manche Frau hatte nachts nach der Spätschicht Probleme, wieder in ihr Haus zu gelangen), auch die überhöhte Geschwindigkeit der getarnten Kräfte mit ihre Trucks verärgert. Notfälle, die ein solches Fahrverhalten rechtfertigten, sind schließlich weit und breit nicht zu finden.

Für die Schweizer nur ein lausiger Beamter

Dass die beiden Sheriffs ziemlich nervös an ihrem provisorischen Schreibtisch saßen, offenbarte, dass wohl ein gewisses Unrechtsbewusstsein vorhanden war. Aber natürlich nur bis zu einem gewissen Grad, Militär bleibt Militär. "Lassen Sie das mal unsere Sorge sein, warum wir wie schnell fahren", beschied der Chef der Spezialeinheit etwa knapp.

Dann erklärte er, warum man das deutsche Camp auf einer Insel so hermetisch bewache wie einen atomaren Atomwaffenstützpunkt. Lauter Superstars seien das, von Barcelona, Real, Manchester und so weiter. Die Frage eines Anwohners, warum bei den unweit stationierten Schweizern gerade ein lausiger Beamter Dienst schiebt, wo die Insel einer Festung gleicht, blieb dann aber wohlweislich unbeantwortet. Schweiz bleibt Schweiz, sollte das wohl heißen.

Aber man fand dann eine Lösung und manchmal wurde soger gelächelt. Ab sofort gilt: Jeder darf passieren, wenn er auf der Liste steht und sich ausweist. Alle Namen der Anwohner wurden hierfür aufgenommen. Glücklich sahen die Anwohner dann nicht aus, als sie abzogen, aber zumindest ein bisschen zufriedener.

Die Charmeoffensive des DFB, sie ist auf jeden Fall erst einmal verpufft. Mit der Abreise des Trosses wird sich dann wieder so etwas wie Normalität über das kleine Dorf am großen Strom legen.

Mancher wird es kaum erwarten können.


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