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Interview

Philosoph Christoph Quarch: "Der Videobeweis ist eine echte Gefahr für den Fußball"

Pünktlich zur WM befindet sich die Welt wieder im Fußballfieber. Warum eigentlich? Philosoph Christoph Quarch erklärt im stern-Interview, was die Faszination Fußball ausmacht, warum Sport für ihn Religion ist und was das Spiel kaputt macht.

Schiedsrichter Felix Zwayer schaut sich beim Pokalfinale eine strittige Szene per Videobeweis an

Im Pokalfinale entschied Schiedsrichter Felix Zwayer trotz Videobeweis falsch. Machen technische Hilfsmittel den Fußball kaputt?

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Herr Quarch, Fußball wird immer wieder als Ersatzreligion bezeichnet. Sie gehen noch einen Schritt weiter und sagen: Fußball ist Religion. Wie kommen Sie zu dieser These?

Indem ich unter etwas anderes verstehe als das, was wir alle aus der Kirche kennen. Dass Fußball Ähnlichkeiten mit traditionellen Religionen aufweist, hat ihn in den Augen mancher Interpreten als Pseudo-Religion erscheinen lassen. Denken wir nur an Fangesänge, Wallfahrten zu Stadien oder den Devotionalienhandel mit Trikots oder anderen Fanartikeln. Wenn ich sage, dass Fußball nicht nur wie Religion aussieht, sondern Religion ist, dann liegt dem ein Verständnis von Religion zugrunde, das an den ursprünglichen Sinn des Wortes anknüpft. Das lateinische Wort "religio" heißt Rückbindung. Es geht bei Religion um die Rückbindung an das, was ich "das heilige Sein der Welt" nenne: pure, sprudelnde Lebendigkeit. Mir scheint, dass uns das Fußballspiel an diese Tiefendimension des Lebens rückbindet und uns Menschen deshalb mit Sinn und Freude erfüllt.

Ist das nicht etwas überhöht?

So scheint es aus der Perspektive unseres landläufigen, christlich geprägten Religionsverständnisses. Da hat Religion viel mit Glaubensbekenntnissen, Dogmen oder hohen moralischen Ansprüchen zu tun. Aber schon der Theologe Friedrich Schleiermacher sagte, dass Religion nichts mit Dogmen und Moral zu tun hat, sondern "Sinn und Geschmack für das Unendliche" ist. Und genau das wird uns beim vermittelt. So gesehen ist Fußball vielleicht mehr Religion als die angestammten Religionen, die wir kennen.

Was ist damit gemeint?

Das Wunder bei einem Fußballspiel ist, dass sich für 90 Minuten ein Raum öffnet, in dem völlig ungewiss ist, was geschehen wird. Zum Beispiel, dass den DFB-Pokal gewinnt. Immer wieder ereignen sich Dinge, die niemand ermessen oder berechnen konnte. Ein Meer an Möglichkeiten öffnet sich. Wie lange müsste wohl ein Supercomputer rechnen, um herauszufinden, wie lange es dauert, bis sich ein Spielverlauf exakt wiederholt? Der würde dabei wahrscheinlich auseinanderfliegen. Dieses grenzenlose Potenzial der Spielmöglichkeit erleben wir als vollkommene Freiheit. Wir können dabei erfahren, wie viel Potenzial das Leben bietet.

Warum hat der Fußball eine so hohe Bedeutung für viele Menschen?

Es gibt auf der Erde kein Kulturphänomen, das Menschen über alle kulturellen, religiösen und sozialen Grenzen verbindet. Das letzte WM-Finale hat jeder fünfte Erdenbürger gesehen. Die Verbundenheit, die dadurch erzeugt wird, sucht ihresgleichen. So gesehen hat Fußball einen friedensstiftenden Charakter, denn Sie finden überall in der Welt jemanden, der Ihre Begeisterung für Fußball teilt. Weil er über alle Grenzen hinweg Menschen begeistert, ist Fußball das Beste, was wir auf der Welt haben.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum sich unter allen Sportarten gerade der Fußball in diese Rolle hineinentwickelt hat?

Fußball ist in gewisser Hinsicht das perfekte Spiel. Er vereint Glücksspiel, Wettspiel, Geschicklichkeitsspiel und Schauspiel. Oft werden Spiele durch pures Glück entschieden, die Spieler stellen Archetypen dar, sie demonstrieren ihre Geschicklichkeit am Ball und natürlich geht es auch um Kampf und Sieg. Hier können Menschen erleben, was das Leben alles zu bieten hat und wofür in unserer ökonomisch geprägten Welt oft kein Platz mehr ist. Eine andere große Stärke ist, dass jeder mit einer Blechdose auf dem Schulhof kicken und so die Faszination des Spiels aktiv kennenlernen kann. Man ist nicht nur Konsument.

Ein Essay von Ihnen trägt den Titel "Das heilige Spiel". Ist Fußball – zumindest im Profibereich – nicht schon lange kein Spiel mehr, sondern längst ein Millionengeschäft?

Erstaunlicherweise haben die 90 Minuten des Spiels etwas von ihrer Reinheit bewahrt, obwohl der ganze Betrieb drumherum total durchökonomisiert ist. Aber während des Spiels ist das alles ausgeblendet. Da denkt niemand an Werbeverträge oder Ablösesummen. Philipp Lahm soll einmal gesagt haben: "Wenn ich während des Spiels an die Siegprämie denke, kann ich nicht mehr spielen."

Dennoch die Nachfrage: Was ist am Fußballbetrieb noch heilig?

Das Spiel öffnet den Menschen einen Raum, in dem sie die Schönheit, Echtheit und Ursprünglichkeit des Lebens erfahren können. Das ist für mich die Heiligkeit des Fußballspiels in einer ansonsten völlig ökonomisierten Welt.

Den großen Kirchen wird oft der Vorwurf gemacht, sie hätten nur noch wenig mit der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen zu tun. Zumindest teilweise kann man diesen Vorwurf auch dem Profifußball machen – viele Fans entfremden sich immer weiter durch explodierende Ablösesummen, Korruption und andere Skandale. Wie lange dauert es noch, bis die Stadien so leer sind wie die Kirchen?

Ich glaube nicht, dass das in absehbarer Zeit geschehen wird. Solange gespielt wird, werden die Menschen in die Stadien gehen. Mit den Kirchen ist es ähnlich: Wenn in den Kirchen spirituelle Erfahrung möglich ist, zum Beispiel bei Kirchentagen, kommen die Menschen. Bei Moral und Dogmen bleiben sie weg. Solange die Fans im Stadion echte Begeisterung erleben, muss man sich um den Besuch in den Stadien keine Sorgen machen.

Politisch werden die WM-Vergaben nach Russland und Katar scharf kritisiert. Warum kann sich trotzdem, je näher das Turnier rückt, niemand so recht seinem Bann entziehen?

Wir werden in den Großstädten und auf den Fanmeilen die gleiche Begeisterung wie bei der WM in Brasilien erleben. Sicherlich werden in den Medien kritische Beiträge kommen, die auch vollkommen berechtigt sind. Aber wenn der Ball rollt, interessiert das keinen mehr. Das Spiel ist stärker als seine Vereinnahmung durch Politik und Wirtchaft.

Aber auch das Spiel an sich verändert sich. Wie bewerten Sie die Rolle von technischen Hilfsmitteln wie Torlinientechnologie oder Videobeweis?

Das ist eine echte Gefahr, weil diese Dinge die Unberechenbarkeit das Spiels trüben. Es gehört zum Fußball dazu, dass hier im großen Stil geirrt werden darf. Deshalb finde ich fragwürdige Entscheidungen – zum Beispiel im DFB-Pokal-Finale durch Felix Zwayer – gut, denn das Leben ist tragisch. Oder denken Sie an das Wembley-Tor. Mit Torlinientechnik hätte es diesen Mythos nie gegeben. Gerade darin zeigt sich die religiöse Kraft des Fußballs: Er bildet Mythen – aber das verspielen wir, wenn wir das Spiel mit Technik überfrachten.

Wir haben nun eine Bundesliga-Saison mit Videobeweis erlebt – die Fehlentscheidungen hat er nicht vollkommen eliminiert und auch die Diskussionen um Schiedsrichterentscheidungen sind nicht abgebrochen. Eher sogar im Gegenteil, es gab viel Kritik. Wie verändert der Videobeweis die Art und Weise, wie wir Fußball wahrnehmen?

Mit der Technik kommt etwas ins Spiel, das nicht mehr menschlich ist. Es braucht Faktoren, die nicht berechenbar sind, die Chaos und Unberechenbarkeit mitbringen, um den Zauber des Spiels zu erhalten. Deshalb bin ich froh, dass auch der Videobeweis keine letzte Gewissheit bringen kann. Mir wäre aber wohler, wenn wir auf das Eindringen der Technik in das Spiel verzichten würden.

Für die Entscheider scheint in dieser Abwägung aber das Argument, dass durch eine offensichtlich falsche Schiedsrichterentscheidung Millionen verloren gehen könnten, zu überwiegen.

Millionen können auch verloren gehen, wenn ein Top-Torwart eine Sekunde lang einen Aussetzer hat. Glücklichweise passieren solche Fehler, sie machen Spieler über Nacht zum zur tragischen Figur oder auch zum Helden – wie im wirklichen Leben auch. Das macht dieses Spiel so groß: Wir erkennen uns darin wieder und leben dabei intensiver.

Spätestens seit dem Sommermärchen, der WM 2006, hat Fußball in Deutschland auch eine gesellschaftspolitische Komponente. Jetzt, nach der letzten Bundestagswahl, scheint das Land gespalten zu sein. Was kann da die Nationalmannschaft bewirken?

Auch bei der WM in Russland wird sich ein globales Zugehörigkeitsgefühl bei allen, die mitspielen, und bei allen, die die Spiele verfolgen, einstellen. Es gibt beim Fußball zwar Gegenspieler, aber das sind ja immer auch Mitspieler. Daraus erwächst der Gedanke des Fair Play – und der lässt sich auf das gesellschaftliche Miteinander übertragen. Wenn wir den Geist des fairen Umgangs mit denen, die anders sind als wir, ins gesellschaftliche Miteinander übertragen könnten, dann wäre auch für unser Land eine ganze Menge gewonnen – auch wenn wir den Titel nicht verteidigen sollten.


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