VG-Wort Pixel

Anpfiff 20 Uhr Endspiel gegen Costa Rica: Flick hat womöglich die Lösung für ein Dauerproblem gefunden

Lukas Klostermann wird vermutlich der dritte Rechtsverteidiger im dritten Spiel
Lukas Klostermann wird vermutlich der dritte Rechtsverteidiger im dritten Spiel
© INA FASSBENDER / AFP
Um im Turnier zu bleiben, muss die deutsche Nationalmannschaft am Donnerstag gegen Costa Rica gewinnen. Auf den Verteidiger Lukas Klostermann wird es dabei ganz besonders ankommen

Hansi Flick ist kein freier Mann in Katar. Er ist gefangen in den immergleichen Kulissen, beschäftigt mit den immergleichen Problemen, konfrontiert mit den immergleichen Fragen, obwohl die Weltmeisterschaft schon fortgeschritten ist. Am Donnerstag bestreitet die von Flick betreute deutsche Nationalmannschaft gegen Costa Rica ihr drittes Vorrundenspiel, doch eine Antwort, wie er denn seine Abwehr organisieren will, hat der Trainer noch immer nicht.

Die Besetzung der Außenpositionen droht zu einem Ewigkeitsthema für Flick zu werden, daran hat auch das respektable 1:1 am Sonntag gegen Spanien nichts geändert. Am Mittwochnachmittag, Ortszeit Katar, saß Flick im Konferenzraum 1 des National Convention Center von Doha. Ein Raum wie ein Kinosaal, mit Sitzen, in die man tief einsinken kann. Doch Flick präsentierte dem Publikum wieder einmal nur einen Kurzfilm; vor wichtigen Spielen ist er recht einsilbig, er gibt dann ähnlich lautende Antworten, obwohl ihm unterschiedliche Fragen gestellt werden.

Flick wurde am Mittwoch von jemandem begleitet, der zumindest eines der Defensivprobleme lösen könnte: Lukas Klostermann, 26, Rechtsverteidiger von RB Leipzig. Es darf als gesichert gelten, dass Klostermann gegen Costa Rica spielen wird – nicht nur, weil Flick sagte: "Lukas ist immer eine gute Option."

Problemzone hinten rechts

Wohl keine Position im deutschen Spiel war zuletzt so schwach besetzt wie die rechte Außenbahn. Gegen Japan durfte sich dort Niklas Süle probieren, ein Mann für kernige Zweikämpfe, aber sicher nicht fürs Tempodribbling. Gegen Spanien versuchte Flick es mit Thilo Kehrer, was ebenfalls keine gute Idee war. Kehrer wusste schon nach wenigen Minuten nicht mehr, wo rechts und links ist. Als hätte man ihn auf der Kirmes in die Wilde Maus gesetzt und vergessen, den Sicherheitsbügel umzuklappen. Kehrer, das hat der Sonntagabend im Al-Bayt-Stadium gezeigt, ist überfordert, wenn es gegen die Großen geht. Technisch, athletisch, auch das Tempo schien zu hoch für ihn. Schon in seinen vier Jahren bei Paris Saint Germain hatte Kehrer sich nicht durchsetzen können; seit dem Sommer spielt er für West Ham United, ein englisches Mittelklasseteam.

Und nun also Klostermann, der dritte Rechtsverteidiger im dritten Spiel. Gegen Spanien wurde er in der 70. Minute für Kehrer eingewechselt und sorgte in der verbleibenden Zeit für mehr Ruhe auf seiner Seite. Klostermann ist schnell, so schnell, dass sich in seiner Jugend die Frage stellte, ob er es nicht mit einer Laufbahn als Leichtathlet versuchen sollte. Vier Mal gewann Klostermann den Wettbewerb "Deutschland sucht den Supersprinter". Er blieb dann beim Fußball, in der Nachwuchsabteilung des VfL Bochum, weil er, wie er sagt, "elf Sekunden Glücksgefühl" in der Leichtathletik doch zu knapp bemessen fand. Die Langfassung über 90 Minuten beim Kicken ziehe er vor.

Bloß wird die Partie gegen Costa Rica wirklich ein Rausch? Klostermann sagt: "Ich spüre in der Mannschaft eine gewisse Vorfreude", um dann gleich einzuschränken, dass er einen Gegner erwartet, der "sehr physisch und leidenschaftlich" spielen wird. Eben so, wie Costa Rica zuletzt gegen Japan auftrat und aus einer halben Torchance das spielentscheidende 1:0 machte. Es ist ein Stil, wie man ihn eher aus der Abstiegszone der zweiten Bundesliga kennt: Hinten mit zwei Viererketten dicht machen, den Ball nach vorne kloppen und hoffen, dass irgendwie was draus wird.

Im Abstiegskampf steht am Sonntagabend jedoch nicht Costa Rica, sondern das DFB-Team. Es ist mit nur einem Punkt Tabellenletzter der Gruppe E und muss das Spiel gewinnen. Costa Rica hingegen würde – wenn Japan Spanien schlagen sollte – bereits ein Unentschieden genügen, um weiterzukommen.

Niederlage gegen Costa Rica würde vieles infrage stellen

Falls den Deutschen kein Sieg gelingt und sie wie schon bei der WM 2018 nach der Gruppenphase ausscheiden, wird dies Grundsatzdebatten auslösen: Trainer Flick, DFB-Direktor Bierhoff, Präsident Neuendorf – sind das noch die richtigen Führungskräfte? Ist es wirklich das Trio, mit dem man EM 2024 in Deutschland bestreiten will?

Die Debatten laufen schon jetzt, allerdings leise und im Hintergrund. Am Mittwoch wurde Flick gefragt, ob er garantieren könne, dass er am Tag nach dem Costa Rica-Spiel noch Bundestrainer sei. Er sagte: "Ich habe einen Vertrag bis 2024, aber ich weiß nicht, was sonst so kommt", was heißen sollte: Ich weiß nicht, ob man mich dann noch will.

In der Partie gegen Costa Rica wird sich die gesamt WM für die Deutschen verdichten; über allem steht die Frage, ob Deutschland nach dem WM-Gewinn 2014 überhaupt noch das Format Großveranstaltung beherrscht. Auch die EM 2021, als das noch von Joachim Löw trainierte DFB-Team im Achtelfinale gegen England scheiterte, war eine Enttäuschung.

Flick sagte am Mittwoch, er empfinde "überhaupt keinen Druck", Lukas Klostermann sagte dasselbe von sich. Ob das nur Behauptungen sind, leerer Sportlersprech, wird man sehen. Die Deutschen wollten ins WM-Finale, gegen Costa Rica haben sie nun ein Endspiel. Was das bedeutet, wird für einige der Beteiligten vielleicht erst am Tag danach zu spüren sein.

Mehr zum Thema

Newsticker