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WM-Aus in Katar Nein, das ist nicht der Untergang des deutschen Fußballs

Jamal Musiala, gerade mal 19 Jahre alt, gehörte zu den besten deutschen Spielern
Jamal Musiala, gerade mal 19 Jahre alt, gehörte zu den besten deutschen Spielern
© Robert Michael / DPA
Erst wollte niemand in Deutschland etwas von der Katar-WM wissen. Jetzt soll das Ausscheiden der Nationalelf für den Untergang des deutschen Fußballs stehen. Das ist doch wirklich Quatsch.

So ganz hat es doch nicht hingehauen mit dem Zuschauer-Boykott: Trotz allen Unbehagens über die skandalösen Umstände der Wüsten-WM haben hierzulande mehr als 17 Millionen Fußballfans das Spiel der Deutschen gegen Costa Rica gesehen. Die Elf von Trainer Hansi Flick gewann 4:2 und ist trotzdem raus, weil das Ergebnis im Parallelspiel nicht gepasst hat.

Und wie es in Fußball-Deutschland Tradition ist, wird auf die am Boden liegende DFB-Mannschaft jetzt verbal gehörig eingetreten. Debakel! Desaster! Peinlich! So lauten die Kommentare. "Die Nationalmannschaft verzwergt", schreibt der "Kicker". Die "Bild" betrauert das "Ende einer großen Fußball-Nation". Auch stern-Kollege Finn Rütten konstatiert "Unvermögen an allen Fronten" – von vergebenen Torchancen bis zu verpatzten Auswechslungen von Trainer Flick. 

Überhaupt nicht schlecht gespielt

Kann man alles so sehen. Meine Wahrnehmung ist eine andere: Auch ich habe als langjähriger Fußballfan, den Menschenrechtsverletzungen und Korruption wütend machen, die Spiele mit wenig Euphorie eingeschaltet. Und ich muss sagen: Rein sportlich gesehen war ich positiv überrascht. Verglichen mit vielen krampfigen Auftritten in der letzten Zeit hat die Nationalmannschaft gut gespielt.

Gegen Japan und Costa Rica waren die Deutschen klar die bessere Mannschaft, gegen Spanien gleichwertig. Die Mannschaft hat offensiv gespielt und sehr viel mehr Chancen herausgespielt als zugelassen. Gegen Spanien war ein Sieg drin, gegen Costa Rica ein Kantersieg möglich. Japan ließ man trotz weitgehender Dominanz in der zweiten Halbzeit 20 Minuten mitspielen, in denen die Japaner leider zweimal trafen. Das hat unterm Strich das Weiterkommen gekostet. 

Pech oder Unvermögen?

War das nun Pech oder Unvermögen? Oder einfach Fußball, in dem meistens beides eine Rolle spielt. Meine Rechnung lautet: Gut gespielt plus bisschen Pech plus bisschen Unvermögen = leider ausgeschieden. Wenn in einer Vierergruppe jeder jeden schlägt, reicht eben ein einzelnes verpatztes Ergebnis. Deswegen das Ende von Fußball-Deutschland auszurufen, ist ein bisschen drüber. Die Japaner etwa sind auch nicht weiter gekommen, weil sie die Effizienz vor dem Tor erfunden haben (gegen Costa Rica verloren sie trotz großer Chancenüberlegenheit), sondern weil der Ball im entscheidenden Moment eben um einen Zentimeter nicht im Aus war.

Wenn Altstars wie Bastian Schweinsteiger vom Seitenrand analysieren, dass es der Anspruch einer deutschen Nationalelf sein muss, Mannschaften wie Costa Rica oder Japan zu null Chancen kommen zu lassen, dann verklären sie die eigene Vergangenheit. Ich persönlich schaue lieber einer Mannschaft zu, die aus einem 1:2 noch ein 4:2 macht und auch mal einen Vorsprung verspielt, als einer, die das Über-die Zeit-Schaukeln eines 1:0 perfektioniert hat. 

Europameister 2024 – warum nicht?

Dummerweise steht die Katar-Nummer jetzt in einer Reihe mit dem frühen WM-Aus 2018 (Vorrunde) und dem Ausscheiden bei der EM 2021 (Achtelfinale gegen England). Ein gnadenloser Trend, der sich unaufhaltsam fortsetzen wird? Das Ende einer großen Fußballnation? Alles Quatsch. Die Italiener schwanken auch seit Jahren zwischen großen Titeln (Weltmeister 2006, Europameister 2021) und komplett verpassten Turnieren (WM 2018, WM 2022). Sind die auch keine große Fußball-Nation mehr, wie auch immer man das genau definieren will?

Ich sehe jedenfalls keinen Grund, warum Deutschland nicht in zwei Jahren Europameister werden kann. Der beste deutsche Spieler bei diesem Turnier war Jamal Musiala, 19 Jahre alt, der wird in zwei Jahren noch besser sein. Florian Wirtz, das andere deutsche Supertalent dieser Altersklasse und diesmal leider verletzt, wird dann hoffentlich auch dabei sein. Dazu kommen viele aktuelle Leistungsträger, die nicht zu alt sind und dann eine gute Rolle spielen können. Und der "Fußball-Zwerg" Deutschland hat ja auch immer noch zwei Millionen aktive Vereinsspieler, da kommen immer Talente nach.

Die Europameisterschaft 2024 findet übrigens in Deutschland statt. Statt Menschenrechtsverletzungen und anderer hässlicher Dinge wird dann hoffentlich wieder der Sport im Mittelpunkt stehen. Ich freu mich drauf.

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