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WM-Qualifikation: Deutschland fliegt mit Adler zum Sieg

Was für ein gelungenes Debüt: René Adler hat bei seinem ersten Einsatz im Tor der deutschen Nationalelf eine beeindruckende Vorstellung abgeliefert. Beim 2:1 gegen Russland hielt der junge Keeper am Ende nicht nur den Sieg fest. Adler genoss auch den Nervenkitzel und bekam Lob vom "Capitano".

Von Kai Behrmann, Dortmund

Drei Minuten. Als der vierte Unparteiische Martin Ingwarsson die Anzeigentafel an der Seitenlinie in den Dortmunder Nachthimmel reckte, war Torhüter René Adler vermutlich der Einzige auf deutscher Seite, der sich über die üppige Nachspielzeit freute. "Ich wollte jede Sekunde aufsaugen", verriet der 23 Jahre alte Leverkusener, wie viel Freude ihm sein Debüt in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bereitet hatte. Der Rest der 65.607 Zuschauer im ausverkauften Signal-Iduna-Park, deren Sympathien der DFB-Elf gehörten - inklusive der eigenen Kollegen und Bundestrainer Joachim Löw - sehnten dagegen den Abpfiff gegen immer stärker werdende Russen herbei. "Die waren dem Ausgleich zum Schluss ganz schön nah", gab Löw hinterher offen zu. Umso größer war die Erleichterung, dass es letztlich beim knappen 2:1 (2:0) gegen den EM-Dritten blieb. Mit nunmehr sieben Punkten führt Deutschland in der Qualifikationsgruppe vor Wales (6) und Finnland (4).

Der zweite Sieg im dritten Spiel der laufenden WM-Qualifikation bringt die Deutschen aber nicht nur einen großen Schritt näher in Richtung der 2010 in Südafrika stattfindenden Titelkämpfe. Er sorgt auch für etwas Ruhe. Die heile Welt der DFB-Familie war zuletzt nämlich ziemlich aus den Fugen geraten. Da war zum einen der im Anschluss an das verlorene EM-Finale gegen Spanien eskalierte Streit zwischen Kapitän Michael Ballack und Teammanager Oliver Bierhoff. Es folgte der Handbruch von Robert Enke, der Adlers Stunde früher als geplant schlagen ließ. Und zu guter letzt hatte der sonst so harmoniebedachte Löw deutlich wie nie zuvor betont, dass die aktuelle Leistung mehr zähle als alte Verdienste.

Ballack ist weiter die dominante Figur

Selbst seinen bisherigen Leitwolf erklärte er für nicht mehr unantastbar und heizte den Konkurrenzkampf vor dem Russland-Spiel mit den Worten an: "Michael Ballack ist wichtig für uns, aber es ist nicht möglich, dass ein Spieler über allen anderen steht." Vorausgegangen waren Diskussionen um die Rolle der etablierten Spieler. So wurde Ballack und Torsten Frings vorgeworfen, ihre harschen Führungsansprüche nicht mit entsprechenden Leistungen zu untermauern. Akteure wie Thomas Hitzlsperger und Simon Rolfes drängten in die Startelf.

Dass Ballack aber nach wie vor die dominante Figur im deutschen Spiel ist, bewies der Star des englischen Premier-League-Clubs FC Chelsea vor allem in der ersten Halbzeit. Mal als unermüdlicher Antreiber oder in der 28. Minute auch als Torschütze. Nach einer Flanke von Bastian Schweinsteiger musste der 32 Jahre alte Mittelfeldakteur aus kurzer Distanz nur noch den Fuß hinhalten. Zuvor hatte bereits Lukas Podolski für die Löw-Elf getroffen (9.). Alles sah nach einem souveränen Erfolg gegen die Russen aus, die im Vergleich zu den furiosen Auftritten bei der EM in Österreich und der Schweiz nicht wieder zu erkennen waren.

Nach dem Seitenwechsel war es vorbei mit deutscher Herrlichkeit

Mit konsequentem Zweikampfverhalten am Boden und in der Luft nahmen die Löw-Schützlinge den russischen Tempo-Kickern die Lust am Spiel und spielten ihrerseits flüssig nach vorne. "Wir haben teilweise hervorragend kombiniert", lobte Löw. Die deutsche Herrlichkeit fand allerdings nach dem Seitenwechsel ein jähes Ende. Schuld daran war laut Per Mertesacker der frühe Anschlusstreffer von Andrej Arschawin (51.). "Wenn der nicht gefallen wäre, hätte wir unsere Konter besser ausspielen können", erklärte der Innenverteidiger von Werder Bremen. Zumal dem Treffer ein unnötiger Ballverlust an der Strafraumgrenze vom ansonsten sehr starken Philipp Lahm vorausgegangen war. "Da wäre ich froh gewesen, wenn er den Ball einfach nach vorne geschlagen hätte", monierte Löw.

Statt sich jedoch in weiterer Kritik zu ergehen, war Löw bemüht, das Positive an diesem Abend hervorzuheben. Bei der Einschätzung, dass sein Team aufgrund der guten ersten Halbzeit verdient gewonnen habe, wollte ihm auch sein Pendant Hiddink nicht widersprechen. "Wir waren zu nachlässig und haben unsere Chancen nicht genutzt", haderte der Niederländer.

Adler: Ich liebe solche Spiele

Und dann war da ja auch noch René Adler. Der Debütant trug entscheidend dazu bei, dass die Russen die Heimreise mit leeren Händen antreten mussten. Schuldlos am Gegentor, bei dem ihm der Ball des eingewechselten Alexander Anjukow auf Arschawin aus kurzer Distanz durch die Beine zischte, sicherte der gebürtige Leipziger ein ums andere Mal mit glänzenden Paraden den Sieg. Und als er bereits geschlagen war, hatte er das Glück des Tüchtigen, als der Schuss von Arschawin an den Pfosten prallte (88.). "Ich liebe solche Spiele, wenn am Ende noch einmal alles auf dein Tor zuläuft", verriet Adler, der sich nach seiner geglückten Premiere berechtigte Hoffnungen machen darf, vorerst weiter die Nummer eins im DFB-Team zu sein.

Nervös sei er bei seinem ersten Länderspiel nicht gewesen, versicherte Adler, "nur ein wenig angespannt". Die Anspannung habe er dann versucht in Konzentration umzuwandeln. Und das gelang dem Neuling ausgezeichnet, wie ihm sowohl Löw als auch Ballack bescheinigten. Als alle Spieler bereits abfahrbereit im Mannschaftsbus saßen und einer sogar schon ungeduldig die Hupe betätigte, stand Ballack als einziger Spieler noch bei den Journalisten und sagte: "René hat viel Ruhe ausgestrahlt." Dann stieg auch er ein. Der Kapitän war mit sich und seinen Mitspielern wieder im Reinen.

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