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WM-Qualifikation: Löw spielt mit dem Feuer

Nebelkerze oder Sinneswandel? Bundestrainer Joachim Löw hat indirekt angekündigt, gegen Russland nur auf Unentschieden spielen zu wollen. Das könnte gegen die spielstarken Hausherren in einem Fiasko enden. In Sachen Aufstellung deutet sich eine Überraschung an.

Von Klaus Bellstedt, Moskau

Es ist trüb geworden in Moskau. Den ganzen Tag schon regnet es. Der russische Moloch hat sich in ein graues Kleid gehüllt. Die Stadt wirkt trist. Am Donnerstag, dem Tag der Ankunft der deutschen Nationalmannschaft in Moskau, hatte sich die Sonne wenigstens noch für ein paar Stunden blicken lassen, aber jetzt, knapp 24 Stunden vor dem wichtigsten Länderspiel des Jahres für das DFB-Team, hat sich das Wetter geändert. Für Samstag sind nur noch Temperaturen von knapp über dem Gefrierpunkt vorhergesagt. Die deutsche Mannschaft muss sich warm anziehen - in jeder Beziehung.

Auf der DFB-Abschlusspressekonferenz im feudalen Kempinski Hotel Baltschug, einem alten Kasten aus dem 19. Jahrhundert nur 200-Meter-Luftlinie vom Kreml entfernt, sieht man Bundestrainer Joachim Löw die enorme Anspannung oben auf dem Podium vor dem "WM-Qualifikationsfinale" am Samstag gegen Russland an. Eine gemeinsame Liftfahrt von der Hotellobby in den dritten Stock zum Pressesaal erhärtet den Eindruck bei den Mitfahrern. Im Match gegen die Russen geht es um mehr als nur drei Punkte. Joachim Löw weiß das am Besten.

Nebelkerze oder neue Taktik?

"Man spürt die Spannung in der Mannschaft. Die nimmt jetzt von Stunde zu Stunde zu", gibt der Bundestrainer einen Einblick in das Innenleben des Teams. Neben ihm auf dem Podium sitzt einer seiner wichtigsten Spieler, Philipp Lahm. Auch ihm geht kaum ein Lächeln über die Lippen. Der Bayern-Spieler, in der Nationalmannschafts-Hierarchie längst schon auf einer Stufe mit Kapitän Michael Ballack, hat den Tunnelblick aufgesetzt und wirkt gelangweilt. "Wir haben alles Menschenmögliche getan, um gut vorbereitet in dieses Spiel zu gehen", ergänzt Löw, der kurz darauf den anwesenden Sportreportern auch einen Einblick in sein Seelenleben gewährt.

Ob er in Sorge wegen der prekären Tabellensituation und den auf Platz zwei lauernden Russen sei, will ein Fragesteller wissen. "Ich habe keine Sorgen", entgegnet Löw. Und führt als Begründung an: "Wir müssen das Spiel ja nicht gewinnen, wir müssen nicht alles auf eine Karte setzen. Ein Unentschieden in Moskau reicht uns. Die Taktik der Mannschaft richte ich auch darauf hin aus." Gut möglich, dass der Bundestrainer blufft und die Russen mit diesen überraschenden Aussagen in die Irre führen wollte. Vielleicht aber auch nicht. Aber dann wäre es von Joachim Löw ein Spiel mit dem Feuer.

Boateng auf dem Sprung in die erste Elf

Die spielstarke "Sbornaja" wird im mit 75.000 Zuschauern ausverkauften Hexenkessel des Luschniki-Stadions und auf glitschigem Kunstrasen loslegen wie die Feuerwehr. Damit rechnen alle. In so eine Partie mit der Vorgabe zu gehen, lediglich auf Unentschieden spielen zu wollen, könnte für die deutsche Nationalmannschaft in einem Fiasko enden. Alle Verantwortlichen, zuletzt Teammanager Oliver Bierhoff am Donnerstag, hatten immer wieder betont, in Russland voll auf Sieg spielen zu wollen. Und jetzt plötzlich dieser Sinneswandel? Oder doch nur eine Nebelkerze des Bundestrainers?

Nebelkerzen in Sachen Aufstellung zündet Joachim Löw am Freitag erwartungsgemäß nicht. Was mächtig viel Raum für Spekulationen lässt. "Zwei, vielleicht auch drei Positionen für die Startelf habe ich noch nicht vergeben. Die wichtigste noch zu besetzende Position dürfte dabei die neben Kapitän Michael Ballack in der zentralen Defensive sein. In Moskau verdichten sich die Anzeichen, dass der experimentierfreudige Löw den Hamburger Senkrechtstarter Jerome Boateng aus dem Hut zaubert und ihn für den formschwachen Hitzlsperger gegen Russlands größte Gefahr, Andrej Arschawin, stellt.

Catenaccio statt Sturmlauf

"Wir müssen den schnellen russischen Kontern aus dem Weg gehen und auch mal mit zehn, elf Mann in der Defensive stehen", sagte Löw. Er will zwar partout nichts Verbindlicheres zum morgigen Spielsystem der deutschen Elf verraten, aber auch dieser Satz des Bundestrainers lässt sich zwischen den Zeilen deuten. Otto-Rehhagel-Anhänger und Optimisten rechnen jetzt wahrscheinlich mit einer kontrollierten Offensive gegen Russland. Freunde des italienischen Catenaccios und des Schweizer Riegels hoffen dagegen wohl eher auf eine Einigeltaktik. So oder so: Einen bedingungslosen Sturmlauf der deutschen Mannschaft wird es in Moskau nicht geben. Dafür ist schon das Wetter zu schlecht.

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