HOME

Stern Logo Athen 2004

Franziska van Almsick: Stadion Maroussi. 17. August. 19.41 Uhr

Die beste deutsche Schwimmerin will in Athen das Einzige gewinnen, was ihr noch fehlt: olympisches Gold. Und dann abtreten. Bestsellerautor John von Düffel über eine Frau vor dem Finale ihres Lebens

Von John von Düffel

Die besten Schwimmer haben am meisten Angst vor dem Wasser. Sie stehen zwar nicht mit hochgezogenen Schultern am Beckenrand oder steigen nach Minuten des Zögerns vom Startblock, doch die Angst schwimmt immer mit. Es ist keine Wasserscheu, nicht die Furcht vor dem Ertrinken: Die Angst dieser Schwimmer vor dem Wasser kommt aus dem Gefühl der Macht, die es über ihr Leben besitzt. Das Wasser ist nicht nur ihr Element, es ist eine Instanz, die über gut und schlecht entscheidet. Und gerade bei den besten Schwimmern ist die Angst am größten, für das Wasser nicht gut genug zu sein.

Die Angst der Franziska van Almsick vor dem Wasser ist bekannt. Sie fürchtet sich vor Fischen - obwohl sie aufgrund ihres eleganten, unaufwendigen Schwimmstils oft mit ihnen verglichen wird. Für einen Werbespot, bei dem sie mit weit ausgreifenden Schmetterlingsschwüngen durchs Meer gleitet und die Bugwelle eines Ozeanriesen kreuzt, wurden eigens zwei Taucher bestellt, die unter Wasser dafür sorgten, dass ihr keinerlei Getier zu nahe kam. Trübe Gewässer, undurchsichtige Tiefen meidet sie. Sie muss sehen können, was unter ihr ist.

Die erfolgreichste aktive deutsche Schwimmerin weiß, wie viel sie dem Element zu verdanken hat. Sie weiß um die Gunst, die sie im Wasser genießt. Doch auch sie lebt und schwimmt mit der Angst, dem Wasser eines Tages nicht mehr zu genügen. Aber dieses Mal sieht sie klar wie nie. Franziska van Almsick hat sich viel vorgenommen. "Gold muss her - basta!", mit diesem Satz ging sie vor den Mikrofonen in die Offensive, und er klang unbeirrbar und entschlossen. Jetzt kommt alles darauf an, im entscheidenden Moment in Bestform zu sein. Wann, das steht bereits unerbittlich fest. Der Augenblick, auf den van Almsick die vergangenen zwei Jahre hingearbeitet hat, ist Dienstag, der 17. August, 19.41 Uhr Ortszeit, das Finale über 200 Meter Freistil der Frauen. Sie hat ihn selbst gewählt.

Die 200 Meter sind Franziskas Spezialstrecke. Über diese Krauldistanz hat die heute 26-Jährige ihre größten Triumphe gefeiert: Silber bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona mit 14 Jahren; Weltrekord bei den Weltmeisterschaften 1994 in Rom, wo sie nur dank des Startverzichts von Dagmar Hase in den Endlauf kam; wiederum Silber bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta; und nach dem Debakel von Sydney 2000, als sie im Halbfinale scheiterte, schließlich ihr grandioses Comeback bei den Schwimm-Europameisterschaften 2002 in ihrer Heimatstadt Berlin, wo sie, angepeitscht von der begeisterten Menge, ihren eigenen Weltrekord einstellte und mit einer seitdem unerreichten Zeit von 1 Minute, 56 Sekunden und 64 Hunderstel anschlug. Auf ihrer Lieblingsstrecke hat Franziska van Almsick alles gewonnen, was es für eine Ausnahmeschwimmerin wie sie zu gewinnen gibt, es fehlt eben nurÉ die Krönung. "Nur mit einem Olympiasieg macht man sich unsterblich", soufflierte ihr Klaus Steinbach, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees; so als zählten zwei Weltmeistertitel, 18 Siege bei Europameisterschaften und 31 Siege bei deutschen Meisterschaften nichts.

Olympisches Gold, das und nichts anderes ist van Almsicks erklärtes Ziel, wenn sie am 17. August in Athen auf den Startblock steigt. Von allen Wettkämpfen ihrer Schwimmerkarriere ist es derjenige, den sie am entschiedensten selbst gewollt und gesucht hat. Es ist ihr ureigenster, leidenschaftlichster Versuch - und zugleich ihr letzter. Danach ist Schluss mit dem Wettschwimmen. Für immer.

Schicksalsmomente gab es viele in der langen, bewegten Schwimmerlaufbahn der Franziska van Almsick. Eine derart erfolgreiche Athletin braucht immer wieder den ultimativen Entscheidungskampf, um sich zu motivieren, um die endlosen monotonen Trainingsstunden im Schwimmbecken zu überstehen. Nur so bekommen die Qualen und Entbehrungen einen Sinn.

Es muss immer wieder ums Ganze gehen, es heißt jedesmal alles oder nichts. Doch die von den Sportjournalisten dankbar fortgesponnenen Superlative gleichen sich stets. Der in regelmäßigen Abständen wiederkehrende Einzigartigkeitshype erinnert längst an die Beschwörungen nimmermüder Motivationstrainer, die ihre Schützlinge auf Sieg programmieren, um das letzte bisschen an Leistungswillen und Schmerztoleranz aus ihnen herauszukitzeln. Alle Jahre wieder schreiben wir die größte Herausforderung in Franzis Schwimmkarriere. Auch das ist Teil des harten Geschäfts namens Leistungssport.

Es ist schwer für eine Athletin, die fast alles gewonnen hat, sich selbst immer wieder glauben zu machen, dass es jetzt gilt, nicht gestern, nicht morgen, nur jetzt! Auch der zyklische Rummel um ihre Person, die Trainingsrituale und PR-Termine suggerieren Kopf und Körper ein Einerlei von Wiederholung, eine ewige Wiederkehr des Immergleichen. Dem muss ihr Verstand entgegenwirken. Kraft ihres Willens, kraft ihrer Gedanken muss sie sich bis in die letzte Muskelfaser einschärfen, dass sie nicht nachlassen, nicht müde werden darf, sondern alles geben muss. Van Almsick selbst beteuert in jedem zweiten Interview, dass sie nicht "satt" ist, dass sie will wie noch nie.

Auch das ist immer so. Und doch ist diesmal alles anders, nicht nur wegen des Nimbus von Olympia. Es geht um mehr als um die Vervollständigung von Franzis Trophäensammlung und ihre Verewigung in den vordersten Reihen des Schwimmerolymps. Es geht um die Geschichte, die Franziska van Almsick mit ihrem Sport und ihrem Leben schreibt. Um die ganze Geschichte. Um das letzte Kapitel im Wasser und um ein Ende, das mehr als nur "happy" oder "unhappy" sein wird. Es wird mit seinem Heroismus oder seiner Tragik ihr gesamtes zurückliegendes Schwimmerleben durchtränken. Die Annalen des Sports bestehen aus vielen Namen und sehr wenigen Mustern. Franziska van Almsick hat es dank der historischen Umstände und ihrer Persönlichkeit zu einer deutsch-deutschen Symbolfigur geschafft.

Mit ihrem Märchenstart als junge Ostberliner Göre, die nach der Wende zum Shootingstar avancierte, verkörperte sie nicht nur die strahlende Zukunft des deutschen Schwimmverbands, sondern auch des wiedervereinigten Deutschlands. Franzi war ein Glaubensartikel.

Ihr Schlingerkurs in den Folgejahren schien einen nationalen Befindlichkeitsschatten hinter sich herzuziehen. Ihr von Häme begleiteter Untergang als "Bleiente" in Sydney war ein Vorbote der großen Depression, Platz 131 der Weltrangliste, das schmeckte nach Pisa-Studie und der Mutation Deutschlands von der Wachstumslokomotive zum Schlusslicht. Dann folgte ihr Bilderbuch-Comeback 2002, das einer bundesweiten Wiederauferstehungshoffnung gleichkam. Immer war Franzis Geschichte auch ein Stück deutsche Geschichte. Und doch ist ihre faszinierende Karriere nur eine Variation des einen unveränderlichen Musters: Held wird geboren, Held begeht Hybris, Held stürzt, und - im Idealfall - Held steht wieder auf. Gereift, geläutert. Und noch größer.

Wer Franziska van Almsick genau beobachtet, wird feststellen, dass sie mehr als nur erwachsen geworden ist. Selbstbewusst war sie schon immer, doch heute weiß sie, wer sie ist. Während die Franzi von früher auf ihre kesse und unbekümmerte Art nur eine Spielfigur im Medienzirkus war, bestimmt die Franziska von heute das Spiel. Ihre Interviews sind nicht länger Flirts mit ihrem eigenen Image, sondern schnörkellose Definitionen ihrer selbst. Und ihr Comeback verdient nicht nur größten Respekt, weil sie sich in einer Weise zurückgemeldet hat, wie es ihr niemand mehr zugetraut hatte, sondern vor allem deshalb, weil sie die Initiative ergriffen und sich neu erfunden hat.

Es ist ihr nicht passiert, es war auch kein Zufall. Franziska van Almsick hat am Tiefpunkt ihrer Karriere die Kraft gefunden, ihr Leben neu zu ordnen. Sie ist auf ihren Jugendtrainer Norbert Warnatzsch zugegangen und hat sich dem Drill von der untersten bis zur obersten Stufe aufs Neue unterzogen, sie allein hat sich ihre Ziele gesetzt.

Die veränderte Franziska van Almsick ist nicht länger Objekt, sondern Subjekt ihrer Geschichte. Sie ist keine Story mehr, sie diktiert sie. Und sie wäre nicht die Ausnahmesportlerin, die sie ist, wenn sie nicht in ihrem Drehbuch die Erwartungen an sich selbst in einer Weise hinaufgeschraubt hätte, wie es sonst niemand wagen würde. Franziska van Almsick hat sich ein absolutes Killerszenario auferlegt: gewinnen und aufhören, Karrierehöhepunkt und Karriereende, ihr größter Triumph und ihr endgültiger Abschied, alles in einem einzigen Augenblick. Ein echtes Finalefinale. Ein beispielloses Never-Comeback.

Niemand kann ermessen, wie es in den Stunden vor dem Wettkampf in van Almsicks Kopf aussehen wird. Nicht einmal sie selbst. Sie hat sich ein privates Umfeld geschaffen, das sie stärkt - nicht zuletzt mit ihrem Freund, dem Handball-Nationalspieler Stefan Kretzschmar. Und sie hat in der Berliner Psychologin Dr. Friederike Janofske eine Mentaltrainerin gefunden, die ihr bereits bei der EM 2002 und der für die Olympiaqualifikation entscheidenden Deutschen Meisterschaft 2004 helfen konnte, Versagensängste zu überwinden und mit dem Druck umzugehen. Bei den Qualifikationsrennen haben wir eine hoch konzentrierte Franziska gesehen, die während der Vorstellung der Starterinnen mit meditativer Ruhe auf ihrem Platz sitzen blieb und nur einmal kurz in die Menge winkte, den Blick tunnelgleich auf ihre Strecke gerichtet. Doch das war Berlin, jetzt kommt Athen. Was, wenn der Druck, den sie auf sich genommen hat, am Ende zu groß ist? Was, wenn die selbst gesetzte Motivationsspritze zur Überdosis wird? Wenn die neu erfundene Franziska an ihrer eigenen Geschichte zerbricht?

Genau dies sind die Gedanken, die sie nicht denken darf. Franziska van Almsick hat sich ein Comeback auf den Leib geschrieben, vor dem es kein Zurück gibt. Sie kann jetzt nicht darüber nachdenken, was wäre, wenn nicht É Die Frage, ob sie damit leben könnte, wenn es wieder "nur Silber" oder vielleicht gar nichts werden sollte, darf im Moment kein Thema sein, genauso wenig wie die Frage nach ihrer Zukunft. Es gibt kein Danach, es gibt nur irgendwo tief in ihr die über Jahre gestaute Emotion des Erfolgs, die heraus will, die sie befreien kann und muss.

Aber wie realistisch

ist diese Geschichte? Bei den Deutschen Meisterschaften Anfang Juni 2004 gewann sie das Finale über 200 Meter Freistil in 1:58,04 und unterbot damit klar die Olympianorm von 1:59,80. Doch auf der Jahresbestenliste rangiert sie damit "nur" auf Platz zwei hinter der Britin Melanie Marshall, die eine Zeit von 1:57,51 vorgelegt hat. Um bei diesen Spielen Gold zu gewinnen, wird Franziska van Almsick wahrscheinlich Weltrekord schwimmen müssen. Sie muss nicht nur ihre Konkurrentinnen schlagen, sondern auch die Franzi von früher - eine weitere Spiralwindung in dieser bis zum Gehtnichtmehr gespannten Dramaturgie. Schafft sie es, oder schafft sie es nicht? Was Franziska van Almsick vermag, ist einmal mehr und mehr denn je Glaubenssache. Mein persönliches Credo lautet: Sie kann es. Franziska hat ein intuitives Gespür für Wasser. Wo andere mit schierer Kraft durchs Becken pflügen, scheint sie nicht gegen, sondern mit dem Element zu schwimmen. Sie versteht, wie das Wasser bewegt werden will, und ist dadurch in der Lage, die 200 Meter wie keine Zweite zu schwimmen - eine Bastarddistanz, die zu lang ist für einen Gewaltsprint, eine Strecke, auf der die rohe Kraft auf den letzten 50 Metern "stirbt". Unter allen Schwimmerinnen der Welt besitzt Franziska van Almsick eine unverwechselbare Geschmeidigkeit, die ihrem Sprint eine einmalige Ökonomie und Ausdauer verleiht. Und sie hat den wichtigsten Verbündeten, den sich ein Schwimmer wünschen kann: nicht ihren Freund, nicht ihren Trainer und auch nicht ihre Psychologin, sondern das Wasser selbst.

John von Düffel, 37, ist Schriftsteller, Dramaturg, leidenschaftlicher Schwimmer und Autor des Erfolgsromans "Vom Wasser". Demnächst erscheint sein Roman "Houwelandt"

Wissenscommunity

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(