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Olympia im TV: Kein Gold für die Berichterstatter!

Eine kaum überschaubare Zahl von Reportern berichtet für ARD und ZDF von den Olympischen Spielen. Doch Masse bedeutet nun mal nicht zwingend Klasse, meint stern.de-Kolumnist Bernd Gäbler: Es mangelt sowohl an Fachwissen als auch an Charisma.

Wer außer sehr speziell interessierten Zuschauern hat zuvor schon einmal etwas von Jörg Polus ("Eine Windlotterie"), Katja Strieso ("Wir sind gespannt, es wird wirklich spannend"), Christian Dexne ("Jetzt muss sie fliegen!") oder Volker Grube ("Wo bleiben die Deutschen?") gehört? Vielleicht eher schon von Hans-Jörg Rieck und Tom Scheunemann? In ARD und ZDF bringen uns viele, viele Reporter und Kommentatoren in Pullover und Anorak die Olympischen Winterspiele nahe. Einige wie Tom Bartels beim Skispringen oder Ralf Scholt vom Eisschnellauf tun dies mit ruhiger Sachkenntnis, andere wie der alpine Wolfgang Nadvornik wirken reichlich nervös.

Ihnen vorgeschaltet ist stets ein aus Moderator und "Experte" bestehendes Duo - im ZDF etwa reden Norbert König und Sven Fischer über Biathlon. Der "Experte" ist in der Regel ein ehemaliger Aktiver, dem besondere Nähe zum deutschen Team sowie die Fähigkeit eigen sein soll, sich in die Athleten hineinzuversetzen. Und dann gibt es noch die Studio-Moderatoren wie Katrin Müller-Hohenstein, die im ZDF für charmante wie knappe Überleitungen sorgt, während Gerhard Delling in der ARD in analoger Funktion zur Geschwätzigkeit neigt. Michael Antwerpes (ARD) besticht durch eine klotzige Designerbrille, wie sie neuerdings auch Sebastian Schweinsteiger ausführt - und hat es halbwegs gemeistert, den Trainingstod des georgischen Rodlers in seine Moderationen so einzuarbeiten, dass es nicht zu peinlich wurde.

Etwas glanzlos, aber souverän wirkt im Studio auch Claus Lufen (ARD), während der mitgeführte Wetterexperte Jörg Kachelmann allzu länglich über "frühlingshafte Matschigkeit" referiert. Zu wenige sind da auf keinen Fall am Werk. Vancouver 2010 - da gilt für die TV-Leute auf dem Bildschirm bisher: eher Masse als Klasse. Viele reden auf uns ein, aber nur wenige prägen sich auch ein. Sie beherrschen ihr Handwerk leidlich, aber es mangelt an Ausstrahlung.

Wettbewerb verpasst

Nach Tom Bartels, der mit dem Skisprung-Sieg Simon Ammans einen ersten Olympiahöhepunkt übertragen durfte, war es der schon erwähnte Christian Dexne, der sich alle Mühe gab, für Stimmung zu sorgen. Er sprang ein, als wir ausgerechnet beim ersten Biathlon-Wettbewerb, dem 7,5 km Sprint der Damen mit der deutschen Hoffnung Magdalena Neuner, den Biathlon-Reporter Wilfried Hark plötzlich nicht mehr hörten. Eine technische Panne, das kann passieren. Was aber nicht passieren darf: Das Rennen ging an den Reportern vor Ort fast völlig vorbei. Der Start von Kati Wilhelm wurde nicht gezeigt, auch die spätere Siegerin, die Slovakin Anastasia Kuzmina, nur ganz selten. Als Zuschauer muss man selbst auf die eingeblendeten Zwischenzeiten achten, um den Rennverlauf mitzubekommen.

Die Berichterstatter sorgen viel zu selten für Orientierung: "Magdalene Neuner beim Stehendschießen", ruft etwa der Ersatz-Reporter, während sie gut sichtbar für alle auf dem Bauch liegt. Als sich das Rennen entscheidet, plaudern Moderator René Kindermann und der Experte Ricco Groß über die Streckenführung und über Musik, die das Unterbewusstsein beeinflusst. Erst zum Schlussspurt von Neuner ist der Reporter endlich wieder beim Rennen, feuert sie an. Sie sei läuferisch die Schnellste, teilt er mit, habe aber einen Schießfehler. Das stimmt nicht, denn auch die Siegerin hatte einen Fehlschuss. Das war ein "Super-Erfolg" sagt am Ende Ricco Groß, der "Experte", zur Neuners Silbermedaille. Von der Übertragung des Wettbewerbs lässt sich das nicht sagen.

Druck und Daumen drücken

Was aber wirklich unerträglich ist: Jedes Mal wenn ein deutscher Sportler auftaucht, fordern uns die Reporter auf, jetzt die Daumen zu drücken, sei es beim Sprung des vierten Nordischen Kombinierers oder bei Michael Greis am Schießstand. Sie glauben wohl, damit ihr Engagement wie ihre Parteilichkeit auszudrücken. Zum bereits üblichen Daumendrücken gesellt sich neuerdings noch permanentes Gerede über den "Druck". Ob dieser zu groß gewesen sei, ob sich der Athlet davon habe frei machen können oder sich selbst unter zu viel davon gesetzt habe. Der "Druck" ist das universelle Lieblingsthema des zum Küchenpsychologen mutierenden Sportreporters. Und ein Gespräch darüber ist meist nicht ergiebiger als ein Fußballer-Interview nach dem Spiel. Die Reporter scheinen dies nicht zu merken, so verliebt sind sie in ihre Floskeln.

Dabei ist die Floskel eigentlich die Domäne des "Experten". Egal ob da Ricco Groß oder Sven Fischer, Markus Wasmeier oder Katarina Witt am Werk sind. Der "Experte" ist immer ein ehemaliger Aktiver, er redet über den Wettbewerb wie auf CNN der ehemalige General über den Krieg. "Das Herz ist immer dabei", sagt René Kindermann zu Ricco Groß. Denn der weiß genau, wie man sich fühlt: Dass es nun einmal solche und solche Tage gebe, oder er sagt, dass da einer "ein Brett hingelegt" habe.

Leider imitieren die ausgebildeten Sport-Reporter allzu oft diesen Jargon, den sie für einen Ausdruck von Nähe und "Insider-Wissen" halten. Besonders wenn es um die Verarbeitung von Niederlagen oder enttäuschenden Ergebnissen geht, sagen nicht nur die Sportler, dass es jetzt "abhaken" heiße und "nach vorne schauen". Gerne geben die Interviewer diese Antworten vor.

Unter den vielen "Experten" aber ragte plötzlich einer heraus, in dem er Ungewöhnliches tat. Ausgerechnet Jens Weißflog, der wegen seines starken Dialekts vor kurzem noch genauso schlecht zu verstehen war wie Markus Wasmeier, fuhr dem Reporter von der Nordischen Kombination mit einer geschliffenen Formulierung in die Parade. Der hatte Wind und Material für das unbefriedigende Abschneiden der Deutschen verantwortlich gemacht. "Wind und Wetter sind nicht ursächlich für die suboptimalen deutsche Sprünge", belehrte Weißflog uns und den parteiischen Reporter. Prima!

Jargon statt Deutsch

Olympia liefert tolle Bilder. Nie zuvor konnte man das Tempo der Kombinierer, Biathleten und Langläufer in der Loipe so gut nachvollziehen; selbst beim Bobfahren wird durch das Überblenden zweier Fahrer verständlich, wo und wie Zeit gut gemacht oder verloren wird. Da kann der Text oft nicht mithalten. Enthusiasmus reicht als Qualifikation nicht aus. Auch wenn Live-Reportagen nicht einfach sind, die Stilblütendichte ist einfach zu hoch. "Der erste Hochkaräter ist ein schusssicherer Mann", sagt der Biathlon-Reporter. "Das Paket Neuner und Waffe stimmt", heißt es im Einspielfilm. "Wir sind gespannt, es wird wirklich spannend", fällt da schon gar nicht mehr auf. Der Biathlet Michael Greis muss sich fragen lassen: "Sie können schon wieder lachen; sieht es innen drin genauso aus?" Klar, Milz und Leber schmunzeln vor sich hin.

Den Vogel aber schoss (oder sollen wir "schießte" sagen?) Wilfried Hark ab, den wir während des Biathlons der Damen so vermissten. Nach dem Rennen hielt er Andrea Henkel das Mikrofon unter die Nase und fragte: "Haben alle zu viel von Ihnen erwartet - inklusive Ihnen selbst?" Liebe Sportreporter, wir sagen es frei heraus: Dabei sein ist bei Olympia nicht alles - wir mehr von Sie erwartet.

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