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Frauenquote in London: Eine Schwangere und 4000 weitere Olympia-Teilnehmerinnen

1896: Frauen dürfen nicht bei den Wettkämpfen antreten. 1900: Eine Seglerin holt Gold. 2012: Erstmals schickt jede Nation mindestens eine Frau an den Start. Eine Erfolgsgeschichte des IOC.

Von Swantje Dake

In den vergangenen zwölf Jahren zockelte die deutsche Mannschaft stets einem Mann hinterher, wenn die Olympioniken zur Eröffnungsfeier kamen. 2012 ist mal wieder eine Frau dran, erst die fünfte überhaupt: Hockeyspielerin Natascha Keller darf die schwarz-rot-goldene Fahne ins Stadion tragen. Die 35-Jährige ist zum fünften Mal bei den Spielen dabei. An sich Grund genug, sie zur Fahnenträgerin zu küren. Aber dass sie sich gegen den siebenfachen Teilnehmer Ralf Schumann (Schießen) und gegen Tischtennisspieler Timo Boll durchsetzte, hängt mit der simplen Tatsache zusammen, dass sie eine Frau ist. Denn die Olympischen Spiele 2012 werden die Spiele der Sportlerinnen.

Nachdem Frauenboxen ins Programm genommen wurde, wird es nun erstmals in der Geschichte der Spiele keine reinen Männersportarten geben. Dafür reine Frauensportarten wie Synchronschwimmen. Ein weiteres Novum: Jede der 205 teilnehmenden Nationen muss mindestens eine Frau nominieren. Zähneknirschend schicken deshalb Saudi-Arabien, Brunei und Katar Athletinnen in die britische Hauptstadt. Ansonsten wären sie von den Spielen ausgeschlossen worden. Manche Frauenrechtlerin denkt: Hut ab, IOC! 1896 waren Frauen noch vollständig von den Wettbewerben ausgeschlossen. Der Gründungsvater der Spiele, Pierre Coubertin, wird sich vermutlich im Grabe umdrehen. Er befand, die Teilnahme von Frauen sei "unpraktisch, uninteressant, unästhetisch und unrichtig".

Knappes Höschen

Die Wirkung seiner Worte ließ bald nach. Bei den Olympischen Spielen 1900 in Paris versuchten Athletinnen, bei sechs Wettbewerben in vier Sportarten Medaillen zu gewinnen. Gräfin Hélène de Pourtalès aus der Schweiz gewann Gold im Segeln und schrieb damit Geschichte. 1936 in Berlin, ein Jahr vor Coubertins Tod, nahmen schon 328 Frauen teil. Mehr als 70 Jahre später in London ist - bezogen auf alle Nationen - zum ersten Mal beinahe Gleichstand zwischen den insgesamt rund 11.000 Athletinnen und Athleten erreicht. 180 der 407 deutschen Olympiafahrer sind Frauen. Die USA schicken sogar mehr Frauen als Männer.

Das Besondere dabei ist: Das Internationalen Olympische Komitee (IOC) setzte sich aktiv für die Gleichberechtigung der Frauen ein und wurde nicht zum Jagen getragen. Es ermöglichte Sportlerinnen die Teilnahme, die rein von der Norm her gar nicht hätten kommen sollen. Das IOC blieb hartnäckig in Verhandlungen mit Ländern, die das Ziel des Komitees torpedieren wollten, dass jede Nation wenigstens eine Frau entsendet.

Athletinnen aus aller Herren Länder bringen jede Menge Selbstbewusstsein und Selbstverständnis mit. Beachvolleyballerinnen wird "erlaubt", auch in Shorts und langärmligen Oberteilen durch den Sand zu pflügen. Doch die denken überhaupt nicht daran. Sie setzen auf Bikini - emanzipiert und clever - sichert doch ein knappes Höschen mehr Aufmerksamkeit. Die Deutsche Laura Ludwig sagt schlicht und einfach: "Das ist unsere Arbeitskleidung." Kollegin Sara Goller meint. "Wir wollen direkt vor dem Wohnzimmer der Queen bestimmt gegen jede Etikette im Bikini unser Bestes geben."

Politisch durch die gläserne Decke

Auch in Verbänden durchbrechen die Frauen die gläserne Decke hinauf zur Führungsetage. Die ehemalige Fechterin Claudia Bokel wurde zur neuen Vorsitzenden der IOC-Athletenkommission gewählt und erhält damit automatisch einen Sitz in der IOC-Regierung. In ihrem Wahlkampf hat sie mal so eben den ehemaligen Skeleton-Fahrer Adam Pengilly aus Großbritannien und den früheren vierfachen Schwimm-Olympiasieger Alexander Popow aus Russland ausgestochen. Die 38-Jährige ist damit neben Thomas Bach das zweite IOC-Mitglied und eine der einflussreichsten Frauen in der internationalen Sportpolitik.

So weit sind andere Länder noch lange nicht. Immerhin ist es schon ein Meilenstein, dass Saudi-Arabien überhaupt Frauen zu den Spielen schickt. Ganze zwei an der Zahl, noch dazu Exil-Saudis, aber die 800-Meter-Läuferin Sarah Attar und die Judoka Wojdan Ali Seraj Abdulrahim Shahrkhani machen einen Anfang. Der Zusage ginge hartnäckige Verhandlungen mit Saudi-Arabien voraus. Katar nominiert erstmals drei Frauen. Zwei Mal hat sich der Golfstaat schon für die Spiele beworben, bislang erfolglos. Nach der Zusage für die Fußball-WM 2022 will Katar sich augenscheinlich weltoffener zeigen und lässt gar die Fahne von der Schützin Bahiya al Hamad tragen. Als drittes Land wagt sich Brunei auf neue Wege. Der kleine asiatische Staat hat als weibliche Vertreterin eine Hürdenläuferin am Start - und drückt ihr gleich die Fahne in die Hand.

Mama schießt jetzt mal

Den Trumpf in Sachen Gleichberechtigung und Emanzipation zieht jedoch Malaysia aus dem Ärmel. Das muslimisch geprägte Land schickte Suryani Mohamed Taibi in den Schießstand. Die 29-Jährige ist im neunten Monat schwanger. Normalerweise verweigern Fluglinien die Beförderung von Hochschwangeren. Doch die Siegerin der Commonwealth Games von 2010, derzeit die Nummer 47 der Weltrangliste, wollte unbedingt antreten. "Manche sagen ja, wenn man schwanger ist, kann das deine Leistung verbessern. Ich weiß nicht, ob das klappt, physisch gesehen. Aber ich bin sicher, dass ich mental stärker bin", sagte sie vor dem Wettkampf. Am Samstagmittag musste die mentale Stärke dazu reichen, das 5,5 Kilo schwere Luftgewehr 75 Minuten zu halten und dabei stehend 40 Schuss abzufeuern. Und auch dazu, sich von Tritten im Bauch nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. In sich ruhend stand die Malaysierin mit gespreizten Beinen am Schießstand, eingepackt in voller Lederkluft - ab und zu setzte die Logistik-Offizierin der Malaysia-Marine nach gut 45 Sekunden Zielen das Gewehr wieder ab - ohne zu feuern - und begann erneut zu zielen. Sieben Volltreffer hintereinander bedeuteten in der dritten Serie 99 Ringe, damit kam sie am Ende auf 392 Ringe und Platz 34. "Das Baby war sehr ruhig, sie hat sich im Training und im Wettkampf nicht bemerkbar gemacht. Ich fühlte nur drei bis vier Tritte im Wettkampf. Wenn sie trat, habe ich versucht, ein und aus zu atmen, um mich selbst zu beruhigen", sagte die werdende Mutter, als alles vorbei war.

Holzklasse für die Frauen

Trotzdem ist es wie in etlichen anderen Bereichen der Gesellschaft außerhalb des Sports noch ein weiter Weg bis zur vollständigen Gleichberechtigung, bis Frauen im wahrsten Sinne des Wortes genauso viel "wert" sind wie Männer. Herren ergattern nach wie vor die höher dotierten Werbeverträge und erhalten vielfach mehr mediale Aufmerksamkeit. Es gibt immer noch Länder mit erheblichem Nachholbedarf.

Den größten Faux-Pas leisteten sich die Japaner. Die Fußballerinnen aus Nippon - immerhin amtierende Weltmeisterinnen - mussten sich auf dem langen Flug nach London in die engen Sitzreihen der Economy Class quetschen. Während sich die Männer, noch ohne sportliche Meriten, in der komfortablen Business Class räkelten. Der japanische Fußball-Verband verwies darauf, dass die Männerteams seit 1996 in Atlanta immer in der gehobenen Klasse flögen - aufgrund ihres Profi-Status.

Bei den Australiern wurde aus der Geschlechterfrage ein Politikum. Die Basketballerinnen, die schon dreimal Olympia-Silber holten, mussten sich ebenfalls in der Holzklasse in die Stühle falten. Die noch medaillenlosen Männer breiteten sich "nebenan" in der Business Class aus. Der Verband will seine Reisepolitik überdenken. Vielleicht ändert sich ja schon was beim Rückflug.

mit DPA

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