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Halbzeitbilanz Olympia 2012: Auf Kurs - bis auf die Schwimmer

Halbzeit bei den Olympischen Spielen. Für die deutsche Mannschaft läuft es bis jetzt wechselhaft. stern.de-Kolumnist Frank Busemann zieht Bilanz - und blickt neidisch auf die Briten.

Halbzeit! Zeit, für den Trainer die Kabinenansprache zu halten. Was war gut, was war nicht so gut? Betrachten wir Deutschland als Gesamtmannschaft gibt es Licht und Schatten. Natürlich lässt sich anführen, dass das Team so klein wie noch nie seit der Wiedervereinigung ist – aber: Es fehlen etliche Mannschaften. Das heißt, dass zum Beispiel dreiundzwanzig Fußballer um eine einzige Medaille kämpfen könnten. Umgerechnet auf Michael Phelps wäre das so, als nähme man nur sein linkes Bein mit. Der Rest des Körpers holt seine anderen fünf Medaillen. Somit darf der Anspruch an die Mannschaft allein aus Quantitätsgründen ähnlich wie in Peking oder Athen sein. Doch die Welt wird größer. Mittlerweile treten 204 Nationen an, um die begehrten Medaillen mit nach Hause nehmen zu können. Alle vier Jahre seit 1992 verringert sich die deutsche Medaillenausbeute um 12 bis 20 Prozent. Setzt man diese Reihe fort, würde in London etwa 36 Mal Edelmetall an deutsche Sportler gehen. Im Vergleich zu Barcelona ein scheinbar desaströser Vorgang, dort wurden noch 82 Medaillen gewonnen – doch da profitierte die Mannschaft unter anderem noch vom Sportsystem der DDR.

Die Schwimmer haben in diesem Jahr als eine Kernsportart nicht dazu beitragen können, die Bilanz aufzubessern. In Los Angeles war es das letzte Mal, dass sie undekoriert nach Hause kamen – 1932, nicht 1984. Wie kann das sein? Experten kritisieren lauthals eingestaubte Verbandsstrukturen, ehemalige Aktive fordern mehr Individualität, andere mehr Zentralisierung. Anhand der Forderungen sieht man schon das Problem. Gäbe es die eine Lösung, man würde sie umsetzen. Draufhauen ist leicht, besser machen, sehr viel schwerer. Klar ist, es wird einen Umbruch geben müssen und der wird kommen. Und der kostet Kraft und Nerven.

Die Briten machen es vor

Vielleicht ist Schwimmen einfach zu billig. Bis dato haben wir unsere Goldmedaillen im Reiten, Rudern und Radfahren gewonnen. Allesamt kostenintensive Sportarten. Schwimmen kann jeder, das wurde uns schon bei der Eröffnungsfeier deutlich, da scheinbar jede Mannschaft einen Sportler mit Badehose dabei hatte. Doch auch andere Nationen schaffen den Spagat zwischen ursprünglichen (billigen) und vermeintlich extravaganten (teuren) Sportarten. Also muss es an der allgemeinen Wertigkeit des Sports innerhalb der Gesellschaft liegen. Wie wichtig ist der Beruf Sportler? Sportlersichtung und Sportförderung haben unterschiedlichste Züge auf dem Globus. 1996 gewannen die Briten genau eine Goldmedaille. 2012 in London benötigten sie dafür in der Leichtathletik am Samstag genau 15,7 Minuten. Den Heimspielen ist ein großangelegtes britisches Förderungsprogramm vorausgegangen. In Deutschland werden immerhin 98 Prozent der Mannschaft von der Deutschen Sporthilfe aktuell unterstützt bzw. sind unterstützt worden.

Mit unseren knapp zwanzig Medaillen in der ersten Hälfte liegen wir dennoch auf Kurs. Eine Olympiamannschaft ist bunt und vielschichtig. Judokas und Radsportler liegen mit jeweils vier Medaillen vorn. Und es gibt sie, die olympischen Momente, mit all ihren Überraschungen. Ich denke an die wunderbare Lilli Schwarzkopf. Aber es gibt auch die Unterraschungen, wie bei denjenigen, die ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen konnten. Schönen Gruß an die Schwimmer. Wie gewohnt haben wir ganz starke Sparten, wie die Ruderer, Kanuten oder Reiter, die seit Jahren für wahre Medaillenfluten sorgen und in der letzten Woche vermutlich noch nachlegen werden, dann weniger gute und eher schwache Blöcke, die gar nicht oder nur sporadisch besetzt werden.

Keine Angst vor der Leichtathletik

In dieser Woche blicken viele auf einen olympischen Schwerpunkt, die Leichtathletik. Eine Bronzemedaille stand nach Peking zu Buche. Der Aufschrei war groß. Die deutsche Leichtathletik am Ende. In London stehen die Vorzeichen ganz anders. Freudige Erregung umgibt den Fan, wenn er an potenzielle Medaillenkandidaten wie Robert Harting oder Silke Spiegelburg denkt. Es ist mehr als eine Handvoll. Nach zwei Tagen schon zwei silberne Taler. Das lässt hoffen. So stark, wie derzeit ist die Leichtathletik-Mannschaft schon lange nicht mehr gewesen. Vielleicht auch ein Zeichen größter Not. Als alles vorbei schien, musste gehandelt werden. Und das wurde wohl auch getan. Mit Erfolg. Die Aussichten sind glänzend. Aber nicht im Sprint – der ist zu billig. Laufen kann jeder. Eher in der Staffel, da braucht man nämlich wieder Technik.

Deshalb, keine Angst. Die Spiele laufen für Deutschland wie erwartet. Weiter geht’s, noch ist eine Woche Zeit.

Von Frank Busemann, London

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