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Interview

Olympia 2016: Usain Bolt: "Ich will eine Legende werden"

Usain Bolt will bei den Olympischen Spielen in Rio drei weitere Goldmedaillen gewinnen. Heute geht er erstmals an den Start. Mit dem stern sprach der Jamaikaner über seine Rekordjagd, das Älterwerden und Doping.

Von Christian Ewers, Rio de Janeiro

Sprintstar Usain Bolt bei einer Pressekonferenz während Olympia 2016 in Rio de Janeiro

"Ich traue mir in diesem Jahr einen neuen Weltrekord über 200 Meter zu": Sprintstar Usain Bolt

Mister Bolt, in den Wochen vor großen Rennen erklären Sie sich oft für verletzt oder formschwach. Wie auch in diesen Tagen. Und dann gelingt Ihnen meist ein triumphales Comeback. Haben Sie daraus ein Geschäftsmodell entwickelt?

Nein, nein, mit Verletzungen mache ich keine taktischen Spielchen. Meine Rückenprobleme sind einfach schlimmer geworden. Es gab Phasen, in denen ich Zweifel hatte an meinem Körper. Da wusste ich nicht, ob ich noch mal Weltklasseniveau erreichen kann. Aber nun, kurz bevor es für mich losgeht in Rio, fühle ich mich gut. Ich will wieder die Grenzen verschieben in meinem Sport. Ich bin bereit, Großes zu leisten.

Tatsächlich? Ihr Weltrekord über 100 Meter liegt sieben Jahre zurück – 9,58 Sekunden, gelaufen bei der WM in Berlin.

Wenn ich mal eine komplette Saison gesund bleiben würde, hätten wir dieses Thema nicht. Ich brauche einfach immer länger, um nach Rückschlägen zurückzukommen. Ich trainiere heute härter und konsequenter als je zuvor, um meine Bestform zu erreichen.

Vielleicht werden Sie schlicht älter? Am Schlusstag der Spiele feiern Sie Ihren 30. Geburtstag.

Das Alter will uns Limits setzen, das stimmt. Man kann jedoch mit Disziplin und Fleiß dagegen ankämpfen. Und ich habe einen Arzt, der weiß, wie man meinen schwierigen, launischen Rücken in den Griff bekommt.

Sie leben auf Jamaika, Ihr Orthopäde Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hat seine Praxis in München. Wie kann er Ihnen helfen?

Ich bin alle drei Monate zum Check-up in München. Wenn ich Schmerzen habe, komme ich noch öfter, wie in den vergangenen Monaten. Während der Fußball-Europameisterschaft hat mich Müller-Wohlfahrt (Arzt der Nationalelf, Red.) im DFB-Teamhotel behandelt.

Haben sich die Fußballer von Ihnen Autogramme geholt – oder war es umgekehrt?

Weder noch. Ich habe kurz mit Schweinsteiger gesprochen. Ich bin ja Fan von Manchester United. Und ich habe ein bisschen mit Podolski geredet. Ich glaube, es war Podolski. Das ist doch der Spaßvogel, oder?

Aufmunterung konnten Sie gebrauchen. Die schnellsten Zeiten über Ihre beiden Strecken, die 100 und 200 Meter, wurden in diesem Jahr von einem Amerikaner und einem Franzosen gelaufen.

Ich traue mir in diesem Jahr einen neuen Weltrekord über 200 Meter zu. Mein Körper sagt jedenfalls: Ja, das geht.

Warum über 200 Meter? Die 100 Meter gelten als Königsdisziplin. Wer auf dieser Strecke gewinnt, darf sich „schnellster Mann der Welt“ nennen.

Die 100 Meter verlangen nach absoluter Perfektion. Alles muss passen: Startphase, Schrittlänge, Rhythmus. Nur dann kann man einen Rekord brechen. Die 200 Meter sind gnädiger. Da kann man unterwegs einiges korrigieren, was man vorher möglicherweise falsch gemacht hat.

Wenn Sie Ihre drei Goldmedaillen verteidigen, wäre dies ein Rekord. Dann hätten Sie seit Peking 2008 alle olympischen Sprinttitel gewonnen: über 100 und 200 Meter und mit der 4-x-100-Meter-Staffel. Ist das zu schaffen?

Ich will eine Legende werden. Ich will für die Leichtathletik das sein, was Muhammad Ali fürs Boxen ist. Der Größte. Wenn ich irgendwann aufhöre, will ich etwas Einmaliges hinterlassen, und die Menschen sollen mit Ehrfurcht von mir sprechen.

Es ist im Moment nicht die Zeit für Heldenverehrungen. Der ehemalige Präsident des Weltverbandes, Lamine Diack, wurde angeklagt, weil sich überführte Dopingsünder mutmaßlich bei ihm freikaufen konnten. Die russischen Leichtathleten sind wegen systematischen Dopings ausgeschlossen worden. Spüren Sie beim Publikum größeres Misstrauen als früher?

Nein, ich werde nur von Journalisten auf diese Dopinggeschichten angesprochen.

Schwer vorstellbar, dass dies ein reines Medienthema sein soll.

Es gibt vielleicht mal ein paar böse Kommentare auf Facebook oder Instagram. Aber es hat mir noch nie jemand etwas direkt ins Gesicht gesagt. Auf der ganzen Welt nicht.

Finden Sie es richtig, dass Russlands Leichtathleten komplett gesperrt sind?

Ich verfolge das nicht genauer. Ich weiß nicht, wer die Regeln gebrochen hat. Die einen sagen dies, die anderen das.

Darf man es sich so einfach machen?

Ich bin Läufer und kein Sportfunktionär. Ich kann die Welt nicht verändern. Ich mache die Regeln nicht.

Sie können wirklich nichts tun?

Ich tue ja etwas. Ich werde ständig getestet, und wenn eine Kontrolle stattgefunden hat, poste ich das auf Snapchat. Ich bemühe mich, so offen wie möglich zu sein. Alle sollen erfahren können, wann, wo und wie oft ich getestet werde.

Justin Gatlin aus den USA ist Ihr härtester Konkurrent über die 100 Meter. Er ist zweimal wegen Dopings gesperrt worden und gilt als der böse Junge, Sie als der gute. Ist es so simpel?

Es interessiert mich nicht, wie da die Rollen verteilt werden. Ich laufe, um die Leute zu unterhalten. Diese Dopingdiskussionen erlebe ich seit Jahren. Ich versuche, jungen Athleten vorzuleben, dass man hart und ehrlich arbeiten muss. Ich leiste meinen Beitrag. Ich hoffe, dass sich der Sport mit der Zeit verbessern wird.

Rio 2016 sind belastete Spiele, nicht nur wegen der Dopingprobleme. Es gibt Sorgen vor Anschlägen, nach all dem, was passiert ist in Paris, Brüssel, Nizza und in Deutschland. Mit welchem Gefühl sind Sie nun hier?

Ich versuche, diese Themen, so gut es geht, auszublenden. Ich versuche, mich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich tun muss.

Gelingt Ihnen das?

Nicht immer. Ich war in München, als das Attentat in Nizza passierte. Es war unheimlich traurig, es war beängstigend. Natürlich könnte auch ich zufällig an einem Ort sein, an dem so etwas passiert. Ich habe vielleicht eine etwas ungewöhnliche Art, die Dinge zu sehen, aber ich meine: Du kannst dein Schicksal nicht bestimmen. Wenn deine Zeit gekommen ist, dann ist sie gekommen. Ich weiß, das klingt seltsam, doch wenn du ständig in Angst bist, verpasst du das Leben.

Zwingen Sie sich zu einer solchen Sicht, um unbeschwert laufen zu können?

Ich war jedenfalls nicht immer ein entspannter Mensch. Ich bin mit 15 Jahren das wohl wichtigste Rennen meiner Karriere gelaufen. Junioren-Weltmeisterschaften 2002 in Kingston, Jamaika. Ich war nervlich ein Wrack. Die Jamaikaner sind ein sehr spezielles Publikum. Wenn du gewinnst, ist alles super, dann tragen sie dich auf Händen. Verlierst du, gibt es Probleme. Ich habe damals dem Druck standgehalten und Gold über 200 Meter geholt. Seitdem weiß ich: Ich kann alles durchstehen.

Wie ist es heute? Lassen Ihre Landsleute Sie eher in Ruhe, wenn Sie auf der Insel unterwegs sind? Oder gibt es noch immer große Aufregung – obwohl Sie schon seit fast zehn Jahren ein Weltstar sind?

Meistens entsteht Chaos, wenn ich irgendwo auftauche. Kürzlich war ich in einem Callcenter. Eine Freundin arbeitet da, sie hatte mich gefragt: „Oh, wir haben eine Mitarbeiterparty, würdest du vorbeikommen?“ Als ich dort ein bisschen zu früh erschien, wurde es plötzlich still im Raum. Niemand hat mehr telefoniert. Dann kam der Manager aus seinem Büro und sagte: „Hört zu, wenn ihr nicht weiterarbeitet, dann wird hier jemand gefeuert.“ Aber niemand hat weitergemacht. Das war cool. Ich mag solche Geschichten.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Ich höre in meinen Körper hinein und entscheide von Jahr zu Jahr. Rio wird nicht das Ende meiner Karriere sein, das steht schon jetzt fest.

Wären die nächsten Olympischen Spiele 2020 in Tokio nicht ein schönes Ziel? Ein Triumph dort könnte helfen bei Ihrer Mission, eine Legende zu werden.

Noch mal alles von vorn? Vier Jahre jeden Tag für dieses eine Ziel aufstehen, vier Jahre auf ein olympisches Finale hinarbeiten? Allein schon die Vorstellung … Da werden meine Beine ganz schwer, wenn ich nur daran denke.


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