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Olympia 2021 Aus für deutsche Fußballer – eine Blamage mit Ansage

Enttäuscht: Marco Richter nach dem Aus bei Olympia
Enttäuscht: Marco Richter nach dem absehbaren Olympia-Aus der Fußballer.
© Kohei Chibahara / AFP
Die deutschen Olympia-Fußballer sind in der Vorrunde gescheitert. Das war abzusehen. Dass der größte Sport-Fachverband nicht in der Lage war, einen konkurrenzfähigen Kader auf die Beine zu stellen, ist ein absolutes Armutszeugnis.

Nächstes Vorrundenaus, nächste Blamage für Deutschlands Vorzeigesport. Und zwar eine mit Ansage. Eigentlich hätte sich Stefan Kuntz im entscheidenden Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste (1:1) selbst einwechseln müssen, um in letzter Minute doch noch den erlösenden Treffer zum Viertelfinale zu schießen. Doch im entscheidenden Moment stand dem Coach von Team Deutschland – früher Topstürmer und Europameister von 1996 – nur noch Keven Schlotterbeck aus Freiburg zur Verfügung; ein Abwehrrecke. Nach dessen Einwechslung blieben auf der Bank nur die beiden Ersatztorhüter übrig. Man muss wohl sagen: Team Deutschland hat buchstäblich "alles reingeworfen".

Nun ist es nicht so, dass die Fußballer bisher Medaillengaranten bei Olympia waren. Oft genug war man nicht qualifiziert oder hat gar nicht erst teilgenommen. Doch Tokio 2021 ist trotz allem noch einmal ein Tiefpunkt. Gerade einmal 14 Feldspieler hatte Stefan Kuntz nach der Roten Karte für Amos Pieper im Spiel zuvor gegen die Ivorer noch zur Verfügung. 14 Feldspieler, weil es dem Deutschen Fußball-Bund nicht einmal gelungen ist, für das bedeutendste Sportfest der Welt einen vollständigen Kader zu nominieren; ganz zu schweigen von einem konkurrenzfähigen. Was für ein Armutszeugnis für den größten Sport-Fachverband der Welt. Was für ein Armutszeugnis für den gesamten deutschen Fußball, der doch so große Stücke auf sich hält.

Deutscher Fußball: Hochwertige Wettbewerbe werden geringgeschätzt

Man kann natürlich einiges als Entschuldigung anführen: die Pandemie, die EM und die U21-EM, die beide erst kürzlich stattfanden, und dann ist da ja noch die schon laufende Saison-Vorbereitung. Stimmt schon, aber das alles macht den anderen Olympia-Teilnehmern ja auch Probleme. Und so darf man doch fragen, wie um alles in der Welt es beispielsweise die Spanier trotzdem schaffen, einen vollständigen Kader aufzubieten, der nicht nur aus den namhaften Clubs gespeist wird, sondern auch noch ein halbes Dutzend EM-Fahrer an Bord hat. Darunter übrigens auch Dani Olmo von RB Leipzig. Der FC Bayern hat dagegen sogar die Olympia-Freigabe für seinen dritten Torhüter verweigert. Oder die Mexikaner? Sie stehen im olympischen Viertelfinale, während das A-Nationalteam zur gleichen Zeit (!) beim Gold Cup, der Mittelamerikameisterschaft, nach dem Titel greift.

Wer nach Gründen sucht, warum der beliebteste Sport der Deutschen in letzter Zeit an Qualität und Ansehen verliert, der wird auch hier fündig. In grenzenloser Selbstüberschätzung werden Wettbewerbe als "nicht so wichtig" eingestuft. Olympia gehört dazu, auf Vereinsebene ist es beispielsweise die Europa League. Nehmen wir erneut die Spanier als Vergleich: Während die Iberer ihren Top-Talenten bei Olympia mindestens  internationale Turniererfahrung verschaffen, die ihnen später bei EM und WM zugute kommt, bringt Deutschland nicht einmal einen Kader zusammen. Und während der FC Sevilla Rekordsieger der Europa League ist, überstehen die Bundesligaclubs in aller Regel nicht einmal die Gruppenphase des "Loser Cup", wie die EL hierzulande gerne verschrien wird.

"Das ist eine absolute Beleidigung"

Was Olympia betrifft, kommt noch Respektlosigkeit hinzu. Der frühere Handball-Nationaltorhüter Martin Ziemer hat das schon vor Tokio vollkommen zurecht scharf kritisiert. "Dass man es in einer Fußball-Nation wie Deutschland nicht schafft, eine Mannschaft da hinzuschicken", sagte er im "Kicker", "(...) das ist eine absolute Beleidigung und gibt überhaupt kein gutes Bild ab." Ziemer verwies auf die vielen Leichtathleten, Ruderer oder Turner, für die eine Olympia-Teilnahme alles ist, und die diesem Ziel alles unterordnen – meist zudem neben einem regulären Beruf. Ein Zusammentreffen mit diesen Sportlern bei Olympia könne den Profi-Kickern nur gut tun, meinte an gleicher Stelle auch Stefan Kuntz. Und dann sagte der Olympia-Coach: "Deutschland sollte sich nicht die Blamage geben, dass sich nicht genügend Leute finden, um 22 Mann nach Tokio zu schicken." Deutschland hat sich diese Blamage geben. Ändert sich an dieser Einstellung nichts, werden weitere folgen.


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