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Tokio 2021 "Ich habe auch ein weinendes Auge": Wie Segler Thomas Plößel seine zweite Bronzemedaille erlebt

Ein blonder weißer Mann und ein dunkelhaariger weißer Mann stehen mit Bronze-Medaillen um den Hals vor blauem Himmel
Steuermann Erik Heil (l.) und Vorschoter Thomas Plößel (r.) haben sich in der letzten Segel-Regatta im 49er ihre zweite olympische Bronzemedaille gesichert
© Bernat Armangue/AP / DPA
Gemeinsam mit Erik Heil hat 49er-Segler Thomas Plößel in Tokio seine zweite Bronzemedaille bei Olympia gewonnen. Im Interview erklärt er, warum die zweite besser ist als die erste und was der Unterschied zwischen den Segelrevieren der Spiele war.

Zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch zu Bronze! Fühlt sich die zweite Bronzemedaille bei Olympia anders an als die erste?

Ja, definitv. Das hat einen ganz einfachen Grund: In Rio hatten wir uns Silber als Ziel gesetzt und sind zum Schluss auf Bronze abgerutscht. Das fühlte sich an, als hätten wir verloren. In Tokio hätten wir am letzten Tag noch alles zwischen 1. und 7. werden können und sind wir im letzten Rennen von Platz 4 auf 3 vorgefahren. Emotional ist das etwas ganz Anderes. Es ist schon erstaunlich, was dieser Perspektivwechsel ausmacht. Emotional ist diese Bronzemedaille die schönere.

Zwischen Platz 1 und Platz 14 haben Ihre Platzierungen in den einzelnen Wettfahrten geschwankt – wobei Sie schon meist im vorderen Drittel lagen. Wie sehr schwankt die Stimmung im Laufe der Wettfahrten?

Ich gucke gar nicht auf die Liste mit dem Gesamtstand. Es passiert so viel und es liegen alle Teams so nah beieinander. Da Emotionen zu investieren, lohnt sich nicht. Wir haben viel Erfahrung und wussten, dass wir gut dabei sind. Nach Tag 2 mit einem 5., einem 13. und einem 14. Platz (von 19 Teams, d. Red.) wussten wir, dass wir Gas geben müssen. Am 3. Regatta-Tag haben wir dann die Plätze 2 und 3 geholt.

Legen Sie vor dem Start eine Taktik für die Wettfahrt fest und ziehen die durch oder reagieren Sie ständig auf Wind und darauf, wie die Konkurrenz segelt?

Wir versuchen jedes Mal, unser perfektes Rennen abzuliefern. Wir kennen aber auch die Konkurrenz und wissen, dass die Australier bei starkem Wind gut sind, die Österreicher bei schwachem und dass die Portugiesen höher am Wind fahren als wir. Insofern orientieren wir uns schon auch an der Konkurrenz. Aber wir haben unsere eigene Routine an jedem Regatta-Tag. Wir fahren meist gemeinsam mit den Spaniern raus und schauen uns den Kurs an, peilen mit dem Kompass, woher der Wind genau kommt und besprechen uns. Das dauert etwa eine halbe Stunde und ist ein sehr komplexer Prozess. Im Grunde bedenken wir ähnlich viele Parameter wie Piloten vor einem Flugzeugstart.

Wann wussten Sie, dass es für Bronze gereicht hat?

Ich hatte mich verrechnet und dachte bei der Zieldurchfahrt, dass die Spanier auf Platz 3 sind und wir auf Platz 4. Dann kam ein Fotograf und meinte, wir seien auf dem Bronze-Rang. Ich wollte mich aber nicht zu früh freuen, um nicht in so einem "Zu früh gefreut"-Video aufzutauchen, von denen es schon so viele gibt. So richtig gefreut habe ich mich erst an Land. Und erst, als ich die Medaille um den Hals hängen hatte, wurde das so richtig Realität. Aber weil wir mit den Spaniern eine Trainingsgruppe bilden, habe ich auch ein weinendes Auge bei dieser Medaille. Wir wollten sie den Spaniern nicht wegnehmen.

Wie waren die Bedingungen in Japan in Bezug auf Wasserqualität und Umweltschutz?

In Tokio war das Wasser anders, aber auch nicht viel besser als 2016 in Rio. Vor Tokio schwamm auch erschreckend viel Kunststoff im Meer. Wir haben auch alte Flaschen und so einen Absperrhütchen eingesammelt. Aber die Wasserqualität war besser als in Rio, wo Abwässer ins Meer geleitet wurden.

Haben Sie sich noch andere Wettbewerbe angeschaut oder wollten Sie so schnell wie möglich nach Hause?

Wir mussten Japan innerhalb von 48 Stunden verlassen. Nach Siegerehrung und Presseterminen waren wir erst abends im Hotel. Am nächsten Tag hat dann hauptsächlich unser Trainer unser ganzes Material in den Container gepackt, wir haben nur geholfen. Wir hatten mit unserem Trainingsboot und der ganzen Ausrüstung sehr viel dabei. Wir konnten aber im olympischen Dorf alle Wettbewerbe live im Fernsehen verfolgen und haben uns so ein wenig die Stimmung in unsere Unterkunft geholt.

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Haben Sie sich schon neue sportliche Ziele gesteckt oder genießen Sie jetzt erst einmal die Bronzemedaille?

Ich glaube nicht, dass wir dieses Jahr noch segeln werden. Wir haben uns beide inzwischen ein Privatleben aufgebaut, um das wir uns nun erst einmal intensiv kümmern wollen. Nächstes Jahr sehen wir dann weiter.


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