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Tokio 2021 Segler Erik Heil und Thomas Plößel kämpfen um mehr als eine Medaille bei Olympia

Zwei Segler stehen auf der Kante eines schnellen Segellbootes, während sie an Drahtseilen gesichert sind
Erik Heil (l.) und Thomas Plößel (r.) beim Training im Enoshima Yacht Harbour
© Peter Parks / AFP
Erik Heil und Thomas Plößel haben in der 49er-Bootsklasse schon in Rio eine Bronzemedaille ersegelt. Das wollen sie in Tokio mindestens wiederholen – haben aber auch andere große Themen im Blick.

Ein dunkelblonder Junge, vielleicht zehn Jahre alt, mustert auf einem Bootssteg an der Hamburger Außenalster Thomas Plößels T-Shirt mit Sponsoren-Logos. Dann fragt er: "Segelst Du Olympia?"

"Ja", antwortet Plößel.

"Ich kenne Dich aber nicht", sagt der Junge.

"Das macht nichts", antwortet Plößel.

Wer sich für Segeln interessiert und älter als zehn Jahre alt ist, dürfte Vorschoter Thomas Plößel und seinen Steuermann Erik Heil schon kennen. Immerhin haben die beiden bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 in der 49er-Klasse Bronze gewonnen – und die Liste ihrer Erfolge ist noch viel länger.

49er rasen mit bis zu 45 km/h durchs Wasser

Dass die beiden so erfolgreich sind, liegt auch daran, dass sie seit 2001 gemeinsam segeln. "Damals hat uns ein Jugendtrainer unseres Berliner Segelvereins gemeinsam in ein Boot gesetzt", sagt Plößel, der sich als Vorschoter vor allem um das kleinere Segel vor dem Mast kümmert. 2005 wurden sie gemeinsam deutsche Jugendmeister im 420er, 2009 U19-Meister im 470er. Seit 2007 segeln sie nun 49er.

Boote dieser Klasse sind 4,99 Meter lang und 2,90 Meter breit. Außen am flachen geschnittenen Rumpf sind eine Art Flügel angebracht, auf denen sich Steuermann und Vorschoter mit den Füßen abstützen, während sie im Trapez stehen. Genau genommen hängen sie also während des Segelns mit Drahtseilen gesichert außerhalb ihres Bootes, während das mit bis zu 45 km/h durchs Wasser rast.

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Erik Heil schwärmt von "magischer Anziehungskraft"

"Die Boote haben eine magische Anziehungskraft", sagt Erik Heil. "49er-Segeln ist schnell und anspruchsvoll, man braucht gutes Teamwork und hat coole Konkurrenz auf hohem Niveau." Vor allem aber mache es richtig Spaß. "Es wird nie langweilig", sagt Plößel. Weil das Schiff übertakelt sei – mit 21 Quadratmetern also eigentlich zu viel Segelfläche für Bootsgröße und -gewicht hat – sei es bei viel Wind schwierig zu segeln.

Für die Olympia-Vorbereitung sind sie durch Südeuropa getourt, um in Revieren zu trainieren, die ähnliche Bedingungen bieten wie die Bucht, in der die olympischen Segel-Regatten ausgetragen werden: hohe Wellen in mäßigem Tempo und Windgeschwindigkeiten von etwa 15 bis 25 km/h. Dazu waren sie erst in Cascais nahe Lissabon, dann auf Lanzarote und zuletzt vor Santander an der spanischen Atlantikküste. "Ursprünglich wollten wir ab Mai in Japan trainieren, aber das hat Corona verhindert", sagt Heil. Während die meisten Teams ihre Regatta-Boote schon im Februar per Schiffscontainer auf die Reise geschickt haben, haben die beiden Deutschen ihr Spitzen-Boot per Luftfracht mit nach Japan genommen. Das hat den Vorteil, dass sie bis kurz vor Abflug noch ihr Boot optimieren konnten.

Große Ziele für Tokio 2021

Doch welche Ziele setzt man sich, wenn man schon eine Bronze-Medaille bei Olympia geholt hat? "Wenn wir eine super Regatta hinlegen und jemand dauerhaft besser war, obwohl wir schon extrem gut performt haben, dann würde ich sagen: Ich bin auch mit einer Bronze-Medaille zufrieden", sagt Heil. "Wenn wir aber eine mittelmäßige Regatta segeln und holen Silber und wissen: Wir hätten einfach nur in zwei Rennen ein bißchen besser sein müssen, hatten es in der Hand und haben deswegen Gold verpasst, dann sind wir natürlich nicht zufrieden." Aber alles, was besser als Bronze ist, würde erst einmal Zufriedenheit bedeuten. "So nah wie momentan sind wir noch nie drangewesen an dem Überflieger aus Neuseeland."

Das Teamwork ist entscheidend für den Erfolg. Plößel, der sich lachend als unpünktlicher Perfektionist bezeichnet, und Heil, der Ungeduldigere mit dem Überblick, ergänzen sich offenbar sehr gut. "Bei uns gibt es eine sehr detaillierte Aufgabenverteilung auf dem Boot", sagt Heil, während die beiden bei leichtem Wind und Sonnenschein mehr über die Alster treiben als segeln. Er zeigt auf das Gelenk, das die Steuerpinne mit dem Pinnenausleger – einer Verlängerung aus Alu oder Carbon – verbindet. "Wer ist dafür zuständig? Wahrscheinlich ich", sagt er. "Wer ist für diese Blöcke zuständig? Wahrscheinlich Thomas", sagt er mit Blick auf eine Umlenkrolle für eines der Taue, mit denen das Vorsegel ausgerichtet wird.

Noch ist eine Medaille für die Segler drin

Nach neun von zwölf Wettfahrten stehen Heil Plößel auf Rang 5 von insgesamt 19 Teams – während die "Überflieger" aus Neuseeland am Freitag die Führung übernommen haben. Samstag segeln die 49er nochmals drei Rennen, bevor am Montag die entscheidende Wettfahrt um die Medaillen folgt. Noch sind alle Medaillenränge drin für die Deutschen.

Doch Heil und Plößel denken auch über die Regatta-Bahn hinaus. "Wir sind auf dem Wasser quasi Zeugen des globalen Müllproblems", sagt Plößel. "Viele Menschen unterschätzen immer noch die Bedeutung des Ökosystems Wasser." Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro hätten sie gesehen, wie stark die Meeresverschmutzung besonders mit Plastik zunähme. Zumal sich Heil 2015 bei den Test-Regatten vor Rio Infektionen mit multiresistenten Keimen an den Beinen zugezogen hatte, die im Krankenhaus ausgeschabt werden mussten.

Engagement gegen Plastik in den Weltmeeren

Daher engagieren sich die beiden Segler für den Schutz der Meere, etwa als Paten der Organisation "Clean Hub", die etwa in asiatischen Ländern Menschen bezahlt, damit sie Plastik einsammeln, bevor Regen oder Wind es ins Meer trägt. "Das ist viel effizienter, als Plastikmüll aus dem Meer zu fischen. "Jedes Jahr landen elf Millionen Tonnen Plastik im Meer", sagt Heil. "Die kriegst Du gar nicht raus", sagt Plößel. "Oder nur mit großem Aufwand."

Ob sich die beiden Segler für ihren Trainingsaufwand auf dem Wasser und an Land belohnen, entscheidet sich Samstag und Montag. Eine Medaille in Tokio wäre auch gut für ihr Ziel, dass Segeln insgesamt in Deutschland mehr Beachtung findet. Nicht nur, weil dann auch der Segel-Nachwuchs sofort weiß, wen er da vor sich hat.


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