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Arthur Abraham: Die Angst eines Kriegers

Er kämpfte mit zertrümmertem Kiefer und gewann. Davor war Arthur Abraham ein guter Boxer, danach war er ein Boxer, der nie aufgibt. Nun verteidigt er seinen WM-Titel - den Gegner fürchtet er nicht, nur die Niederlage.

Von Oliver Link

Und Angst, Arthur, hattest du Angst? "Nein, nicht vor dem Mann, nur ..." Er denkt lange nach, bevor er weiterspricht, das ist selten, er plaudert sonst Fragen beiseite, die ihm unangenehm sind, flüchtet in Herzlichkeit, die ehrlich klingt, die er anwendet, um sich Luft zu verschaffen, einen heiklen Moment zu überstehen. "Nimm noch was vom Essen! Armenisches Essen, das beste der Welt. Schmeckt es dir?", sagt er in solchen Momenten, legt einem seine Hand auf die Schulter, zwinkert einem zu, nennt einen: Freund, mein Lieber, führt das Gespräch auf ein anderes Gleis, und man mag ihn. Er kann mit vielen Worten nichts sagen. Arthur Abraham ist ein Boxer, der nach vorn geht, wenn er bedrängt wird.

Man hat sich immer wieder mit ihm getroffen in den vergangenen Monaten, man kann sich mit ihm gut unterhalten. Mit ihm reden, das ist schwieriger. Jetzt hat er zum ersten Mal die Deckung unten. Er schweigt noch immer, fischt eine Scheibe Zitrone aus seinem Wasser, beißt hinein. Er denkt weiter nach, sagt: "... Nur vor dem Verlieren hatte ich Angst. Schreckliche Angst. Verlieren ist für mich der Weltuntergang, ich kann das nicht beschreiben. Ich habe im Ring nie Angst vor einem Gegner, auch vor dem nächsten Mann habe ich keine Angst. Ich kämpfe immer bis zum Letzten. Verlieren, das halte ich nicht aus. Ich muss immer gewinnen. Ich muss, ich kann nicht anders, das steckt in mir, ich ertrage es nicht zu verlieren, meine Ehre verbietet es mir, nicht nur beim Boxen, auch im Leben." Ein Zitronenkern haftet an seinem Kinn.

Der Kolumbianer Edison Miranda zertrümmerte ihm den Unterkiefer, es war der 23. September 2006. Ein furchtbarer Aufwärtshaken, Abrahams Mund stand offen, als die Faust ihn traf, sein Kiefer wurde zur Seite gerissen, er brach, rasende Schmerzen schlugen gegen seine Schädeldecke. Die vierte Runde. Irgendwie überstand er die zwölf Runden, das Blut war überall, er lehnte es ab aufzugeben, sonst hätte er seinen WM-Titel verloren. Er griff sogar an, führte nach Punkten und beendete den Kampf als Sieger. Er hatte einen halben Liter Blut verloren. Besser konnte es nicht kommen für Arthur Abraham.

Jeder wirklich grosse Boxer muss sich selbst überhöhen durch einen Namen, zu dem eine Geschichte tritt. Das Boxen allein reicht nicht in einem Sport, in dem die großen Gagen nur an den gezahlt werden, den das Fernsehen zeigt und den die breite Masse kennt, der eine inszenierbare Geschichte in den Ring tragen kann, die von Gegensätzlichkeit lebt. Schwarz gegen Weiß, der elegante Boxer gegen den Schläger, Alt gegen Jung, Groß gegen Klein, in der Sprache des Boxens dann: David gegen Goliath. Henry Maske war der Gentleman- Boxer, den man gegen den Proleten Graciano Rocchigiani antreten ließ, Tyson der Straßenköter, der seine Gegner auffraß, Ali das geniale Großmaul.

Ein Name ohne Geschichte

Arthur Abraham hatte eine solche Geschichte bislang nicht. Er war seit Dezember 2005 IBF-Weltmeister im Mittelgewicht, das ist in der Fachwelt viel und doch nicht genug, um für die breite Masse interessant zu sein. Bis es ihm aus urheberrechtlichen Gründen verboten wurde, kam er mit einer albernen Mütze aus der Kabine und betrat als "Schlumpfboxer" zur Musik von Vader Abraham den Ring, eine Imageidee seines Boxstalls. Richtig glücklich war Abraham damit nicht, aber es hat funktioniert, er wurde bekannter, machte sich aber auch lächerlich. In Wetzlar trat er zum ersten Mal mit dem würdevolleren Namen "König Arthur" an, auch dies nur ein Name, mehr nicht, ein Name ohne Geschichte.

Natürlich war er schon vor dem Kampf ein herausragender Boxer, nach dem Kampf aber wurde er der Mann, der nie aufgibt, der Mann mit dem unglaublichen Willen, nach dem Kampf war er: ein Krieger. Ihm gehörten die Schlagzeilen, der Begriff "Blutkampf" wurde geboren. Eine bessere Geschichte konnte es nicht geben für ihn, sein Name wird für immer mit diesem Kampf verbunden sein. Jetzt war er ein Mann für die Massen. Und er bringt alles mit, was er für diese Rolle braucht: Er ist ein K.-o.-Boxer, der auch intelligent boxen kann, manchmal ungestüm und unkontrolliert, das lieben die Massen. Im Ring hat er eine einzigartige Ausstrahlung, ein 1,78 Meter großer und 72 Kilogramm schwerer Albtraum für jeden Gegner. Arthur, da am Kinn...

"Ich kämpfe nur, wenn ich gesund bin"

Er befühlt sein Kinn, entfernt den Zitronenkern und schaut ihn lange an. "Ich habe das nicht gespürt", sagt er, und sein Mund verzieht sich zu einem verunglückten Lächeln, "die Stelle ist noch taub, ich hoffe, der Nerv ist bald wieder geheilt." Er sagt das sehr leise. Die Verletzung liegt länger als fünf Monate zurück. Und wenn es nicht heilt, Arthur? "Ich kämpfe nur, wenn ich gesund bin", sagt er, "und ich werde gesund." Er sagt lange nichts und spielt mit seinem Handy. "Hier, mein Lieber, guck mal, tolles Handy, oder?" Er verschwindet wieder hinter einer Mauer von Herzlichkeit, er weiß, dass er sich beweisen muss. Noch steht der nächste Kampf nicht fest. Es ist Anfang März. Erst Wochen später wird er den Tag der Tage kennen: der 26. Mai in Bamberg. Noch vor einer Stunde konnte man ihn allein nach dem Lauftraining in der riesigen Halle des Berliner Sauerland-Boxstalls beobachten, alle anderen waren schon gegangen, mit einer schweren Eisenstange prügelte der 27-Jährige im Stile eines Holzhackers auf einen Lkw-Reifen ein, minutenlang, schwere, wuchtige Schläge, das gewaltige Krachen der Hiebe hallte durch den Raum. Erst jetzt bemerkte er einen, sagte, "ich muss wieder im Ring stehen", schlug zu, "richtig kämpfen", schlug zu, "immer nur trainieren reicht mir nicht", schlug zu, "ich muss wissen, wo ich stehe". Er sagte es so, als redete er mit sich selbst. Man hatte ihn nichts gefragt.

Eine Weile schaute er auf den Boden, stand da, nass und erschöpft, man sah, es ging ihm nicht gut. Dann fuhr ein Ruck durch seinen Körper, und er holte sich ein Lächeln ins Gesicht, fragte: "Wie geht es dir, mein Lieber?" Die Augen lächelten nicht mit. Ja, hartes Training heute, ich war gut, sehr gut, ich bin zufrieden, kein Problem. "Kein Problem", es gibt keinen Satz, den er öfter sagt. Arthur Abraham ist das große Versprechen des deutschen Boxens, in diesem Moment wirkt er wie alles andere als das. Dem Land eines Max Schmeling fehlen seit Langem die charismatischen Figuren. Die herausragenden Gestalten der Generation des Henry Maske sind abgetreten, und es kam keiner mehr nach. Nun sind es Osteuropäer mit deutschen Pässen, die das Vakuum ausfüllen sollen, Boxer wie Felix Sturm, der eigentlich Adnan Catic heißt und aus Bosnien stammt, oder Luan Krasniqi, der gebürtige Kosovo-Albaner. Doch für Sturm und Krasniqi können sich die Deutschen nicht recht erwärmen, Sturm mangelt es sicher nicht an Klasse, ihm fehlt die Ausstrahlung, Krasniqi fehlt die Zukunft, der Mann ist 36. Es bleibt nur Arthur Abraham, der Armenier mit deutschem Pass.

Jetzt, über dem Teller mit dem besten Essen der Welt, gebraucht er nicht, wie sonst immer, die Floskeln: "Ich bin bald wieder fit, ich weiß, was ich kann, der letzte Kampf hat mich nur noch härter gemacht", jetzt lässt er seine Sätze beginnen mit: "Nicht mehr oben zu stehen ... nur die Nummer zwei zu sein ... Erwartungen zu enttäuschen ... der Druck auf mich ist wahnsinnig groß ..." Er spricht sehr leise.

"Dieser Boxer ist mein Werk"

Uwe Schulz sass in Bamberg vor seinem Fernseher, als Abraham kämpfte, und was er sah, brach ihm das Herz. Da kämpfte nicht Arthur, da kämpfte Avo, sein Avo, so nennt er ihn, und sein Avo hätte vor sich selbst beschützt werden müssen, sagt Schulz, hätte aus dem Kampf genommen werden müssen. "Da stand Avo, da stand mein Junge mit kaputtem Kiefer und blutete wie ein Schwein. Da muss man als Trainer das Handtuch werfen." Für den 57-Jährigen mit dem Gesicht eines Boxers, der zu viele Schläge eingesteckt hat, wird Arthur Abraham der Junge aus Armenien bleiben. Avetik Abrahamian, der Junge, der gemeinsam mit seinem Bruder Alexander im Bamberger Boxclub ETSV 1930 auf Sandsäcke drosch, der Junge mit den dünnen Ärmchen, der Junge, den er vor zwölf Jahren entdeckte. "Der Avo, also dieser Arthur Abraham, wie er sich jetzt nennt, also der Weltmeister", sagt er, macht eine Pause und hört dem Klang dieses Worts hinterher, lächelt. "Dieser Boxer ist mein Werk. Ich habe ihm alles beigebracht, ich war sein Amateurtrainer." Es klingt stolz, und es klingt verbittert.

Man geht durch eine trübe Kneipe, es riecht nach Bier und kaltem Zigarettenrauch, dann hinein in die muffige, düstere Halle des ETSV 1930. An den Wänden hängen Fotos aus Boxzeitschriften, alte Zeitungsausschnitte der Lokalpresse, mit Geschichten über Arthur Abraham. "Jetzt hängen sie sich ran an ihn, damals haben sie ihn und seinen Bruder aus dem Verein geschmissen und ihm verboten, in die Halle zu kommen", sagt Schulz, "sie haben Gründe vorgeschoben, doch eigentlich wollten sie keine Asylanten haben. Dem Avo war das immer peinlich. Er wollte nie darüber reden. Ich habe den beiden Kampfpässe besorgt und sie in einem Nürnberger Boxclub angemeldet, da hatten sie keine Probleme mit Asylanten."

Er scheuchte die Jungs durch den Wald

Die Abrahamians lebten von 1995 bis 1999 im ersten Stock des Asylantenheims in Breitengüßbach, das hatte Arthur Abraham einem nicht erzählt. Eine umgebaute Fleischerei, rund zehn Kilometer von Bamberg entfernt, Vater, Mutter, zwei Brüder. "Avo war immer der smartere von beiden, dabei war Alexander technisch der bessere Boxer", sagt Schulz, "doch der Avo hatte den größeren Willen, und er wusste immer, wie er überall durchkommt, er kann sehr charmant sein, wenn es ihm nutzt." Sie hatten keine Halle, also scheuchte er die Jungs durch den Wald, bläute ihnen Schlagkombinationen ein, baute ihnen aus alten Sesseln so etwas wie Sandsäcke, die er in Kellerräumen aufhängte, und wenn es draußen zu kalt war, trainierten sie im Erdgeschoss des Asylantenheims, in einem weiß gekachelten Raum ohne Heizung, in dem früher einmal die Schweine geschlachtet wurden. Der Raum ist inzwischen umgebaut, eine Wand wurde eingezogen. Es riecht dort immer noch nach dem Blut der Tiere.

Dieser Raum sagt sehr viel aus über Arthur Abraham, hier kommt er her, der Boxer Arthur Abraham, ein furchtbarer Ort. Wer diesen weiß gekachelten Raum hinter sich gelassen hat, braucht nie wieder Angst zu haben. Jetzt ist er reich, hat Eigentumswohnungen und fährt S-Klasse. Und fragt man ihn nach seinem Ziel, sagt er: "Mit 40 will ich 50 Millionen."

Die Augen lächeln mit

Das Essen ist abgeräumt, Arthur Abraham redet über die Bamberger Zeit, er lächelt, als er von den Anfängen seiner Karriere erzählt und bleibt doch in der Reserve, spricht mit vielen Worten und sagt wenig. Die Frage: "Warum sind deine Eltern nach Deutschland gekommen?", nuschelt er mit "bisschen arbeiten" weg, der Rauswurf aus dem Verein wird zu: ein Clubwechsel, das Asylantenheim zu "wir wohnten damals in einem Haus in der Nähe von Bamberg". Er redet lieber von der Zeit danach, in der die Abrahamians zurück nach Armenien mussten, von der Zeit in der Armee, der härtesten Zeit seines Lebens, wie er sagt. Im Jahre 2003 kamen die Brüder Abrahamian zurück nach Deutschland, sie hatten sich für die Reise verschuldet, boxten im Sauerland-Boxstall vor. Es wurden Sparringspartner für Sven Ottke gesucht. Sie wurden engagiert und bekamen beide Profiverträge. Es ist mein größter Traum, mit meinem Bruder zusammen Weltmeister zu sein, sagte er. Er lächelt. Und die Augen lächeln mit.

Gut zwei Wochen vor dem Kampf sah man ihn wieder, beobachtete ihn beim Sparring, er sah gelassen aus, sein Körper war breiter, athletischer, strahlte zum ersten Mal wieder die Präsenz und Stärke aus, die er während der anderen Einheiten noch nicht hatte. Inzwischen war der Name seines Gegners bekannt, der Kanadier Sebastien Demers, einer mit 20 Siegen aus 20 Kämpfen. Abraham trat in den Ring, sein Sparringspartner war stärker, als man es erwarten durfte, Abraham wirkte überrascht. Abrahams Trainer Ulli Wegner schaute sich an, was da im Ring passierte. Er wirkte nicht beunruhigt. Schulz kannte Avo, den Jungen. Wegner kennt Arthur, den Mann. Und dessen Angst vor dem Verlieren. Er brüllte in den Ring: "Arthur, jetzt mal los, Meeensch!" Und dann machte er los, traf hart und gewaltig. Wegner grinste. In Abrahams Blick war Wut. Er war wieder da.

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