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Basketball-EM: Sieg über die Angst

Der Gala-Auftritt über den EM-Geheimfavoriten Türkei hat gezeigt, dass das Schicksal des deutschen Teams nicht allein in den Händen ihres Superstars Dirk Nowitzki liegt. Nach dem fulminanten Befreiungsschlag ist jetzt alles möglich.

Von Christian Ewers, Palma de Mallorca

Schöner Basketball ist Musik. Naja, ein Geräusch zumindest. Augen schließen und zuhören im Velodromo von Palma de Mallorca. Schmupp, dieses satte, schmatzende Schmupp, wenn der Ball durch den Ring fällt, auch wenn 6.000 Fans schreien, pfeifen, toben. Schmupp, das war am Dienstagabend das Lied der deutschen Basketballer. Der Soundtrack zu einem Sieg, den Bundestrainer Dirk Bauermann als einen der "ganz großen in der der Geschichte der Nationalmannschaft" bezeichnete.

Und tatsächlich hatte es gegen die Türkei geschmuppt, wie schon seit Jahren nicht mehr. Das Lied lief in einer Endlosschleife: Mit unglaublichen 30 Punkten Vorsprung, 79:49, schlug das Team um Dirk Nowitzki bei der EM den Geheimfavoriten Türkei. Jetzt ist die Auswahl des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) für die Zwischenrunde qualifiziert, die am Freitag in Madrid beginnt. Mit welchem Punktekonto sie dort antritt, entscheidet sich heute Abend. In der Partie gegen Litauen (18 Uhr, live im DSF) geht es um Platz eins in der Vorrundengruppe und um eine optimale Ausgangslage für die nächste Phase des Turniers.

Nowitzki-Stellvertreter überragend

An Litauen, die mit NBA-Spielern gespickte Mannschaft, mochte Dienstagnacht jedoch kaum jemand denken. Alle im DBB-Team waren ein bisschen wie betrunken vom Sieg gegen die Türkei. Man sah selig lächelnde Gesichter, aber selten Triumphgesten und erhobene Fäuste. Dieser Sieg war eine Befreiung, ein Sieg über die Angst. Über die Angst, dass das eigene Schicksal allein in den Händen von Dirk Nowitzki liegt. Trifft er, gewinnt die Mannschaft. Hat er einen schlechten Tag, ist sie unrettbar verloren - so ist es oft gewesen in der jüngeren Vergangenheit.

Zumindest für eine Partie, eine ungemein wichtige, hat sich die DBB-Auswahl nun von ihrem Star emanzipieren können. Zwar war der Flügelspieler von den Dallas Mavericks mit 24 Punkten erneut bester Schütze der Mannschaft, doch durfte er sich längere Pausen auf der Bank gönnen. Es waren ja noch andere da, die warfen und punkteten. Ademola Okulaja (13) oder oder Demond Greene (10). Oder Jan Jagla (8), Nowitzkis Stellvertreter. Er machte das beste Spiel seiner Nationalmannschaftskarriere. Jagla selbst sagte nur: "Lief gut heute". Nowitzki hingegen feierte seinen Ersatzmann überschwänglich: "Er hat sich wahnsinnig entwickelt. Ich freue mich über jeden, der mir ein paar Minuten auf der Bank gibt."

"Große Teams können große Leistungen bestätigen"

Gegen die Türkei durften im Schlussviertel alle zwölf Spieler ran. Auch Guido Grünheid, der tags zuvor beim Sieg gegen Tschechien keine Sekunde gespielt hatte. Die Einwechslung der Reservisten war kein Gnadenakt von Trainer Bauermann. Im Gegenteil, es ist seine Strategie, möglichst jeden im Kader einzubinden, ihm Verantwortung aufzulasten. "Wir müssen uns das immer wieder bewusst machen: Wir haben nicht nur Dirk, wir haben ein Team, das an einem guten Tag jeden in Europa schlagen kann", sagt Bauermann.

Zwölf Basketballer in Topform wird der Bundestrainer auch brauchen, um am Abend Litauen zu schlagen. Bauermann hat das "den Jungs", wie er sagt, auch schon beigebogen. Und zwar noch in der Stunde des Triumphes, am Dienstagabend. "Große Mannschaften können große Leistungen bestätigen", hat Bauermann in die Kabine gerufen. "Und wir sind doch eine große Mannschaft, oder?"

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