HOME

Biathlon: Die dunkle Seite von Oberhof

Der Biathlon-Zirkus ist da, Millionen Deutsche fiebern mit. Doch Oberhof, noch immer die Kaderschmiede des Wintersports, hat sich nie ganz vom Erbe der DDR befreit. Frühere Stasispitzel lassen sich feiern, manche Opfer haben sich arrangiert - andere leiden.

Von Christian Ewers

Im Thüringer Wald, Gemeinde Goldisthal, Hauptstraße 41, ist immer 1979. Immer der 14. Oktober 1979, zwölf Uhr mittags. Andreas Heß würde gern ankommen in der Gegenwart, im Leben, aber es geht nicht. Er nimmt jeden Tag 120 Milligramm Palladon, ein Schmerzmittel, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, und er nimmt das Antidepressivum Cymbalta in Höchstdosis, zwei starke Medikamente, die ihm sein Arzt verschrieben hat, um diesen Oktobertag vergessen zu machen. Die Pillen haben ihm den Magen kaputtgemacht. Aber nicht die Erinnerung.

Auf einmal war alles vorbei

Die Bilder kommen jetzt wieder hoch. Biathlon in Oberhof, längst ein Riesenfest, Hunderttausend Fans, Millionen Fernsehzuschauer und mittendrin die alten Kader, die alten Gesichter. "Da treffe ich die Kerle, die mein Leben verpfuscht haben", sagt Heß. "Für mich ist das die größte Demütigung: dass diese Denunzianten rumlaufen wie stolze Gockel und sich feiern lassen, als ob nichts gewesen wäre."

Hess, 50, muss jetzt erst mal eine rauchen. Er reißt die Terrassentür auf, nimmt ein paar hastige Züge, setzt sich wieder aufs Sofa, fängt an zu erzählen, Sätze ohne Anfang und ohne Ende, und plötzlich ist Heß nicht mehr im Wohnzimmer. Er ist wieder im Trainingslager der Biathlon-Nationalmannschaft, im Klubraum der SG Dynamo Zinnwald, Erzgebirge, es ist zwölf Uhr mittags. Heß sitzt auf einem Holzstuhl, der Generalsekretär des Skiläufer-Verbandes der DDR steht dicht vor ihm, ganz dicht, Heß sieht nur das karierte Hemd, das sich über dessen Bauch spannt, und der Generalsekretär sagt mit ruhiger Stimme: "Genosse Heß, abreisen. Umgehend."

Warum, das sagte ihm damals niemand. Warum an diesem 14. Oktober 1979 alles zu Ende sein sollte, seine hoffnungsvolle Karriere als Biathlet, zweifacher Junioren-Weltmeister war er, sein Sportstudium in Leipzig, das erfuhr Andreas Heß erst nach dem Mauerfall. Aus seiner Stasiakte. Sie liegt auf dem Couchtisch im Wohnzimmer von Heß, griffbereit neben der Fernbedienung für die Satellitenschüssel. "Ich war ein Staatsfeind", ruft Heß und schlägt mit der flachen Hand auf den Leitz-Ordner, "die Spitzel sollten mich fertigmachen."

Politische Zuverlässigkeit

Heß war kein Staatsfeind. Er war ein Dickkopf, ein verbissener Kämpfer in der Loipe, Unterfeldwebel der Nationalen Volksarmee, politisch aber uninteressiert. Er siegte für sich, nicht für den Sozialismus. Die Staatssicherheit hatte ihn in ihrer paranoiden Angst früh ins Visier genommen - im Alter von zwölf Jahren. Heß' Vater hatte sich geweigert, in die SED einzutreten, keine gute Voraussetzung für den Sohn, der später einmal aller Welt die Überlegenheit der DDR demonstrieren sollte. Diplomaten in Trainingsanzügen, das war damals die Idee.

Am 30. September 1976 meldet der Inoffizielle Mitarbeiter Sicherheit (IM) "Ernst", Heß besitze einen "größeren Westgeldbetrag". Die Stasi ist alarmiert. Sie leitet eine "operative Personenkontrolle" ein, mindestens acht Spitzel werden auf Heß angesetzt, er ist 18 Jahre alt. Seine "politische Zuverlässigkeit" soll geklärt werden, ebenso die Eignung als "Reisekader in das kapitalistische Ausland". Die Akte füllt sich: IM "Horst Sommer" notiert, er kenne Heß von "harten Auseinandersetzungen", man sei mehrfach nahe daran gewesen, "ihn von seinem Leistungsauftrag zu entbinden". IM "Klaus" beobachtet "einige Probleme im ideologischen Bereich".

Heß lacht, es ist ein Versuch zu lachen. Seine Stimme zittert. "Ich habe ab und zu mal einen Witz gemacht über die DDR", sagt er. "Aber ich wollte doch keine Revolution anzetteln, ich wollte Olympiasieger werden. Die haben mich aufgeblasen in ihren Stasiberichten, ich hab mich selbst nicht wiedererkannt."

Eine Lappalie als Auslöser

Damals bemerkte Andreas Heß nichts von seiner Überwachung. Er fühlte sich sicher, so sicher, dass er am Abend des 13. Oktober 1979 aus seinem Mehrbettzimmer im Wohnkomplex der SG Dynamo Zinnwald schleicht. Heß klettert aus dem Toilettenfenster nach draußen. Auf einem nahen Waldweg wartet seine Freundin, sie lebt in Zinnwald. Nach zwei Stunden will Heß zurück ins Trainingslager. Das Toilettenfenster steht noch offen, Heß windet sich in den Raum, plötzlich Stimmen, das Licht geht an, dann steht er vor ihm: ein Hauptmann der Volkspolizei, bewaffnet mit einem Spruch. "Je später der Abend, desto besser die Gäste. Mitkommen."

Heß denkt, dass er die Sache irgendwie geradebiegen kann. Ein bisschen mit der Freundin geknutscht in der Nacht, wird schon nicht so schlimm sein. Bei der "Aussprache" am nächsten Tag darf Heß kein Wort zu seiner Verteidigung sagen. Er muss gehen, sofort. Heß schlägt sich allein durch bis nach Oberhof, zwei Tage braucht er, in der Nacht schläft er auf dem Dresdner Hauptbahnhof.

Heute fährt Heß nur noch einmal im Jahr die knapp 50 Kilometer von Goldisthal nach Oberhof, immer im Januar, zum Biathlon. Öfter schafft er es nicht, er hat zwei Bandscheibenvorfälle hinter sich. Öfter würde er es auch nicht aushalten. Wenn am kommenden Mittwoch der Weltcup beginnt, werden in Oberhof, dem 1700-Seelen-Dorf, rund 100.000 Fans erwartet. Es ist die Wintersportveranstaltung des Jahres in Deutschland. Das ZDF sendet live, beim letzten Weltcup freute sich die ARD über insgesamt 24,4 Millionen Zuschauer, Marktanteile von bis zu 31 Prozent. Biathlon ist ein Quotenbringer.

Karl-Heinz Wolf, 57, Sportdirektor des WSV Oberhof 05, wird sich wieder um die VIP-Gäste kümmern. Unten in der Rennsteig-Arena erklärt er ihnen, wie so ein Gewehr gebaut ist, wie oft die Athleten nachladen dürfen. Karl-Heinz Wolf ist IM "Ernst". Jener Spitzel und Mannschaftskamerad von Heß beim Armee-Sportklub Oberhof, der mit seinem Bericht über "Westgeld" den Ermittlungsapparat in Gang setzte.

Nüchtern und abgeklärt

Wolf arbeitete 14 Jahre für die Stasi. In seiner Verpflichtungserklärung vom 3. Juli 1975 schreibt er: "Ich bin mir des großen Vertrauens, welches mir durch das MfS (Ministerium für Staatssicherheit, d. Red.) entgegengebracht wird, voll bewußt und werde mich bemühen, diesem gerecht zu werden." Heute würde Wolf das wahrscheinlich nicht noch mal so schreiben, nicht in diesem feierlichen Ton. Die ihn lange kennen, sagen, er sei nüchterner geworden im Alter, kühler. Wolf sitzt in der Geschäftsstelle des WSV Oberhof, er hat sein Laptop aufgeklappt, gerade war eine junge Biathletin da, sie haben zusammen am Text für die Autogrammkarte gefeilt.

Wolf erzählt über Oberhof. Welche Helden man hervorgebracht hat, die Biathleten Wilhelm, Luck und Fischer, den Bobfahrer Lange, den Kombinierer Ackermann, die Liste ist endlos lang. Die meisten Stars entstammen dem Oberhofer Sportgymnasium, allein die Biathleten haben seit der Wende 36 Medaillen bei Olympischen Spielen geholt und 27 Weltmeistertitel. Sehr oft ist die Kaderschmiede Oberhof der Stolz der Republik.

Karl-Heinz Wolf rattert die Erfolgsbilanz nur so runter, ohne Hebung in der Stimme. Man würde kaum vermuten, dass Wolf der sportliche Leiter des wohl erfolgreichsten Wintersportvereins der Welt ist. Auf die Frage, wie er heute zu Andreas Heß stehe, ob er sich schuldig fühle für sein Schicksal, tut Wolf noch gelangweilter. Er wartet lange mit der Antwort. "Heß hat sich seine Laufbahn selbst zerstört. Er hat sich nicht an die Vorschriften gehalten. So einfach ist das." Im Übrigen hätte ein "Soldat West" genauso handeln müssen damals wie er, der "Soldat Ost". "Heß war ein Sicherheitsrisiko. Der Soldat West hätte ihn dem Militärischen Abschirmdienst gemeldet. Bei uns war das eben die Stasi."

"Der Blick muss nach vorn gehen"

Heß ein Sicherheitsrisiko? Weil er aus dem Schlafsaal getürmt war für zwei Stunden, weil er 20 D-Mark besaß? Wolf atmet tief. Er will dieses Gespräch nicht. Er glaubt nicht, dass man seine Geschichte verstehen kann, unmöglich. Nur wer damals dabei war vor 30 Jahren, "in unserer DDR", nur der weiß, warum er so handeln musste, und dass er so handeln musste, das steht unausgesprochen zwischen Wolfs Worten.

Ein Mann tritt an den Tisch, kräftig, graue Haare, er stellt sich nicht vor, er ruft: "Der Heß soll aufhören zu jammern! Schauen Sie, ich wurde auch bespitzelt, ich war Lehrer, ein ganzer Sack von IMs war dran an mir, bloß weil ich einen kritischen Brief an die Kreisschulrätin geschrieben hatte. Na und? Zwei Spitzeln habe ich nach der Wende ins Gesicht gesagt, was ich von ihnen halte. Das war's aber auch. Der Blick muss nach vorn gehen, immer nach vorn."

Wolf nickt. Der Mann ist sein Chef, Klaus Kaufmann, 67, Geschäftsführer des WSV Oberhof. Kaufmann ist Wolfs Rettung, nicht nur in diesem Moment. Kann es für einen ehemaligen Stasi-IM einen stärkeren Beschützer geben als einen Stasigeschädigten? Kann es für einen Täter einen besseren Freispruch geben als jenen, den ein Opfer ausspricht? Kaufmann sagt, er glaube Wolf, dass der keinem geschadet habe. Dessen Akte hat er nie gesehen, will er auch nicht. "Gibt es überhaupt eine?"

Lesen Sie morgen im zweiten Teil, wie nur der Sport Oberhof am Leben erhält und welche Rolle Doping gespielt hat.

print

Wissenscommunity