Carolina Klüft Die Unbesiegte


Sie ist das fröhliche, hübsche Gesicht der Leichtathletik. Aber die Schwedin will mehr sein als das Glamourgirl, das alles gewinnt. Auch bei der EM in Göteborg strebt sie nach dem perfekten Siebenkampf.
Von Alexandra Kraft

An diesem Tag ist ihre große Bühne ein staubiger Sportplatz in der schwedischen Provinz. Sollentuna, 16 Kilometer nördlich von Stockholm. Ein Ort wie auf einer Postkarte: großer Badesee, rundherum felsige Berge mit Nadelwald und gelben, roten, blauen Holzhäusern. Außerdem viele nette blonde Menschen, mit denen man sofort per du ist. In das Stadion Sollentunavallen sind an diesem heißen Sommertag etwa 400 Besucher gekommen, um ihrem schwedischen Supergirl zuzujubeln. Carolina Klüft gewinnt wie immer. Dieses Mal beim Weitsprung, locker mit 6,46 Metern - der Weltrekord liegt bei 7,52 Metern.

Auch ihr Auftritt nach dem Sieg ist perfekt - und kein Zufall. Kurz vor der Ehrung hat sie sich in einem kleinen Zelt geschminkt. Blauer Lidschatten lässt die wasserblauen Augen intensiver strahlen. Das blonde Haar hat sie an der Stirn zu einem Zopf geflochten. Nun tönt ihr Name aus dem Lautsprecher. Sie springt winkend und lächelnd aufs Podest. Es ist das Lächeln der Unbesiegten.

Noch fünf Jahren bis zum Höhepunkt

Carolina Klüft, genannt "Carro", aus dem schwedischen Ort Borås ist die weltweit beste Siebenkämpferin. Sie hat Gold bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen gewonnen. Gold bei der Weltmeisterschaft 2003 und 2005 und bei der Europameisterschaft 2002. 17-mal ist sie bisher bei Siebenkampf-Wettbewerben angetreten, 17-mal hat sie gewonnen. Mary Peters, die Olympiasiegerin von 1972, sagt: "Sie ist halb Gazelle, halb Känguru." Carolina Klüfts persönlicher Rekord sind 7001 Punkte. Experten trauen ihr zu, dass sie bald den 18 Jahre alten Weltrekord von Jackie Joyner-Kersee (7291 Punkte) überbieten wird. Ihr Trainer Agne Bergvall sagt: "Siebenkämpferinnen erreichen ihren Höhepunkt in der Regel mit etwa 28 Jahren." Carolina Klüft ist gerade mal 23 Jahre.

Unbekümmert und charmant

Ihre Art des Wettkampfs wirkt locker und unbekümmert. Manchmal sogar demonstrativ respektlos. Gegenüber ihrem Sport und ihren Gegnern. Sie kann verbissen um den Sieg ringen - und dabei mit den Zuschauern schäkern; sie ist vor jedem Wettkampf hochkonzentriert - und zwinkert im Startblock noch in die Kameras. Sie sagt: "Ich bin kein Star. Ich bin nur ein kleines Mädchen in der großen Welt."

Auf jeden Fall ist sie so zum fröhlichen, hübschen Gesicht der Leichtathletik geworden. Sie wirkt wie eine Frischzellenkur für diesen Sport, der nach den Dopingskandalen um die US-Stars Marion Jones und Kelly White dringend eine neue Heldin brauchte.

Mutter Weitspringerin, Vater Profi-Fußballer

Die Siegerehrung beim Sollentuna Grand Prix hat den Charme von Bundesjugendspielen. Carolina Klüft bekommt in Cellophan eingewickelte Chrysanthemen, die schon einige Stunden neben dem Podest in der Sonne gestanden haben. Ihre Mutter fotografiert mit einer Digitalkamera. "Für unser Album", sagt sie. Die Mutter war selbst eine erfolgreiche Weitspringerin. Vater Johnny steht ein paar Meter entfernt, ein ehemaliger Profi-Fußballer, heute managt er seine Tochter. Der braun gebrannte Mann mit Schnurrbart trägt die Hose, das T-Shirt, den Rucksack, die Socken, die Schuhe und vermutlich auch die Unterhose mit dem Logo des Sponsors seiner Tochter.

Für diesen Provinzwettbewerb in Sollentuna hat Carolina auf den Start beim "Golden League" in Rom verzichtet, beim Treff der Weltrekordler hätte sie ein Preisgeld von bis zu 50 000 Euro gewinnen können. Warum Carolina hier startet und nicht mit den anderen Größen der Leichtathletik in Rom? Der Vater sagt: "Sie wollte das so. Für sie ist das ein guter Ort, um sich auf die EM vorzubereiten." Carolina sagt: "Es ist ein großes Glück, in meinem Land zeigen zu können, was ich draufhabe."

Familienidylle im Hause Klüft

Ein paar Minuten später hockt Carolina Klüft auf einer Holztreppe neben der Tribüne. Ihre Mutter hat ihr einen Joghurt mit Vanillegeschmack, eine Banane, eine Serviette und einen Plastiklöffel in die Hand gedrückt. "Ich kann essen und reden", sagt sie in ihrem kantigen Englisch. Mutter und Vater Klüft sitzen fünf Stufen weiter unten - Schulter an Schulter gekuschelt - und warten. Sie wollen gleich alle gemeinsam ins Hotel fahren.

Spaß steht bei ihr im Vordergrund

Carolina Klüfts liebstes Wort heißt "Spaß". Mantrahaft wiederholt sie es und baut Sätze darum. "Siebenkampf ist Spaß für mich." "Ich brauche Spaß, um erfolgreich zu sein." Man hört ihr zu, man schaut sie an, sieht ihren koketten Augenaufschlag, die Sommersprossen um die Nase. Es ist leicht, in solchen Momenten Carolina Klüft zu unterschätzen. Sie ist nicht das niedliche Mädchen, das schnell rennt, weit springt und gut wirft. Sie ist eine hart arbeitende Athletin mit enormem Ehrgeiz, die das Glück hat, dabei gut auszusehen.

Sie tritt an im Siebenkampf, der psychisch und physisch härtesten Disziplin, die es in der Leichtathletik für Frauen gibt. Am ersten Tag: 100-Meter-Hürdenlauf, Hochsprung, Kugelstoßen und 200-Meter-Lauf. Am nächsten Tag dann Weitsprung, Speerwerfen und zum Abschluss der kräfteraubende 800-Meter-Lauf. Zwei Tage voller Schweiß und Schmerzen. Nur dreimal pro Jahr bewältigt sie dieses Martyrium. "Mehr schaffe ich nicht." Die Zeit dazwischen: Training, Training, Training. Täglich vier bis fünf Stunden formt und schindet sie ihren Körper. Ihr Studium der Geschichte und Philosophie in der südschwedischen Kleinstadt Växjo musste sie im vergangenen Jahr abbrechen. Sie hatte keine Zeit und keine Kraft mehr dafür.

Siege sind ihr egal, sagt sie. "Meine Medaillen liegen irgendwo im Keller rum." Was treibt sie dann an? Sie lässt sich viel Zeit mit der Antwort. Sie rührt im leeren Joghurt-Becher herum, schleckt den Löffel ab. Als sie weiterredet, hält sie den Kopf zur Seite geneigt, kneift das linke Auge zu. Und kommt mit dem Gesicht ganz nah. "Wirklich", sagt sie. "Training und Wettkampf sind ein großer Spaß." Sie spricht von Krämpfen und totaler Erschöpfung. Und lächelt immer noch. Sie sagt: "Ich will mich bis an die Grenze treiben. Ich kann mich auch über einen zweiten Platz freuen - wenn ich mein Bestes gegeben habe. Ich will herausfinden, wie weit ich gehen kann. Dafür quäle ich mich gerne. Ich will den perfekten Wettkampf schaffen. Die zwei Tage in meiner Karriere erleben, in denen alles stimmt."

Hummeln im Hintern

Eine Unruhe, die sie bereits als Kind in sich spürte. Sie hatte Probleme stillzusitzen. Sie war immer draußen unterwegs. Entweder im Wald auf Bäume kletternd oder Wasserschlachten schlagend. Oft spielte sie Fußball. Als sie zwölf Jahre alt war, zog ihre Familie in die Kleinstadt Växjo. Sie erzählt: "Ich war schüchtern und wurde gehänselt, weil ich so dünn war." Sie habe nur noch weite Kleidung getragen und wollte ein halbes Jahr nicht mehr in die Schule gehen. "Sport wurde meine Rache. Ich habe die Jungs, die mich geärgert haben, einfach im Hochsprung besiegt. Und schon waren sie still. Eine gute Lektion - vor allem für mich."

Groß, aber zierliche Statur

Carolina Klüft ist 1,78 Meter groß und beinahe zierlich. Von Muskelpaketen keine Spur. Neben ihrer größten Konkurrentin Eunice Barber, 31, aus Frankreich wirkt sie wie eine Amateurin, die sich mit den Großen messen möchte. Sie sieht nicht so aus, als würde sie mit illegalen Spritzen oder Tabletten ihre Leistung aufbessern. Sie ist eine der wenigen Profi-Sportlerinnen, der man Sätze wie: "Meine Angst ist, dass jemand heimlich etwas in mein Getränk mischt und ich so unter Dopingverdacht gerate" glaubt. Ihr vertraut man, weil Betrug nicht zu ihrem Spaßprinzip passen würde. Und: Sie weiß genau, was sie zu verlieren hätte. "Würde ich beim Doping erwischt werden, wäre mein Leben zu Ende. Ich müsste mein Land und meine Familie verlassen. Es wäre eine Katastrophe", sagt Carolina Klüft. "Ich bin doch nicht so doof, das alles aufs Spiel zu setzen." Über ihre muskulösen Gegnerinnen will sie nicht reden. "Ich glaube an das Gute im Menschen", sagt sie. Damit ist das Thema für sie beendet.

Carolina Klüft selbst scheint das Gute auf allen Gebieten vorzuleben. Und man denkt sich immer wieder: Gibt es das tatsächlich noch? Eine Leichtathletin, die sauber ist und an der Spitze steht. Eine, die in ihrer Heimat wohnen bleibt, obwohl andere schwedische Spitzensportler wegen der hohen Steuern lieber in Monaco residieren ("Warum sollte ich hier wegziehen? Hier bin ich geboren, hier gehöre ich hin"). Eine, die Fragen zu ihrem Freund, dem schwedischen Stabhochspringer Patrik Kristiansson, lapidar mit "Verlobter" korrigiert. Danach schweigt sie ziemlich lange. Und dann sagt sie: "Ich bin Sportlerin, mehr nicht." Eine, die seit ihrem 16. Lebensjahr ein Kind in Kenia finanziell unterstützt. Eine, die, bevor sie den Ausrüstervertrag unterschrieb, Reebok über die Arbeitsbedingungen in den Fabriken ausfragte. "Das liegt mir am Herzen. Aber ich möchte nicht darüber reden, weil ich mich nicht in den Vordergrund spielen will. Ich bin unwichtig."

Nur für den Fotografen Jason Bell, der schon mit David Beckham, Hugh Grant und Halle Berry gearbeitet hat, machte Carolina Klüft eine Ausnahme. Legte ihre Zurückhaltung ab und posierte als Modell vor der Kamera. Weil "ich mich nicht verstellen musste, sondern Leichtathletin bleiben durfte". Zu Hause. In "ihrem" Växjo, wo sie als Kind auf Bäume geklettert, in Sandkästen gehüpft und über Äste gesprungen ist. Jetzt mit Kugel, Trainingsgewichten, beim Weitsprung.

Neben der Tribüne warten inzwischen etwa zehn Kinder und wollen eine Unterschrift ergattern. In Schweden ist Carolina ein Idol und wird in einem Atemzug mit der Tennis-Legende Björn Borg genannt. "Ja, ich bin ein Vorbild. Aber das habe ich mir nicht selber ausgesucht. Das ist eine Rolle, die ich spielen muss." Sagt sie, steht auf und verteilt Autogrammkarten. Sie plaudert dabei mit den Kindern, streichelt ihnen über die Köpfe. Nach zehn Minuten ist es Zeit, ins Hotel zu fahren. Carolina Klüft dreht sich um, winkt und lächelt. Sie spielt ihre Rolle verdammt gut.

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