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Dirk Nowitzki: Der große Unvollendete

Als erster Europäer wurde Dirk Nowitzki im Frühjahr zum besten Spieler der US-Profiliga NBA gewählt, mit seinen Dallas Mavericks aber scheiterte er kläglich. Ist der Deutsche nur ein genialer Solist - oder kann er das Team in der neuen Saison endlich zum Meister machen?

Von Christian Ewers und Jan-Christoph Wiechmann

Er kommt auf Zehenspitzen in die Halle, seine Schritte sind ein Federn, und die Locken, die ihm tief in die Stirn fallen, wippen mit. Alles muss er sofort anfassen. Den Ball, den Ring, das Brett. Mit der flachen Hand streicht er über das kühle Metall des Korbs, wischt das Netz beiseite, und dem Brett gibt er einen sanften Klaps. "Tunen" nennt Dirk Nowitzki das, stimmen, justieren. Versuchen, ein Gefühl für die Halle zu bekommen, sie für sich zu gewinnen. Nowitzki macht das auf eine stille Weise, er tänzelt, fast scheint er zu schweben, nur sein Atemzug ist zu hören. Vielleicht beginnt hier schon sein Problem. Dirk Nowitzki, 29, in der letzten Saison wertvollster Spieler der amerikanischen Profiliga NBA, sechsmal dort ins All-Star-Team gewählt und fünfmal in Folge "Europas Basketballer des Jahres", schleicht wie ein Dieb übers Parkett. Nicht nur an diesem Vormittag in Würzburg. Er macht sich klein in den großen Arenen Amerikas, selbst zu Hause im American Airlines Center, wo er mit seinen Dallas Mavericks spielt.

Er sieht nur sich und den Ball und den Korb. Und nicht, was um ihn herum geschieht. Wie der Kapitän des Gegners aus dem Kabinentunnel kommt, mit gravitätischem Schritt, das Kreuz durchgedrückt, den Blick auf einen imaginären Punkt an der Hallendecke gerichtet. Er hört nicht, wie der Rivale Kommandos brüllt und seine Teamkameraden einschwört aufs Spiel. Zehn Jahre lang war das egal. Zehn Jahre musste Nowitzki keiner von diesen Typen sein, musste nicht kraftmeiern, nicht schreien. Es genügte, dass er auf seiner Position, dem Flügel, einer der besten Werfer der Welt ist. Es genügte, dass er den Basketball revolutionierte in den Vereinigten Staaten. Seit dem vergangenen Frühjahr ist das alles nicht mehr viel wert. Im Mai scheiterten die Mavericks schon in der ersten Runde im Kampf um die Meisterschaft. 2:4-Niederlage gegen die Golden State Warriors. Die beste Mannschaft der Vorrunde gleich draußen - das hatte es seit neun Jahren nicht mehr gegeben. Der Schuldige: Dirk Nowitzki. Meinten die Kommentatoren im Fernsehen, fluchten die Zeitungen in Texas, brüllten die Fans.

"Das Gerede, ob ich ein Führungsspieler bin, interessiert mich nicht"

"Wir lieben dich, Mann, aber du musst taff werden", schrieb der "Dallas Observer". "Es muss sich etwas ändern - in deinem Kopf. Du brauchst Wut. Du brauchst Selbstbewusstsein. Kaltblütigen Killerinstinkt." Ein anderes Blatt ätzte, Nowitzki solle sich ein Stacheldraht-Tattoo zulegen oder mal eine Woche mit einem Haufen übler Kerle in den dunklen Gassen eines Ghettos verbringen. Sonst bleibe er auf ewig der "No-Win-sky". Ein Montagvormittag im Frühherbst, Nowitzki hockt auf dem Hallenboden. Zwei Stunden hat er mit seinem Manager Holger Geschwindner trainiert, es war die letzte Übungseinheit in seiner Heimatstadt Würzburg, am nächsten Tag wird er zurück nach Dallas fliegen. "Das Gerede, ob ich ein Führungsspieler bin, interessiert mich nicht", sagt Nowitzki, "ich mache nicht den Affen auf dem Feld, nur weil sich das ein paar Leute wünschen. Ich bin ich. Das war’s zu dem Thema." Er will das alles wegschieben, sein ganzer Körper ist eine Verweigerung, er verschränkt die Arme vor der Brust, schaut zur Seite. Er weiß, dass es besser ist zu schweigen, dass jedes Wort die Diskussionen um seine Person nur befeuern würde. Am Dienstag beginnt die neue NBA-Saison, Dallas spielt gegen Cleveland. Die erste von mindestens 82 Ligapartien, in denen Nowitzki Antworten geben muss. Er wird den Fragen nicht ausweichen können, sie sind da seit der Schmach gegen die Warriors.

Und sie werden Woche für Woche, Spiel für Spiel, neu gestellt werden, eine ganze Saison lang: Ist Dirk Nowitzki tatsächlich nur ein begnadeter Solist? Oder doch ein Siegertyp, der ein Team zur Meisterschaft führen kann? Geht er bloß in die Geschichtsbücher der NBA ein als der erste Most Valuable Player aus Europa? Oder wird er für die Amerikaner ein richtig Großer werden, eine Legende, einer wie Michael Jordan oder Magic Johnson oder Shaquille O’Neal? Avery Johnson glaubt wieder an Nowitzki. Ein bisschen jedenfalls. Vor ein paar Tagen, während eines Vorbereitungsspiels in Chicago, beobachtete der Trainer der Dallas Mavericks etwas, wonach er sich den ganzen Sommer lang gesehnt hatte. Nowitzki geriet mit seinem Mitspieler Devin Harris aneinander. Er kritisierte dessen Abwehrverhalten, und Harris kritisierte seines. Doch Nowitzki gab nicht nach, wie er es früher getan hätte, sondern suchte den Streit. Er biss sich fest. Für einen Moment hatte er etwas von dem Terrier, der sein Trainer früher selbst war, den Johnson in ihm sehen will. Johnson stand am Spielfeldrand und ließ es geschehen. "Ich war froh, Dirk so leidenschaftlich zu erleben", sagte er später. "Ich wollte abwarten und sehen, ob er nachgibt. Oder sich als Leader eines Titelkandidaten präsentiert. Er hat diesen ersten Test bestanden."

Ein Prozess, eine Entwicklung, Versuch und Irrtum

Die Meisterschaft, nichts anderes als die Meisterschaft will Johnson, das ist aus jedem seiner kurzen, schnellen Sätze herauszuhören. Das Scheitern gegen die Warriors hat ihn tief getroffen, mit Trotz in der Stimme sagt er: "Mit diesen Spielern können wir es packen. Das einzige Problem ist, dass ich manchmal stärker daran glaube als sie. Aber sie wirken konzentrierter, etwas reifer und körperlich stärker." Johnson klingt, als müsse er sich selbst Mut zusprechen. Nur einen namhaften Neuzugang haben die Mavericks im Sommer geholt, Eddie Jones von den Miami Heat. Es wird schwer werden mit dem Titel, aber Johnson hat eine Idee. Er will Nowitzki, seinen wichtigsten Mann, umerziehen. Er fordert die Auswechslung eines Charakters, als gehe es um Radkappen. Den alten Nowitzki will Johnson nicht mehr. Jenen, der einst in die USA ging und kaum hörbar sagte: "Ich weiß nicht, ob ich es packe in der NBA." Jenen, der vor den letzten Play-offs auf die Frage, ob er bereit sei, Führung zu übernehmen, antwortete: "Ich nehme an, ja." Jenen, der von seinem alten Trainer Don Nelson acht Jahre lang bei den Mavericks geschützt wurde. Der nur das machen musste, was er auch konnte. Und darin einmalig war.

Diesen Nowitzki sieht Johnson nicht. Den freien, unkonventionellen, stets improvisierenden Spieler, der neben den Kobe Bryants und Allen Iversons eine eigene Kategorie geschaffen hat, einen eigenen Stil. Im Mai, kurz vor der Auszeichnung zum besten Spieler der Liga, schickte NBA-Boss David Stern Nowitzki einen Brief. Er habe mit seinem variablen Spiel und seiner Geschmeidigkeit den Basketball verändert, schrieb Stern. Es war wohl das größte Kompliment, das man einem Ausländer überhaupt machen kann im US-Sport. In Amerika bewundern sie Nowitzkis schlangenhafte Art, sich unter den Körben durchzuwinden, sie feiern seinen "Fade- Away-Jump-Shot", einen Sprungwurf im Rückwärtsfallen, nicht zu verteidigen. Eine Zirkusnummer, mit das Spektakulärste, was die NBA zurzeit zu bieten hat. Aber kaum jemand will verstehen, dass Nowitzki sein muss, wie er ist, um solch ein Weltklasseniveau zu erreichen. Ein Grübler, der seinem eigenen Spiel misstraut und es deshalb immer wieder neu erfindet. Wenn man ihm und seinem Mentor Holger Geschwindner eine Weile zuschaut beim Training, bekommt man eine Ahnung, was Basketball für Nowitzki ist. Ein Prozess, eine Entwicklung, Versuch und Irrtum.

"Basketball ist für mich Veränderung, ich muss vorwärtskommen."

An diesem Tag in Würzburg stellt Nowitzki mal wieder alles auf den Kopf. Er übt mit Geschwindner einen neuen Wurf, den "Running-Set-Shot", noch so ein verrücktes Ding, einbeiniger Absprung, einarmiger Wurf, alles aus vollem Lauf. Ein Schuss, den jeder Trainer der Welt seinen Schülern verbietet, weil er eigentlich nicht funktionieren kann. Nowitzki beherrscht ihn. Die ersten Würfe gehen daneben, aber dann hört man minutenlang dieses satte Schmatzen, wenn der Ball ohne Ringberührung durchs Netz flutscht. Wir haben überlegt, wie Dirk noch unberechenbarer werden kann", sagt Geschwindner. "Er kann schon aus jedem Winkel des Feldes werfen. Jetzt braucht er nur noch ein paar mehr Waffen." Geschwindner, 61, studierter Physiker und Mathematiker, ist der Mann, der Nowitzki die Waffen baut. Seit 14 Jahren tüftelt er daran, berechnet Wurfwinkel und Absprunghöhen. Geschwindner verdient sein Geld mit der Konstruktion von Seilbahnen; als Beruf nennt er aber "Troubleshooter", er ist da, wo schnelle Problemlösungen gefragt sind. Am liebsten nimmt er Aufträge an, von denen er zunächst keine Ahnung hat. In Columbus, Mississippi, so erzählt er, habe er sich einmal um eine riesige Farm gekümmert, die kurz vor der Pleite stand. Er befehligte 80 Arbeiter, ließ Straßen bauen und Wald roden und erschloss neue Absatzmärkte. Als er die Farm nach einigen Monaten verließ, machte sie Gewinn.

Im Sommer sind Geschwindner und Nowitzki fünf Wochen lang durch Australien gereist. Sie campten im Outback, saßen abends am Lagerfeuer und sprachen über die nächsten Jahre. "Die große Frage war: Will ich mein Niveau halten?", erzählt Nowitzki. "Oder will ich was riskieren, mir vielleicht Ärger einhandeln, aber eine neue Stufe erreichen?" Am Ende der Reise war es eine Bauchentscheidung. "Basketball ist für mich Veränderung, ich muss vorwärtskommen." Es war eine Entscheidung für das Experiment - und gegen den Trainer. Nichts mag Avery Johnson, Spitzname "Der kleine General", weniger als Experimente. Er will Kontrolle, er wirbelt am Spielfeldrand herum, als wollte er selbst eingreifen. Er sagt, er wolle "die Hand meiner Spieler in jeder noch so kleinen Situation halten". Aber wenn die Trainer der Gegner ihre Taktik ändern, wenn sie Nowitzki kaltstellen mit zwei, manchmal drei Verteidigern, hat Johnson oft keine Lösung parat. Dann ist er gefangen in seinem starren System. Johnson und Nowitzki sind lebende Gegensätze, und nicht wenig hängt davon ab, wer in dieser Saison bereit ist, sich zu ändern. Johnson will keinen Tüftler, sondern einen Leader. Nowitzki will keinen General, sondern einen Beschützer. Holger Geschwindner wird in den nächsten Wochen nach Dallas reisen und versuchen zu vermitteln. Er will für Nowitzkis neue Waffen werben, für das, was sie in Würzburg und Rattelsdorf bei Bamberg monatelang eingeübt haben.

"Er ist der Kerl, den man eher vor sich selbst schützen muss"

"Dirk muss auch mal fünf, sechs Spiele nicht so gut werfen dürfen", sagt Geschwindner. "Wir brauchen einen Vertrauensvorschuss, sonst spielt Dirk eben sein altes Spiel." Einen offenen Konflikt zwischen Johnson und Nowitzki wird es wohl nicht geben. Eher wird die Mannschaft umgebaut, eher muss der Trainer gehen. Der mächtigste Mann im Klub ist nämlich ein großer Nowitzki-Fan. "Ich liebe ihn", sagt Mark Cuban, im schulterfreien Hemd auf dem Laufband schwitzend, in der Hand ein Handy, über dem Kopf ein Großbildschirm mit Bildern von CNN. Cuban ist der Besitzer der Mavericks, ein Internet-Milliardär. Er sagt: "Ich liebe Dirk so, wie er ist. Ich lasse nichts auf ihn kommen. Er ist ein harter Kerl." Cuban gerät außer Atem und beschreibt einen Mann, den Avery Johnson so nicht kennt. Nowitzki sei eine Mischung aus Michael Jordan und Larry Bird, dem besten schwarzen und dem besten weißen Spieler in der Geschichte des Basketballs. Ein feiner Krieger. Aber eben ein Krieger. "Er gibt mehr als alle anderen. Wenn andere unter der Dusche stehen, trainiert er immer noch. Er ist der Kerl, den man eher vor sich selbst schützen muss." Als Cuban diese Worte spricht, hat er Tränen in den Augen. Er, der sonst nichts Väterliches hat, wirkt ein bisschen wie Big Daddy, der den Kopf verliert, wenn es um seinen Lieblingssohn geht. Der ihn verteidigt, was er auch verbrochen haben mag. Cuban sagt gelegentlich, eigentlich verstehe er nicht viel von Basketball, es sei ja bloß sein Hobby. Vielleicht täuscht er sich. Vielleicht versteht er mehr von Basketball als Trainer Johnson. Denn er versteht Dirk Nowitzki.

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