HOME

Eiskunstlauf: "Wir sind nicht das Dschungelcamp"

Mit einer faszinierenden Kür triumphierten sie bei der Europameisterschaft: Das wohl beste Eiskunstlauf-Paar der Welt, Aljona Savchenko und Robin Szolkowy, schrieb mit seinem Titel-Hattrick Geschichte. Jetzt wollen sie Gold bei der WM und Olympia. stern.de sprach mit dem deutschen Traumpaar über eiserne Disziplin, Besessenheit und Extremsituationen auf dem Eis.

Mit einer beeindruckenden Weltklasse-Kür sind sie in Helsinki zum dritten Mal hintereinander Europameister geworden. Das haben zuletzt Hans-Jürgen Bäumler und Marika Kilius vor über 40 Jahren geschafft. Was bedeutet ihnen dieser Titel?

Savchenko: Es ist unbeschreiblich. Ich bin sehr glücklich, dass wir das nach 45 Jahren geschafft haben. Mit lief während der Kür, als die Zuschauer für einen Augenblick mal gar nicht zu hören waren, ein Schauer über den Rücken.
Szolkowy: Ich freue mich natürlich auch sehr. Aber am meisten habe ich mich über unseren ersten EM-Titel in Warschau gefreut. Danach kommt gleich der aktuelle, weil wir ja im Kurzprogramm gepatzt haben.

Sie meinen ihren Sturz beim Toeloop Herr Szolkowy. Gab es hinterher Vorwürfe von ihrer Partnerin?

Szolkowy: Wir sind alt genug und zu lange im Geschäft, um uns deswegen den Kopf abzureißen. Es kommt auch immer darauf an, was passiert. Bei einem kompletten Aussetzer wäre das etwas anderes.
Savchenko: Das ist so im Sport. Man muss das wegstecken und positiv denken. Wichtig ist, dass man seinen Partner dann neu motiviert und hinter ihm steht, wenn Kritik vom Trainer kommt.

Ihr Trainer Ingo Steuer hat sie für den Sturz öffentlich kritisiert. Wie gehen sie damit um?

Szolkowy:

Ich habe es gelernt, mit Kritik umzugehen und auch anzunehmen. Ob öffentliche Kritik für den ganzen Prozess förderlich ist, möchte ich jetzt mal im Raum stehen lassen. In Extremsituationen reagiert jeder anders. Bei so einem Wettkampf wie der Europameisterschaft sind die Nerven natürlich bis zum Zerreißen gespannt.

Im März stehen die Weltmeisterschaften in Los Angeles an, die Konkurrenz wird durch die Paare aus China und den USA größer sein. Wer kann sie in dieser Form stoppen?

Szolkowy:

Die Chancen, den Titel zu verteidigen, sind da, keine Frage. Aber die Tagesform wird entscheiden, und wer in dem entscheidenden Moment die stärksten Nerven hat. Wer einen kleinen Fehler macht, ist raus.

Ingo Steuer gilt als einer der besten Eiskunstlauftrainer der Welt. Was ist seine besondere Stärke?

Savchenko:

Er ist auf jeden Fall sehr kritisch und manchmal übertreibt er es vielleicht auch. Aber ich glaube, dass gehört im Sport dazu. Man muss streng sein. Wir gehen ja auch mit uns selbst hart ins Gericht, wir wollen schließlich Leistung bringen. Kritik muss man wegstecken.

Szolkowy:

Eine andere Stärke ist, dass seine aktive Zeit noch nicht lange zurückliegt. Er steht stundenlang mit uns auf dem Eis. Für mich ist es ein großer Vorteil, weil er mir als ehemaliger Paarläufer viele Tricks und Kniffe beibringen kann. Und was ganz wichtig ist: Er bringt eine gewisse Verrücktheit ein, mit ihm bleibt man immer am Ball und kann neue Ideen entwickeln.

Wie schaffen sie es, sich nach drei EM-Titeln und einem WM-Titel immer wieder zu motivieren?

Savchenko:

In erster Linie sind es die Erfolge, die einen immer wieder anspornen. Man will die Leistungen immer wieder bestätigen und den Zuschauern etwas bieten.

Szolkowy:

Das ist kein Problem. Da ist der kleine Nervenkitzel, wenn man auf dem Eis steht, bevor es losgeht. Wenn wir angekündigt werden, sind sie in der Halle kurz davor auszurasten. Dafür lohnt es sich, jeden Tag aufzustehen und zu trainieren. Wenn wir dann auf dem Siegerpodest stehen und die Hymne gespielt wird, geht mit das runter wie Öl. Das Zweite ist, dass man mit Erfolgen Geld verdient und sich hoffentlich ein kleines Polster für die Zukunft schaffen kann.

Haben sie viel Zuspruch von den Fans?

Savchenko:

Viele Fans reisen mit und unterstützen uns bei den Wettkämpfen. Ich bekomme auch viele Briefe, sogar Liebesbriefe. Das ist natürlich schön, wenn man sieht, wie die Fans mitfiebern.

Woran liegt es, dass trotz ihrer großen Erfolge Eiskunstlauf in Deutschland eine Randsportart ist, die wenig wahrgenommen wird?

Savchenko: Das liegt natürlich an der geringen Fernsehpräsenz. Als unser Trainer vor zehn Jahren noch gelaufen ist, wurden die Wettkämpfe zum Teil live übertragen. Dann ist Eiskunstlauf von der öffentlichen Bildfläche verschwunden. Wir sind halt nicht das Dschungelcamp.
Szolkowy: Ich hoffe, dass wir daran etwas ändern können. In jedem Sport gibt es dieses auf und ab. Das sehen wir ja jetzt am Radsport. Durch die ganzen Dopingfälle fahren die Sender die Berichterstattung runter, die gehen jetzt durch ein Hungerloch. Wenn wieder starke deutsche Fahrer da sind, werden die großen Sender wieder einsteigen. Das wünsche ich mir auch für den Eislauf. Jeder kennt diese Sportart.

Sie leben und trainieren in Chemnitz. Wie würden sie ihr Verhältnis zueinander beschreiben?

Savchenko:

Wir treffen uns beim Training.

Szolkowy:

Wir pflegen ein freundschaftliches Arbeitsverhältnis. Wenn wir uns auch noch privat sehen würden, würden wir mehr Zeit miteinander verbringen als die meisten Ehepaare. Wir sehen uns jeden Tag, haben die Wettkämpfe und laufen auf Shows. Wir sehen uns sowieso die meiste Zeit.

Unternehmen sie auch privat etwas gemeinsam?

Savchenko: Nein. Jeder lebt sein eigenes Leben.

Kracht es zwischen ihnen beiden manchmal richtig oder bleiben sie bei ihrer Zusammenarbeit immer ruhig und sachlich?

Savchenko:

Das kommt vor, aber nicht oft. Das ist wie im ganz normalen Leben. Das gehört dazu.

Szolkowy:

Ich bin ein sehr ruhiger und harmoniebedürftiger Mensch, deshalb kracht es eher selten. Wenn ich merke, dass es bei Aljona anfängt zu brodeln, versuche ich, frühzeitig entgegenzuwirken. Aber manchmal bleibt ein handfester Streit natürlich nicht aus. Das gehört dazu, wenn man auf hohem Niveau arbeitet. Wir gehören zur Weltspitze oder führen sie im Moment sogar an. Das fliegt einem nicht zu.

Worauf kommt es bei einer professionellen Zusammenarbeit an?

Savchenko:

Das Wichtigste ist Vertrauen. Beim Paarlauf muss ich mich bei den Sprüngen und Choreographien voll auf meinen Partner verlassen können.

Szolkowy:

Man muss das gleiche Ziel haben und man muss sich über den Weg dorthin einigermaßen einig sein. Darüber muss man nicht viel reden, aber es muss ein stilles Einverständnis geben.

Herr Szolkowy, sie mussten wegen der Stasi-Verstrickungen ihres Trainers die Bundewehr verlassen

Szolkowy:

Ein Sportler, der in seiner Disziplin in Deutschland der Beste ist, fliegt aus der Sportfördergruppe raus, weil er den "falschen" Trainer hat. Das hat mich sehr getroffen. Finanziell ist uns dann die Sporthilfe entgegengekommen und hat versucht, uns an allen Ecken und Enden zu fördern. Auch unsere lokalen Sponsoren haben uns Gott sei dank unterstützt.

Interview: Tim Schulze

Wissenscommunity