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Jake Burton: Audienz beim Bretter-Gott

Vor 30 Jahren erfand der US-Boy das Snowboard und löste so eine Kulturrevolution in den Bergen aus. Heute ist Jake Burton Chef eines Großunternehmens, seine lässigen Klamotten prägen weltweit den Lifestyle. Dem stern gab er einen ganz privaten Schnupperkurs.

Von Markus Götting

Es ist kurz vor Mittag, und Jake fährt seinen Spaßpanzer die kleine, gewundene Straße hoch; der Schneefall, der Vermont zwei Tage komplett lahmgelegt hat, lässt endlich ein wenig nach. Ein paar Sonnenstrahlen im betongrauen Himmel. Dieser Monster-Cadillac Escalade hat Vierradantrieb, so was braucht man hier in den Bergen von Stowe, dazu dunkle Fensterscheiben und eine gewaltige Bose-Anlage, aus der jetzt eine Ladung Rock’n’Roll donnert. Vorn an der Fensterscheibe eine kleine, schwarze Box. "Der Radarwarner für den Freeway", sagt Jake. Wir kommen am Spruce Peak an, Helm auf jetzt und die Bretter rüber in den Schnee tragen. Es wird ernst, die Lektion kann beginnen. Die Rezeptionistin im Hotel hatte ein ehrfürchtiges Leuchten in den Augen am Morgen. "Jake bringt dir Snowboarden bei?", hatte sie gefragt. "Das ist, als würde dir Gott aus der Bibel vorlesen."

Leute, die etwas Grosses geschaffen haben, stellt man sich ja gern etwas größer vor, als sie in Wirklichkeit sind, bigger than life sozusagen, aber Jake Burton ist gerade mal 1,70 Meter groß, langes, silbergraues Haar, ein drahtiger Mann Anfang 50, der auf keinen Fall als Mr. Burton angesprochen werden möchte. In den USA nennt man den Aufsichtsratsvorsitzenden "chairman of the board" - und bei keinem ist das treffender als bei Jake Burton. Wobei er in der Szene eher als "lord of the board" durchgeht: als Bretter-Gott. Vor 30 Jahren hat er das Snowboard erfunden, wie wir es heute kennen. Sein Konzern ist unumstrittener Weltmarktführer, seine Labels produzieren Snowboard-Mode und Schneebrillen, aber auch Streetwear und Surfbretter. Allein in Europa setzte Burtons Unternehmen 2006 mehr als 120 Millionen Euro um. Wir stehen jetzt am Rand der Piste. Die Abfahrt heißt Inspiration. Das ist ein schöner Name, wenn es darum geht, einem Hardcore-Skifahrer das Snowboarden näherzubringen. Jake hat sein Brett im Auto gelassen. Er sagt: "Der Lehrer muss zu Fuß gehen, sonst hat es keinen Sinn." Sein Kumpel Tony fährt wieder runter zur Stowe Mountain Lodge, weil die Jungs echt daran glauben, dass wir unten ankommen. "Halt dich an meinen Händen fest", sagt Jake. "Und jetzt steh auf. Stand up like a man."

Snowboard ist Sport und Haltung zugleich - ein Lifestylekonzept

Wir sehen ein wenig aus wie ein schwules Tanzpaar. Aber Anfänger sind nun mal uncool. Selbst auf dem Snowboard. Jake Burton ist der Anführer einer gewaltigen Kulturrevolution. Sie waren ein Guerillatrupp im Schutz der Dunkelheit; damals, Ende der Siebziger, haben sie sich nachts heimlich von den Arbeitern in Pistenraupen mitnehmen lassen, und dann sind sie wild die Hänge runter, durch die Bäume, bisschen geisteskrank natürlich auch. Und irgendwann sprachen sie in Stratton Mountain vor, diese langhaarigen Hippies in ihren merkwürdigen Klamotten, sie mussten der Skipatrouille auf den seltsamen Brettern vorfahren, und nach einer Vorstandssitzung sagte der Chef des Skigebietes: "Jungs, niemand will euch hier, aber keiner hat einen guten Grund dafür. Also, wir geben euch eine Chance." Amerika liebt ja diese Gründungsmythen: Bill Gates und seine Garage, ein beängstigendes Imperium jetzt. Bei Burton hat alles in einer Scheune in Londonderry, Vermont, angefangen, heute fährt jeder dritte Snowboarder auf seinen Brettern ab, trägt seine Klamotten, und der Meister selbst ist gerade mit dem Privatjet aus Vail eingeflogen. Er wehrt sich ein bisschen dagegen, als Erfinder des Boardens gefeiert zu werden. Hübsch bescheiden, und da war Mitte der 60er ja schon dieses Ding, das nannte sich Snurfer, Snowsurfer, ein Kinderspielzeug. Eine Art Rodeln im Stehen. Jake sagt: "Es geht ja alles aufs Surfen zurück, und als ich anfing, gab es an der Westküste ein paar Jungs, die zur selben Zeit eine ähnliche Idee hatten. Aber wir haben halt einen echten Sport daraus gemacht." Die Hardware geliefert, die Technik, den Stil.

Er ist ein guter Lehrer, keine Frage, seit 30 Jahren ist er das schon. Anfangs musste er für die Leute geradestehen, die auf die Piste wollten, war Lehrer und Pistenpolizei zugleich. Er hat immer noch das Feuer, selbst den größten Dilettanten in die Spur zu bringen. Unser Hang hier ist fast eine ebene Fläche. Er sagt: "Lass meine Hände los, und jetzt verlagere dein Gewicht. Okay, du hast die Kurve." Es wird verdammt schnell irgendwie; Kurve, quer fahren, langsamer werden. Kurve, hinfallen, Schnee im Kragen. Jake rennt den Hang runter. Wahnsinnsenergie hat der Mann: "Alles okay?" Geht schon, danke. Es war ein langer Weg aus dem Untergrund, ein Kampf gegen Traditionalisten unter den Liftbetreibern, und ein bisschen vom anarchischen Geist hat das Snowboarden selbst in den Mainstream der Gegenwart hinübergerettet. Jake sagt: "Bei uns in den USA gab es eine demografische Lücke. Die Eltern waren auf der Piste, und die Kids saßen auf der Hütte vorm Spielautomaten. Skifahren war einfach piefig. Wir haben die Kids zurück in die Berge gebracht, deshalb lieben uns die Liftbetreiber heute." Vor allem haben sie den Lebensstil in den Bergen fundamental verändert und ihn bis ins Flachland exportiert. Die Mode, die Musik: Snowboard ist Sport und Haltung zugleich - ein Lifestylekonzept.

Punkrock, Party, paar Joints

Womöglich würden wir heute immer noch in grausigen Overalls mit zwei Meter langen Skiern und zusammengepressten Beinen durch die Alpen wedeln, wenn dieser Mann uns nicht von kruden Konventionen befreit hätte. Snowboard, das war und ist Anti-Establishment, laut und wild, und es hat die Skiindustrie gezwungen, selbst cooler zu werden. Ein lebenserhaltender Reflex. In "Sports Illustrated" stand, es gebe in den USA mehr Snowboarder als Skifahrer. Und hätte es Snowboards nicht gegeben, mit denen man unfassbare Kurven in die Piste fräsen konnte - die Industrie hätte es kaum nötig gehabt, Carvingski zu erfinden. In den Achtzigern hat Jake drei Jahre lang in Innsbruck gelebt und mit einem Skiproduzenten kooperiert. Er grinst, sagt: "Das Material, die Stahlkanten, das kommt natürlich aus der Skiindustrie. Geben wir denen jetzt eben was zurück." Wer will, begreift snowboarden als Metapher für die Freiheit, die weiten Klamotten stehen schon optisch für Ausbruch aus der Enge. Auch das Skifahren hat sich befreit: Es ist ungezügelter geworden. Vor ein paar Jahren noch haben sich nur Snowboarder in schier unmögliches Gelände reingewagt - heute heizen die Skifahrer hinterher.

Als wir endlich unten ankommen, steht Tony da, mit laufendem Motor. Wieder Berg rauf, runter geht besser allmählich, paar Kurven hintereinander, nur selten auf dem Hintern gelandet. Man wird mutiger. Jake ruft: "You're doin' great." Ehrlich? Nach der dritten, vierten Abfahrt trauen wir uns mit dem Lift hoch. "Als wir anfingen", sagt Jake, "haben wir nie daran gedacht, jemals in einem Sessellift zu sitzen." Er wird ein bisschen philosophisch. Jake sagt, für ihn sei Snowboarden ein transzendentales Erlebnis. "Die Seele des Boardens ist das Freeriding, wenn du einen Hang runtersurfst, unberührter Schnee, das ist etwas unvergleichbar Schwereloses, es ist ein Verschmelzen mit der Natur." Und tatsächlich wird in den bunten Szeneblättern Umweltschutz mit einem heiligen Eifer thematisiert wie sonst nur im Greenpeace-Magazin. Vielleicht die größte Transferleistung des Snowboardens aber ist: die Tricks der Skater, ihre Ausdrucksformen, aus dem Beton der Großstädte ins unschuldige Weiß der Natur zu übertragen. Snowboard- Events sind gigantische Spektakel und die Kids eine der beliebtesten Zielgruppen für die Industrie. Auch deshalb werden Klischees wie in einer Endlosschleife reproduziert: Punkrock, Party, paar Joints. Hat gut gepasst, dass vor zehn Jahren der erste Olympiasieger beim Dopingtest auf Marihuana war.

"Snowboarden ist mein Jungbrunnen, daraus beziehe ich alle Energie"

Jake sagt: "Ich bin in den 60er, 70er Jahren groß geworden, da hat fast jeder Gras geraucht, aber ich war nie Teil dieser Partyszene. Dafür habe ich viel zu hart gearbeitet. Und wenn du dir anschaust, was für Sprünge die Kids heute raus hauen - das geht nicht stoned." Es sind die Fahrer, die den Sport prägen - und die Industrie. Nicht umgekehrt. Leute wie Craig Kelly, Terje Håkonsen, Shaun White. Craig Kelly war einer von Jakes besten Freunden, er kam vor ein paar Jahren in einer Lawine ums Leben, im Alter von 36. Jake sagt: "Das war einer der schlimmsten Tage meines Lebens. Craig hat diesen Sport entwickelt, er hat so viel getan für Snowboarding, für die Firma." Burton ist ein kluger Geschäftsmann, mit einem ausgezeichneten Scouting-System. Einer wie Shaun White, 21, gehört zu den größten Popstars der USA, er ist Olympiasieger und hat im Snowboarden alles gewonnen, was irgendwie wichtig ist. Jake nahm ihn unter Vertrag, da war der Shaun gerade 13 Jahre alt. "Für mich sind die Jungs nicht nur Werbefiguren", sagt Jake, "sie sind vor allem Testfahrer." Shaun White hat längst seine eigene Kollektion; Boards, Klamotten, alles entwirft er selbst, zusammen mit seinem Bruder Jesse. Der ist Grafiker und hat sein Büro in der Burton-Fabrik in Burlington, eine Stunde von Stowe den Berg runter. Jake sagt: "Wir stehen unter dem Diktat der Fahrer, ich achte darauf, dass die Firma jugendlich geführt wird." Es ist auch eine eher ungewöhnliche Unternehmenskultur.

Die Fabrik ähnelt einem Uni-Campus: lauter gut gelaunte junge Leute, die ihre Hunde mit zur Arbeit bringen. Und wenn es 30 Zentimeter Neuschnee gibt, nehmen fast alle tagsüber frei und arbeiten später nach. Ohne Witz. Den Saisonpass für Stowe zahlt die Firma. Die Dämmerung bricht herein, wir fahren rüber zur Mansfield Base Lodge, wunderbarer Laden: bisschen Saloon, bisschen abgerockte Kneipe, es gibt Nachos und Erdbeer-Margarita. Stimmt es, dass Nike ihm eine Milliarde für seine Firma geboten hat? Jake muss sehr lachen. Er sagt: "Dieses Gerücht kommt jedes halbe Jahr hoch. Aber ganz ehrlich - die Jungs von Nike sind smart genug zu wissen, dass diese Firma nicht zu verkaufen ist." Er sagt, Snowboard sei auch ein Symbol für Unabhängigkeit. Es geht einen schmalen, verschneiten Feldweg entlang, einen guten Kilometer durch den Wald, dann steht man vor dem Haus der Burtons. Ein großes, hölzernes Anwesen in U-Form, und in einem Flügel ist der aufregendste Snowboardshop der Welt untergebracht. Alle Prototypen der kommenden Saison lehnen hier an den Wänden, Snowboardstiefel in Regalen, die Klamotten für den nächsten Winter akkurat hingefaltet oder aufgehängt. "Snowboarden ist mein Jungbrunnen", sagt Jake, "daraus beziehe ich alle Energie." Ob es da nicht ein wenig schwierig wird, mit grauem Haar und im Alter von 53 die Glaubwürdigkeit zu bewahren in dieser jugendhysterischen Szene? Jake springt aus dem dunklen Ledersofa auf und greift sich einen Prototypen.

Eine ganze Freak-Familie

"Ich teste jedes einzelne Stück selbst", sagt er. "Nichts verlässt die Fabrik, ohne dass ich es nicht vorher gefahren bin oder getragen habe." Und dann erzählt er, dass er jedes Jahr mindestens 100 Tage auf dem Brett verbringe. Neulich, beim Vorstandsmeeting in Vail, als der Schnee so unglaublich war, da hat er sein Flugzeug noch mal nach Vermont geschickt: die Familie abholen. Er sagt: "Sollte ich einmal im Winter zum Golfen nach Florida fliegen, wäre es höchste Zeit, mich aus diesem Geschäft zurückzuziehen." Timmy schlappt mit einem Kumpel durch den Flur. Timmy ist elf, der jüngste von drei Söhnen, er trägt eine weite schlabbrige Hose, ein Borat-T-Shirt mit Basketballhemd drüber und eine Mütze, die ihn endgültig wie einen Schlumpf aussehen lässt. "Er ist ein Freak", sagt Jake. In Wahrheit ist das hier eine ganze Freak-Familie. Donna, Jakes Frau, betreibt unten im Ort ein kleines Feinkostgeschäft, weil das Essen in Amerika so grausam ist. Sie haben vor der letzten Wahl ein Fundraising-Dinner für Howard Dean organisiert, weil sie George Bush noch nie ertragen konnten. Und vor ein paar Jahren haben sie die Kinder für ein Jahr aus der Schule genommen und sind zehn Monate lang um die Welt geflogen. "Ich wollte einmal auf sechs Kontinenten hintereinander boarden", sagt Jake. Wer braucht schon den endlosen Sommer, wenn er ein ganzes Jahr lang Winter haben kann?

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