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Tour de France: Tragischer Unfall überschattet die Tour

Es war ein schwarzer Tag für T-Mobile: Erst musste Linus Gerdemann das Gelbe Trikot abgeben. Dann verlor das Team mit Kapitän Rogers auch noch seinen wichtigsten Mann. Ein Unfall mit einem Fan sorgte in Tignes schließlich für ein tragisches Etappenende - und das Aus für einen weiteren T-Mobile-Profi.

Für den am Sonntag schwer gestürzten Radprofi Patrik Sinkewitz ist die Tour de France beendet. Der Fahrer des Teams T-Mobile soll am Montag in ein Krankenhaus nach Deutschland gebracht werden. Der 26-Jährige, der nach der 8. Etappe auf der Fahrt zum Hotel auf dem Rad mit einem Zuschauer kollidierte, habe eine Mittelgesichtsfraktur sowie Verletzungen an Schulter und Knien erlitten, sagte T-Mobile-Kommunikationsdirektor Christian Frommert.

Der in den Zusammenstoß verwickelte Zuschauer aus Luxemburg liegt im Koma. Bei dem Verletzten handelt es sich um einen Radsportfan, der gemeinsam mit etwa 100 anderen die Tour an mehreren Punkten verfolgen wollte. Sinkewitz ist nach Kapitän Michael Rogers und dem Engländer Mark Cavendish der dritte T-Mobile-Ausfall bei der Tour.

Die Etappe am Sonntag in Tignes war mit einem sportlich schwarzen Tag für T-Mobile zu Ende gegangen: Linus Gerdemann vom Team T-Mobile verlor das Gelbe Trikot. Der 24 Jahre alte Radprofi aus Münster kam bei der Etappe von Le Grand-Bornand nach Tignes mit dem Hauptfeld ins Ziel und verlor bei einem Rückstand von 5:05 Minuten auf Etappensieger Michael Rasmussen die Führung der Gesamtwertung an den Dänen.

Rasmussen mit starkem Finish

Nach seinem Husarenritt am Samstag zum Solosieg in Le Grand-Bornand waren Gerdemanns Reserven auf der zweiten und schwersten Alpen-Etappe aufgebraucht. Ein "Sportwunder" á la Floyd Landis im Vorjahr, das später die Doping-Analysen als chemischen Schwindel aufdeckten, fand nicht statt. An der letzten Steigung musste der ganz in Gelb gekleidete Gerdemann abreißen lassen, während sich an der Spitze der Verfolgergruppe hinter Rasmussen die Favoriten bis aufs Messer bekämpften.

Auf 2068 Meter Meereshöhe im Ski-Paradies Tignes konnte Rasmussen neben dem Tagessieg auch den dritten Tour-Etappensieg seiner Karriere feiern. Das Weiße Trikot für den besten Nachwuchsfahrer konnte Gerdemann aber verteidigen. Rasmussen siegte auf dem 165 Kilometer langen Teilstück vor den Spaniern Iban Mayo und Alejandro Valverde. Gerdemann belegt jetzt mit 43 Sekunden Rückstand auf Rasmussen im Gesamt-Klassement Platz zwei.

Das achte Teilstück der Frankreich-Rundfahrt stand über weite Strecken im Zeichen einer 18-köpfigen Ausreißergruppe, die sich einen Vorsprung von mehr als zwei Minuten herausgefahren hatte. Der Österreicher Bernhard Kohl vom Team Gerolsteiner versuchte sich dann allein abzusetzen, wurde aber schnell von einer Verfolgergruppe um den starken Rasmussen gestellt. Dank eines fulminanten Antritts am steilsten Stück des Schlussanstiegs war Rasmussen nicht mehr zu halten.

Der schwarze Sonntag

Gerdemanns Rückfall passte ins Bild eines schwarzen Sonntags seiner Mannschaft, die gleich zwei Fahrer während der Etappe verlor. T-Mobile-Kapitän Michael Rogers (Australien) musste nach einem Sturz mit Verdacht auf einen Schlüsselbeinbruch aufgeben, sein britischer Team-Kollege Mark Cavendish stieg bei seinem Tour-Debüt nach einer Stunde erschöpft vom Rad. Und dann folgte am Montag ja auch noch das Aus Sinkewitz.

Rogers schien am Sonntag bei der Abfahrt vom Cormet de Roselend zunächst Glück im Unglück gehabt zu haben. Der Australier knallte gegen die Leitplanke, konnte die Fahrt aber mit Schmerz verzerrtem Gesicht zunächst fortsetzen. Der T-Mobile-Kapitän und dreifache Zeitfahr-Weltmeister stieg 29 Kilometer vor dem Ziel von Weinkrämpfen geschüttelt dann doch vom Rad und gab das Rennen auf.

"Ich muss vor allem meinem Team-Kollegen Kim Kirchen danken, der mir unheimlich half, dass ich heute nicht mehr Zeit verlor. Nach den Strapazen vom Vortag bin ich jetzt sehr erschöpft. Das war heute kein guter Tag für uns, aber so ist das Rennen", sagte Gerdemann, den Teamchef Rolf Aldag trotz der neuen Konstellation im Team nicht zum neuen Kapitän erklären wird: "Das kann man von einem 24-Jährigen nicht verlangen. Dazu gehört mehr, als schnell Rad zu fahren."

"Das ist das Beste, was dem Radsport passieren konnte", urteilte Hans-Michael Holczer vom Konkurrenz-Team Gerolsteiner nach dem spektakulären Erfolg Gerdemanns. "Ich bin über mein Limit gegangen", hatte der Tour-Debütant schon am Samstagabend erkannt und ein Erlahmen der Kräfte angedeutet. Die "L'Équipe" registrierte nach dem Gerdemann-Erfolg einen "frischen Wind", den die Sportart dringend gebrauchen kann.

Neue Hoffnungen geweckt

Fast auf den Tag genau zehn Jahre nach Jan Ullrich, der am 15. Juli 1997 in Andorra-Arcalis ins Gelbe Trikot fuhr, weckte Gerdemann neue Hoffnungen. Der wortgewandte T-Mobile-Profi gilt trotz seiner früheren Kontakte zu dem umstrittenen Mediziner Luigi Cecchini als glaubhafter Vertreter einer neuen Fahrer-Generation.

"Natürlich freue ich mich für Linus, aber im Kampf gegen Doping sind wir noch längst nicht am Ziel", schickte Verbands-Präsident Rudolf Scharping aus Deutschland Glückwünsche in die Alpen. Auch im Fernsehen stieg das Interesse an der Tour nach schleppendem Beginn: Bis zu 2,5 Millionen Menschen verfolgten in Deutschland Gerdemanns Meisterstück.

Die Tour-Favoriten hatten sich am Samstag noch zurückgehalten und Gerdemann das Leben dadurch auch etwas leichter gemacht. Die nach Stürzen angeschlagenen Klöden und Winokurow waren froh, dass sie sich nicht über Gebühr engagieren mussten. Sie kamen ohne Zeitverlust auf die direkte Konkurrenz ins Ziel. Am Sonntag auf dem anspruchsvollsten Alpen-Abschnitt gelang ihnen das nicht ganz, obwohl sie aus dem Begleitwagen vom kasachischen Verteidigungsminister Danial Achmetow angefeuert wurden.

DPA / DPA

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