US-Dopingskandal Ein wahrer Spritzenkrimi


Die kalifornische Firma Balco versorgte Athleten systematisch mit dem anabolen Steroid THG. Nachdem der Skandal aufgeflogen ist, zittern Sportler weltweit. Wer wird als Nächster überführt?

Als der selbst ernannte Wissenschaftler und Erfinder Victor Conte am 3. September mit seinem Tagwerk beginnen wollte, brach draußen vor der Tür ein Sturm los. FBI-Agenten sprangen aus schwarzen Limousinen und rannten auf den Flachbau zu. Sie drangen ein, durchsuchten das Gelände seiner Firma Balco, vernahmen ihn und führten ihn schließlich ab. Es war das abrupte Ende einer schillernden Karriere, und Conte musste geahnt haben, dass seine Tage als Schattenmann des US-amerikanischen Hochleistungssports vorbei waren.

Jetzt trifft man niemanden mehr bei Balco dort in Burlingame, einem Industriegebiet nahe San Francisco; die Türen sind verriegelt, die Jalousien runter, Lichter aus. Der 53-jährige Conte, vermutlich Schlüsselfigur in der größten Doping-Affäre der US-Sportgeschichte, ist untergetaucht. Er steht unter dem Verdacht, er habe in seinem Labor das anabole Steroid Tetrahydrogestrinon (THG) entwickelt und damit Sportler systematisch versorgt. Er soll das Mittel bei Athleten als "testsicher" angepriesen haben.

Drogenfachmann

Charles Yesalis von der Pennsylvania State University sagt, der Skandal habe die "Sprengkraft einer atomaren Bombe". Die amerikanische Anti-Doping-Behörde Usada spricht von einer "Verschwörung von Chemikern, Trainern und bestimmten Athleten". Und alle Experten vermuten: Die größten Überraschungen könnten noch folgen.

Contes Anwalt Troy Ellerman, spezialisiert auf Sexualverbrechen und Drogendelikte, kündigt an: "Es gibt eine Geschichte, die bisher nicht erzählt worden ist. Die werden Sie im Gerichtssaal hören." In einer E-Mail ließ Conte ausrichten, dass die Vorwürfe unbegründet seien und es sich um eine Aktion eifersüchtiger Trainer und Athleten handele: "Die Welt der Leichtathletik ist ein sehr dreckiges Geschäft."

Die Aufdeckung des Skandals begann mit einem anonymen Päckchen, gefüllt nur mit einer Spritze ohne Nadel, adressiert an die Usada in Colorado Springs. Und in einem Telefonat nannte der bisher noch geheime Absender, vermutlich ein Leichtathletiktrainer, jene Namen, die nun Gerichte beschäftigen: "Balco", "Snac", "Conte".

In der Spritze war eine geringe Menge durchsichtiger Flüssigkeit, die die Usada an ein Speziallabor der Universität von Kalifornien schickte. Dort untersuchten Amerikas prominentester Anti-Doping-Experte Professor Don Catlin und acht Mitarbeiter die Substanz. "Wir wussten nicht, was es ist", erzählt er dem stern, "aber wir ahnten, dass diese Sache sehr wichtig ist." Catlin ist ein bedächtiger ehemaliger Militärarzt, der mit fester, tiefer Stimme spricht. Catlin ließ die Moleküle der zugesandten Flüssigkeit im Hochauflösungs-Spektrometer von Elektronen spalten. Er schöpfte gleich den Verdacht, es könne sich dabei um anabole Steroide handeln. Aber bis zur Identifizierung sollte es noch Wochen dauern.

Die Leichtathletiksaison ging unterdessen in ihre entscheidende Phase; einige Athleten, die nun im Mittelpunkt der Affäre stehen, glänzten mit erstklassigen Ergebnissen: Sprinterin Kelli White gewann bei der WM in Paris Gold über 100 Meter und 200 Meter. Die Mittelstreckenläuferin Regina Jacobs holte ihren 15. nationalen Titel. Kugelstoßer Kevin Toth verbesserte seine eigene Bestmarke um sagenhafte 48 Zentimeter. Sie alle hatten eine Gemeinsamkeit: Sie bezogen Nahrungsergänzungsmittel vom Unternehmen Bay Area Laboratory Co-Operative, kurz Balco, und seiner Schwesterfirma Snac. Auf der Website prahlte Snac mit Dutzenden Kunden von Weltformat: Tennisspieler Ivan Lendl, Sprintstar Marion Jones, Quarterback John Elway.

Vor allem ein Name ließ die mittlerweile von Professor Catlin und der Usada beauftragten Fahnder aufhorchen, die nun im Fall Balco recherchierten: Dwain Chambers aus Großbritannien, Europameister über 100 Meter. Vor nicht ganz zwei Jahren hatte Chambers sich dem ZMA Track Club in Burlingame angeschlossen. ZMA ist die Abkürzung eines von Balco hergestellten Zink- und Magnesiummittels. "Ich hatte die Schnauze voll, immer besiegt zu werden", sagte er damals der kalifornischen Lokalzeitung "The Daily Review". "Ich verstand nicht, was die Kerle in den USA so schnell laufen ließ."

Chambers fand laut "Daily Review" eine Antwort und schluckte, wie er zugab, mehr als 50 Tabletten pro Tag, die Balco ihm zusammenstellte. Übermütig sagte er: "Dein Talent bringt dich nur an einen gewissen Punkt. Heute weiß ich, was man sonst noch tun kann."

Zwei Monate nach Erhalt des Päckchens mit der Spritze gelang Professor Catlin der Durchbruch. Er identifizierte THG, ein Designer-Steroid, bei Urinproben bis dahin nicht nachweisbar. Sportler mussten es nur unter die Zunge spritzen, schon wirkte es. Ohne den Informanten wäre THG wohl viel später entdeckt worden. Catlin führte Tests durch und bekam die Order, alle Urinproben der nationalen Meisterschaften nachträglich erneut zu kontrollieren: 350 Proben, die bis dahin als clean galten. Die Anti-Doping-Behörde Usada fürchtete den GAU für den US-Sport.

Der untergetauchte Victor Conte

galt vielen immer schon als dubiose Figur. Er hatte Rechnungswesen studiert, wollte dann aber Bassist werden. Später versuchte er sich als Manager in der Musikszene. Als der Erfolg ausblieb, stieg Conte in die Gesundheitsbranche ein. Er, der nie wissenschaftlich gearbeitet hatte, wurde zum Guru für Nahrungsergänzungsmittel und posierte im weißen Kittel vor einem ausgeliehenen Spektrometer.

Während Olympia in Sydney musste Conte zugeben, dem positiv getesteten Kugelstoßer CJ Hunter manipulierte Mittel besorgt zu haben. Hunters Nandrolonwerte überstiegen damals das Erlaubte um das Tausendfache. Der Ex-Mann von Marion Jones war einer von bereits fünf "Balco-Kunden", denen Doping nachgewiesen werden konnte.

Bei der Razzia am 3. September 2003 ging es aber nicht nur um Doping-Vorwürfe. Steuerfahnder und Staatsanwälte hatten Balco schon lange im Visier. Die Firma soll Ärzte geschmiert haben, um Aufträge für Blutuntersuchungen zu erhalten. Conte selbst war 14-mal verklagt worden, wegen ausstehender Schulden und nicht eingehaltener Verträge.

Einen Monat nach der Razzia, es war nun Mitte Oktober, legte Catlin die Ergebnisse der A-Proben vor. Mehr als 20 Athleten sollen gedopt sein, darunter Kugelstoßer Kevin Toth und Hallenweltrekordlerin Regina Jacobs sowie Hammerwerfer John McEwan und 400-Meter-Läufer Calvin Harrison. Aus England kam die Meldung, dass auch Chambers positiv auf THG getestet wurde. Mehr als einhundert weitere Leichtathleten, Baseball- und Football-Spieler sollen eine Vorladung des Gerichts erhalten, darunter auch die wohl prominentesten Balco-Kunden, Marion Jones und 100-Meter-Weltrekordler Tim Montgomery.

Remi Korchemny, Coach von Chambers und Kelli White im ZMA Track Club, weiß angeblich nichts vom Einsatz der Doping-Mittel. Er sei Kunde bei Balco gewesen, "so wie ich es auch bei meiner Tankstelle bin", sagt er dem stern. "Ich war zufrieden mit den Produkten."

Trainer und Stars schauten immer wieder persönlich bei ihrem Doping-Guru vorbei. Vor allem Leichtathleten schlichen ins Balco-Gebäude und holten bei Conte ihre Pulver und Tabletten ab. Eric Uldrick, Angestellter eines benachbarten Spielzeuggeschäftes, erinnert sich aber auch an die Besuche vieler Baseball-Spieler der San Francisco Giants und Footballer der Oakland Raiders. Conte sei von den Athleten immer bar bezahlt worden, um keine Spuren zu hinterlassen, verriet ein Informant dem "San Francisco Chronicle".

Dass der US-Sport jetzt

so am Pranger steht, verwundert Experten nicht. Seit Jahren verweisen das Internationale Olympische Komitee und die Welt-Anti-Doping-Behörde Wada auf die laxen Kontrollen und Verschleierungsaktionen der Amerikaner. Sprinter Jerome Young etwa gehörte zu jenen 19 Athleten, die vor Sydney des Dopings überführt wurden. Sein Name wurde aber erst viel später geoutet. So konnte er in der 4 x 400-Meter-Staffel noch Gold für sein Land holen. Der Kanadier Richard Pound, Vorsitzender der Wada, erklärte: "Wir haben es euch seit Jahren erzählt: Die Goldmedaillengewinner des Dopings sind die USA. Jetzt haben wir den Beweis."

Der Internationale Leichtathletikverband wird nun alle 400 Urinproben der WM noch mal auf THG prüfen lassen, andere Sportverbände folgen, von Deutschland bis Australien. "Die Jagd hat erst begonnen", sagt Doping-Experte Yesalis.

Ginge es nach dem Willen einiger US-Sportfunktionäre, sollten die Kontrollen nun drastisch verschärft werden. Ansonsten würden so schnell keine Olympischen Spiele mehr an die USA vergeben. In einer ersten Reaktion kündigte der Leichtathletikverband lebenslange Sperren für Doping-Sünder und den Einsatz von Privatdetektiven an. Professor Yesalis hält das für aussichtslos: "Die Täter werden uns immer um zehn Jahre voraus sein. Da geht es um viel Geld. Und seien wir ehrlich: 90 Prozent der Amerikaner ist es egal, ob die Athleten gedopt sind."

Jan Christoph Wiechmann print

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