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40-Stunden-Woche: Die neue Arbeitszeit-Debatte

Die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche in zwei nordrhein-westfälischen Siemens-Werken hat die Debatte um längere Arbeitszeiten in Deutschland neu entfacht. Wieder stehen sich Arbeitgeber und Gewerkschaften gegenüber.

Unionspolitiker und Wirtschaftsverbände hoben erneut den Modellcharakter der Vereinbarung für die Siemens-Werke in Bocholt und Kamp-Lintfort hervor. Die IG Metall machte dagegen deutlich, dass es mit ihr keine flächendeckende Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich geben werde. Es handele sich um einen "Einzelfall und keine Blaupause", sagte der IG-Metall- Vorsitzende Jürgen Peters dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".

Über 100 Unternehmen verhandeln derzeit

Nach einem Bericht der Tageszeitung "Die Welt" verhandeln derzeit mehr als 100 deutsche Unternehmen über eine 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich und über Kürzungen bei Weihnachts- und Urlaubsgeld. 40 Unternehmen hätten bereits entsprechende Vereinbarungen getroffen. Der im Februar in Pforzheim ausgehandelte Tarifkompromiss für die Metall- und Elektroindustrie sieht ausdrücklich vor, dass auf betrieblicher Ebene in bestimmten Fällen die Arbeitszeit auf bis zu 40 Stunden verlängert werden kann. "Es wird eine ganze Reihe von Unternehmen geben, die über die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche nachdenken", sagte der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Hans Werner Busch, der "Welt am Sonntag".

Bei Siemens in Bocholt und Kamp-Lintfort wurden mit einem entsprechenden Ergänzungstarifvertrag, der für zwei Jahre gilt, rund 2.000 Arbeitsplätze gesichert, die von Verlagerung ins Ausland bedroht waren. Er sieht neben längeren Arbeitszeiten vor, dass Urlaubs- und Weihnachtsgeld durch eine erfolgsabhängige Jahreszahlung ersetzt werden. Für vier weitere Siemens-Standorte laufen derzeit noch Verhandlungen.

Dammbruch oder nicht?

IG-Metall-Sprecher Georgios Arwanitidis widersprach einer "Spiegel"-Darstellung, nach der Peters eine Übertragung auf diese Siemens-Werke kategorisch ausschließe. Peters' Äußerungen seien verkürzt dargestellt worden, sagte Arwanitidis am Samstag. Peters habe lediglich die generelle Position der IG Metall bekräftigt, nach der es keinen "Dammbruch" mit einer flächendeckenden Rückkehr zur 40-Stunden-Woche geben werde.

Unterdessen fürchtet der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski, dass der Siemens-Vorstoß die von Arbeitgeberseite angestrebte Durchsetzung längerer Arbeitszeiten auf breiter Front verhindern könne. "Er könnte helfen. Er kann bei den Gewerkschaften aber auch zu Verhärtungen führen, weil sie vermutlich vermeiden wollen, dass der Abschluss Modellcharakter bekommt", sagte Rogowski dem Nachrichtenmagazin "Focus".

Stoiber sieht Ende der 35-Stunden-Woche

Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sieht die Siemens-Einigung bereits als Zukunftsmodell. Dabei gehe es "nicht um Lohnkürzung, sondern darum, mit gleichem Lohn etwas mehr zu arbeiten", sagte er der "Bild am Sonntag". "Die 35-Stunden-Woche ist ein deutscher Sonderweg, der am Ende ist. Stoiber lobte wie die CDU-Vorsitzende Angela Merkel im Zusammenhang mit Siemens ausdrücklich auch die IG Metall für ihre Flexibilität. "Endlich hat auch einmal die Gewerkschaftsseite akzeptiert, dass längere und nicht kürzere Arbeitszeiten für mehr Beschäftigung sorgen", sagte Merkel der "Neuen Presse" in Hannover.

Der norddeutsche Bezirksleiter der Gewerkschaft, Frank Teichmüller, wies dagegen darauf hin, dass mit längeren Arbeitszeiten generell Arbeitsplätze nicht gesichert, sondern gefährdet würden. "Grundsätzlich kostet Arbeitszeitverlängerung aber Arbeitsplätze", sagte Teichmüller im Nordwest-Radio. Wer 15 Prozent länger arbeite, ohne 15 Prozent mehr Produktion zu haben, der müsse Menschen entlassen. (dpa)

DPA