HOME

Airbus-Sparplan: Zehntausende protestieren gegen "Power8"

Bei einem europaweiten Aktionstag haben zehntausende Airbus-Mitarbeiter gegen geplante Stellenkürzungen protestiert. Neben Massendemonstrationen in Frankreich und Großbritannien werden allein in Hamburg über 10.000 Menschen zur Kundgebung erwartet.

Sie sind wütend und sie sind entschlossen: Für die Airbus-Mitarbeiter stehen die Zeichen im Kampf gegen das umstrittene Sanierungsprogramm "Power8" auf Sturm. Wie an vielen Standorten in Europa machen auch in Hamburg am Freitagvormittag tausende Flugzeugbauer lautstark klar, dass sie den Sparplan nicht hinnehmen wollen. Dicht gedrängt stehen sie vor der Bühne auf dem Spielbudenplatz im Herzen von Hamburgs traditionsreichem Stadtteil St. Pauli - 20.000 sind es nach Zählung der Gewerkschaft IG Metall, rund 14.000 Menschen hat die Polizei ermittelt. Anders als die genaue Teilnehmerzahl ist die Botschaft der Arbeiter klar: "Wer einen von uns angreift, greift uns alle an."

"Wir lassen uns nicht abkoppeln"

IG Metall-Chef Jürgen Peters lässt an der Entschlossenheit des Widerstands keinen Zweifel aufkommen: "Wir sind es leid, wieder und wieder die Zeche zu zahlen", ruft er unter dem Jubel der Arbeiter und meint auch andere Unternehmen, die in den vergangenen Jahren Stellen gestrichen haben. Er wirft den Managern vor, nur die Rendite im Blick zu haben. "So geht man nicht mit Menschen um."

Ins Trudeln geraten war die EADS-Tochter vor allem wegen Lieferschwierigkeiten beim Riesenjet A380. Das Airbus-Sanierungskonzept "Power8" sieht den Abbau von 10.000 Stellen vor. 3700 davon sollen in Deutschland wegfallen, 4300 Stellen entfallen auf Frankreich - davon 1100 auf die Airbus-Zentrale in Toulouse - 1600 auf Großbritannien und 400 auf Spanien. Für die Werke in Varel (Niedersachsen) und Laupheim (Baden-Württemberg) mit zusammen 2500 Beschäftigten sucht Airbus Käufer. Mit dem Sanierungsplan "Power8" will Airbus auf die finanziellen Auswirkungen des A380-Debakels reagieren.

"Die machen doch, was sie wollen mit uns"

Die Erleichterung vor allem der Hamburger Flugzeugbauer, beim Sanierungsplan noch einmal glimpflich davon gekommen zu sein, ist längst entschlossener Solidarität gewichen. Varel, Laupheim, Nordenham: Die Namen der zur Disposition stehenden deutschen Standorte sind für viele Arbeiter längst gleichbedeutend mit Willkür, Unvernunft und verfehlter Firmenpolitik. "Die machen doch, was sie wollen mit uns", schimpft einer. "Als nächstes sind vielleicht wir dran", ein anderer. Dabei seien die Auftragsbücher doch übervoll. "Irgendwer muss ja die Vögel bauen." Aus ganz Deutschland haben sich Delegationen auf den Weg nach Hamburg gemacht. "Wir lassen uns nicht abkoppeln" oder "Wir sind bereit, zu kämpfen" steht auf den Plakaten.

IG Metall-Chef Jürgen Peters hat zu Beginn des europaweiten Airbus-Aktionstages den Widerstand der Arbeitnehmer gegen den Sanierungsplan "Power8" bekräftigt. "Das ist ein Plan, den wir nicht akzeptieren", so der Gewerkschaftschef vor dem Start der Kundgebung in Hamburg. Er forderte Nachbesserungen und kündigte ein gemeinsames Konzept der Gewerkschaften an. Airbus werde aus den "eigenen Reihen schlecht geredet". Das Unternehmen habe begehrte Produkte und übervolle Auftragsbücher.

Wulff fordert Nachbesserungen

Unterstützung erhielt Peters von der Politik. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) unterstrich, Gewerkschaften, Regierungen und Beschäftigte ließen sich nicht auseinander dividieren. Er forderte wie Peters Nachbesserungen: "Wir glauben, dass das Konzept Fehler beinhaltet", sagte Wulff in Hamburg. In den europäischen Airbus-Ländern wollen am Freitag mehrere zehntausend Mitarbeiter des Flugzeugherstellers gegen "Power8" protestieren. Start war am Morgen im baden-württembergischen Laupheim.

Hinter Gewerkschaftschef Peters stehen an diesem Vormittag zwei Ministerpräsidenten und zwei Senatoren. Sie suchen den Schulterschluss mit den Gewerkschaften: "Wir stehen an ihrer Seite", sagt Niedersachsens Landesvater Christian Wulff (CDU). Auch er hat in der Führung des Airbus-Mutterkonzerns EADS und der Spitze von Airbus die Schuldigen für die Misere ausgemacht: "Ich sehe nicht ein, dass die Manager die Fehler machen und die Arbeiter für die Fehler am Ende bezahlen müssen." Die Politik werde alles dafür tun, die Hochtechnologie-Standorte in Deutschland zu retten. "Das Sanierungsprogramm reicht nicht aus."

Politik will die Standorte retten

Eigens aus Stuttgart angereist, erklärte Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger, dass etliches von "Power8" unverständlich sei. "Mir ist bisher nicht einleuchtend, warum der Verkauf von Laupheim die Situation im Konzern verbessern soll", fragt der CDU-Politiker in die Menge. Die Probleme bei Europas größtem Flugzeugbauer habe die Führung des Unternehmens zu verantworten. "Am Fleiß und am Einsatz der Arbeitnehmer liegt es nicht, dass Airbus in der Krise steckt." Die Politik werden den "friedlichen, aber harten Kampf" der Gewerkschaften in ganz Europa tatkräftig unterstützen.

Peters freut sich über den Rückenwind aus der Politik. "Es ist gut, dass heute die Ministerpräsidenten und Senatoren da sind." Aber wie die Arbeiter will auch die IG Metall die Politik beim Wort nehmen. Er erwarte, sagt Peters, dass die Regierenden in den Ländern und im Bund rasch und entschlossen handeln. "Den unterstützenden Worten" müssten "konkrete Taten" folgen. Für die Betriebsräte und die Gewerkschaft ist der Aktionstag nur der Auftakt zu einer langen und harten Auseinandersetzung. "Unser Gegner ist das Management", sagt Gesamtbetriebsratschef Rüdiger Lütjen. Sollte Airbus nun den geltenden Tarifvertrag in Frage stellen, sei die Antwort klar: "Arbeitskampf."

DPA/Reuters / DPA / Reuters