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Clemens Gütermann: "Den Kanzler halten unsere Fäden in seinen Brioni-Anzügen zusammen"

Der Kanzler, der Verpackungskünstler und die Formel-1 - die Kundenkartei des Nähfadenherstellers Gütermann schmücken prominente Namen. Dem Unternehmen gelang die Neuausrichtung von der Nähseide zur High-Tech-Faser.

Für die Verhüllung des Reichstages 1995 durch den Künstler Christo lieferte das Familienunternehmen 1.300 Kilometer besonders reißfesten Faden, mit dem die Stoffbahnen zusammengenäht wurden. Die Rennanzüge von Formel-1-Star Michael Schumacher werden mit hitzebeständigem Gütermann-Faden konfektioniert. Und Bundeskanzler Gerhard Schröder schließlich "halten unsere Fäden in seinen Brioni-Anzügen zusammen", sagt Vorstandsmitglied Clemens Gütermann.

Anfänge liegen in Österreich

1864 gründete Max Gütermann das Unternehmen in Wien - damals ein großer Umschlagplatz für Seide. Drei Jahre später verlegte Gütermann den Sitz der Gesellschaft nach Gutach im Breisgau. "Das weiche Wasser der Elz eignet sich gut zum Färben, zudem gab es genug Land und Arbeitskräfte", beschreibt Clemens Gütermann die Gründe für die Entscheidung seines Urahnen, das Unternehmen in einem einsamen Schwarzwaldtal anzusiedeln.

Nähseide wird in der einst größten Nähseidenfabrik der Welt allerdings schon seit Jahren nicht mehr produziert, sie wird zugeliefert und in Gutach nur noch auf die Spulen gewickelt. Hauptgeschäft des Unternehmens sind inzwischen Polyester-Fäden für Handel und Industrie. Neben Bekleidungs- und Schuhherstellern zählt auch die Autoindustrie zu den Kunden. High-Tech-Fäden aus dem Hause Gütermann werden unter anderem bei der Airbag-Produktion eingesetzt.

Einstieg in das Geschäft mit Bastelbedarf

Schon lange ist das Unternehmen auch seinen Wurzeln in dem rund 4.600 Einwohner zählenden Schwarzwald-Ort entwachsen. Produktionsstätten gibt es in Spanien und Mexiko, Vertriebsgesellschaften in der ganzen Welt. Von den rund 1.300 Beschäftigten weltweit arbeiten nur noch 500 in dem Stammwerk in Gutach, wie der Vorstand für Finanzen und IT berichtet.

Rund 60 Prozent des Umsatzes von rund 130 Millionen Euro jährlich macht Gütermann über den Handel und 40 Prozent mit der Industrie, deren Bedeutung in der Zukunft allerdings wachsen dürfte. Denn seit 30 Jahren nimmt alle zehn Jahre die Menge an Nähfäden in mitteleuropäischen Haushalten um etwa die Hälfte ab, wie der Vorstandsvorsitzende Peter Zwicky erläutert. Diese Entwicklung sei auch der Grund für den Einstieg des Unternehmens ins Geschäft mit Bastelbedarf gewesen. 1998 kaufte Gütermann die Creative Hobbies GmbH und die Firma Bastel Müller und führte die Produktlinie Perlen und Pailletten ein. Rund 30.000 Produkte bietet Gütermann inzwischen im Bastelbereich an.

Keine weiteren Zukäufe geplant

An weitere Zukäufe ist laut Zwicky vorerst einmal nicht gedacht. "Die Akquisitionen der letzten Jahre müssen jetzt verdaut werden. Integration braucht Zeit", sagt der Manager, der seit der Übernahme der Nähfadensparte der Schweizer Zwicky & Co AG vor vier Jahren zur Führungsriege von Gütermann gehört. Man suche jedenfalls momentan nicht aktiv nach Kaufmöglic der Textilbranche ist nicht abzusehen.

Immer mehr Textil produzierende Unternehmen und damit Kunden des Familienunternehmens gehen nach Fernost, berichtet Finanz-Vorstand Clemens Gütermann, der auch für den Asien-Aufbau verantwortlich ist. "In China entstehen derzeit riesige Textilproduktionen, die meisten haben noch gar nicht begriffen, was da auf uns zurollt", sagt der 42-jährige Manager. "Wir können nur dort sein, wo unsere Kunden sind", ergänzt Peter Zwicky, Vorstandsvorsitzender. Schließlich verlangten die Kunden, dass die Garne möglichst schnell geliefert würden. Dennoch versichert Zwicky: "Den Standort Deutschland aufgeben, das wäre die allerletzte Möglichkeit." Familienunternehmen seien stark in ihrer Geschichte und Tradition verwurzelt, meint der Manager, der selbst aus einem Familienunternehmen stammt.

Auch hier mussten Mitarbeiter zurückstecken

Dass es allerdings nicht ohne Kompromisse gehen wird, macht Clemens Gütermann klar. Die Familie sei bereit, "auf unangemessen hohe Ausschüttungen zu verzichten, wenn die Mitarbeiter auf unangemessen hohe Löhne" verzichteten. Bereits Mitte der 90er Jahre wurde mit den Beschäftigten ein Modell zur Flexibilisierung der Arbeitszeit vereinbart. Damals hatte der Nähfadenhersteller wegen Währungsschwankungen hohe Verluste eingefahren, berichtet Clemens Gütermann, den sein Onkel Peter Gütermann als Sanierer ins Unternehmen holte. Rund ein Viertel der Stellen baute der Neffe ab, mit jedem der betroffenen Mitarbeiter habe er persönlich gesprochen. "Man kann so eine Entscheidung nicht einfach in einem Brief mitteilen", erklärt der Manager mit Blick auf die Gepflogenheiten in manchen Unternehmen.

Auch wenn die eigene Landwirtschaft zur Versorgung der Mitarbeiter mit Lebensmitteln längst aufgegeben wurde, die Werkskrippe geschlossen und auch ein großer Teil der Werkswohnungen verkauft wurde, halten die "Gütermänner" dem Unternehmen die Treue. Teilweise in der fünften Generation arbeiten sie bei dem Nähfadenhersteller, und manche können sich auch im Ruhestand nicht von ihrem früheren Arbeitsplatz trennen, sie führen regelmäßig Besucher durch das Werk. Von "heimeliger Atmosphäre" in dem Unternehmen spricht eine Mitarbeiterin. Für Clemens Gütermann ist ein gutes Betriebsklima denn auch Chefsache: "Ich sage jedem neuen Mitarbeiter: "Wer intrigiert, der fliegt. Dafür sorge ich persönlich."

Friederike Marx, AP / AP