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US-Finanzkrise: "Wir sitzen in der Tinte"

Lange Zeit hat die Panik reagiert an den weltweiten Börsen, und der Wochenstart fiel meist desaströs aus. Der Notverkauf der US-Investmentbank Bear Stearns als neuer Höhepunkt der Finanzmarktkrise schockierte die Investoren. Immerhin erholte sich die Wall Street am Abend, was am Dienstag auch den europäischen Börsen Auftrieb geben könnte.

Der Dow Jones ging vor der am Dienstag anstehenden Leitzinsentscheidung der Notenbank Fed mit einem Plus von 0,2 Prozent auf 11 972,25 Punkte aus dem Handel. Schnäppchenjäger griffen gegen Handelsende zu. Es ging aber wieder turbulent zu: Die Schwankungsbreite im Tagesverlauf betrug rund 314 Punkte. Der marktbreite S&P-500-Index verlor 0,9 Prozent auf 1276,60 Zähler. Der technologielastige Nasdaq-Composite-Index sank um 1,6 Prozent auf 2177,01 Zähler.

Die Erholung im Dow Jones wirkte sich auch auf Japans Börse positiv aus. In Tokio stiegen die Kurse am Dienstag deutlich.

Dass es nicht zu richtigen Panikverkäufen gekommen sei und der Dow sogar zum Handelsende wieder zugelegt habe, könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Bodenbildung kurz bevorstehe, sagten Händler am Markt. Schnäppchenjäger hätten rund eine Stunde vor Handelsschluss zugegriffen. Gekauft wurden vor allem Pharmawerte, aber auch Technologie- und Telekomaktien im Leitindex.

Bereits vor dem Wochenende hatte die Nachricht über den Zustand von Bear Stearns und deren möglicher Pleite deutlich belastet. Die Bear-Stearns-Titel, die am Freitag bereits rund die Hälfte ihres Wertes eingebüßt hatten, verloren weitere 84,5 Prozent auf 4,77 Dollar, nachdem bekannt wurde, dass J.P. Morgan die Bank für 0,05473 eigene Aktien übernehmen will.

Andere Finanztitel mit Ausnahme von J.P. Morgan gaben ebenfalls nach: Citigroup verloren 6,01 Prozent auf 18,62 Dollar, American International Group (AIG) sanken um 3,52 Prozent auf 39,73 Dollar. Lehman Brothers brachen um 19,13 Prozent auf 31,75 Dollar ein. Die Bank wird am Dienstag Zahlen zum ersten Quartal vorlegen. Morgan Stanley büßten 8,02 Prozent auf 36,38 Dollar ein und Merrill Lynch 5,36 auf 41,18 Dollar.

Die drittgrößte US-Bank J.P. Morgan profitierte kräftig von der Übernahme von Bear Stearns: Das Papier sprang im Dow Jones um 10,32 Prozent auf 40,31 Dollar nach oben. Analysten schätzten den Kauf zu einem "Spottpreis" von gut 2 US-Dollar je Aktie als langfristig positiv für JPMorgan ein. Dadurch könne die US-Bank ihr Geschäft strategisch vorteilhaft zu einem geringen Preis erweitern und ausbauen, hieß es.

US-Demokraten kritisieren Bushs Reaktion auf Finanzkrise

Die Präsidentschaftsbewerber der US-Demokraten, Hillary Clinton und Barack Obama, haben Amtsinhaber George W. Bush wegen seiner Reaktion auf die Turbulenzen auf den Finanzmärkten scharf kritisiert. Die Wirtschaft sei durcheinander und nähere sich einer Rezession, sagte Obama auf einer Veranstaltung nahe Pittsburgh am Montag. "Wahrscheinlich sind wir schon in einer." Bush hatte zuvor erklärt, seine Regierung habe die Lage im Griff. Clinton sprach vor Journalisten in Washington von einer Zeit der wirtschaftlichen Anspannung und Unsicherheit. "Jetzt sitzen wir in der Tinte, und wir sollten uns besser rausbefördern, bevor die Konsequenzen bedrohlich werden", erklärte sie.

Bush hatte nach einem Treffen mit Finanzminister Henry Paulson und anderen Wirtschaftsberatern im Weißen Haus eingeräumt, dass das Land derzeit "wirtschaftlichen Herausforderungen" gegenüberstehe. Die Regierung habe jedoch "starke, entschlossene Maßnahmen ergriffen". Auf lange Sicht werde es der Wirtschaft gut gehen. Die US-Notenbank Fed hatte sich am Sonntag an einem Notkauf zum Schleuderpreis beteiligt, mit dem die US-Bank JPMorgan Chase den taumelnden Konkurrenten Bear Stearns vor dem Untergang bewahrte. Die Fed übernahm dabei Risiken von bis zu 30 Milliarden US-Dollar (19,28 Milliarden Euro). Zudem senkte die Fed den Diskontsatz von 3,5 auf 3,25 Prozent und drehte damit den Geldhahn weiter auf.

Bear Stearns ist das bisher prominenteste Opfer der seit Monaten andauernden Finanzkrise. J.P. Morgan will den angeschlagenen Konkurrenten per Aktientausch übernehmen. Für eine Aktie von Bear Stearns werden nur 0,05473 Anteile von J.P. Morgan geboten. Gemessen am letzten Kurs vor dem Geschäft würde eine Aktie von Bear Stearns so nur noch mit zwei Dollar bewertet und die gesamte Großbank mit lediglich rund 236 Millionen Dollar. Das ist einen gigantischer Abschlag: Am Freitag - bereits nach einem Einbruch um fast 50 Prozent - hatte die Aktie an der Börse noch mehr als 30 Dollar gekostet. Die gesamte Bank wäre damit 3,5 Milliarden Dollar wert gewesen, im Januar waren es noch rund 20 Milliarden Dollar. Für Beobachter ist der Ramschpreis ein Indiz dafür, dass Bear Stearns kurz für dem Zusammenbruch stand.

JPMorgan will 7000 Stellen bei Bear Stearns streichen

Die US-Bank JPMorgan will nach einer Übernahme des angeschlagenen Konkurrenten Bear Stearns einem Medienbericht zufolge dort rund 7000 Stellen streichen. Dies sei etwa die Hälfte der Arbeitsplätze bei dem Rivalen, berichtete der Fernsehsender CNBC am Montag unter Berufung auf nicht namentlich genannte Kreise. JPMorgan erklärte dazu, dies sei "eine herbeigeholte Zahl". Weiter wollte sich eine Sprecherin nicht äußern. Mit den Plänen vertraute Personen sagten, JPMorgan habe erst damit begonnen, Bear Stearns zu durchleuchten. Noch sei unklar, ob und wieviel Arbeitsplätze gestrichen würden.

Reuters/AP/DPA / AP / DPA / Reuters