US-Immobilienkrise Häuserkampf made in USA


Millionen US-Bürger können ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen. Bei Massenspektakeln einer gemeinnützigen Organisation wird das Elend neu verhandelt - und manchmal geschehen kleine Wunder.
Von Karsten Lemm, San Francisco

Fast 800 Kilometer liegen zwischen dem Städtchen Carson, am Südrand von Los Angeles, und Daly City, einem unscheinbaren Vorort von San Francisco - aber für die Hoffnung ist kein Weg zu weit. Deshalb sind Andre Spicer und Sherree Lewis-Devaughn schon früh am Morgen aufgebrochen an diesem Donnerstag, der eigentlich ein Arbeitstag ist; sie haben frei genommen, um die weite Reise anzutreten und ganz vorn in der Schlange zu stehen vor dem "Cow Palace" in Daly City, wo Hausbesitzern in Not versprochen wird, dass ihr Traum vom eigenen Heim nicht platzen muss. Dass sie sich befreien können von erdrückenden Schulden und unerschwinglichen Hypotheken-Zahlungen. Trotz der schlimmsten Wirtschaftskrise, die die Welt gesehen hat seit der Großen Depression der 1930er Jahre.

"Alle erzählen, dass ein Wunder geschehen ist"

"Save the Dream Tour" heißt die Veranstaltung, zu der die beiden Kollegen aus Südkalifornien extra eingeflogen sind: ein fünftägiges Massenspektakel rund um das Elend des kollabierten Häusermarkts, organisiert von der NACA, einem gemeinnützigen Verein aus der Nähe von Boston, der sich auf Hilfe zur Häuser-Finanzierung spezialisiert hat. Quer durch Amerika ist die NACA schon gereist mit ihrem Versprechen, all jenen beizustehen, die sich mit ihren Hypotheken verkalkuliert haben, denen die Zahlungsverpflichtungen über den Kopf wachsen. Ein weit verbreitetes Problem: In den ersten neun Monaten verloren über drei Millionen Hausbesitzer in den USA ihr Heim, Tendenz steigend - immer noch, auch zwei Jahre nach dem Platzen der Spekulationsblase auf dem Immobilienmarkt.

Das erklärt, warum schon in Las Vegas, Chicago, Phoenix und anderen großen Städten Zehntausende herbeipilgerten, um NACA-Helfern ihre Bilanz offenzulegen: Wenn die Dokumente zeigen, dass den gebeutelten Antragstellern das Geld ausgeht, das bei ihnen beim besten Willen nichts mehr zu holen ist, dann lassen die Banken vielleicht mit sich reden. Dann besteht Hoffnung, dass die Hypothekenlast sinkt, dass die monatlichen Zahlungen wieder ins Erschwingliche fallen. So, wie es Andre Spicer von Bekannten gehört hat, die in Las Vegas dabei waren: "Alle, die zurückkommen, erzählen Geschichten, dass ein Wunder geschehen ist", berichtet der 38-jährige Schulangestellte. Und er braucht ein Wunder, nichts weniger als das. Über 600.000 Dollar hat Spicer zu Boom-Zeiten für sein Haus bezahlt, heute ist es gerade noch die Hälfte wert - doch die Hypothek richtet sich, gnadenlos, nach dem ursprünglichen Preis. Und sie ist von der Sorte, die mit niedrigem Einstiegs-Zinssatz lockte, nur um später sprunghaft anzusteigen. Monat für Monat verlangt die Bank nun 3823 Dollar (derzeit gut 2500 Euro), und Spicer weiß nicht, woher er das Geld nehmen soll. "Seit vier Monaten habe ich nicht mehr gezahlt", gesteht der Familienvater. "Wenn ich hier keine Hilfe bekomme, hängt wohl bald ein großes Schloss vor unserer Tür."

Im Freien übernachten

Seiner Kollegin geht es ähnlich: In guten Zeiten belieh Sherree Lewis-Devaughn ihr Haus, um Rechnungen zu begleichen und den Kredit für ihr Studium abzuzahlen - dadurch stieg ihre Hypothek von 900 auf 1700 Dollar. "Es war leicht, das Geld zu bekommen", erzählt die alleinstehende Mutter, "aber die Zahlungen sind mir über den Kopf gewachsen." Die Wirtschaftskrise erhöht die Not. Früher konnte die Lehrerin während der Sommerferien Nachhilfeunterricht geben, doch dafür haben viele Schulen in der Krise kein Geld mehr übrig. Nun lasten 30.000 Dollar Kreditkarten-Schulden auf Lewis-Devaughn, und zum ersten Mal fand sie keinen Weg, ihre Hypothek zu zahlen. "Hoffentlich können die mir hier helfen", sagt die 36-Jährige, in der rechten Hand einen Schirm, um sich beim Warten in der Schlange vor der brennenden Sonne zu schützen, der Blick geht ins Leere. "Sonst wird es wirklich hart."

Für die Aussicht auf Linderung ihres Leids stehen die beiden Weitgereisten aus Los Angeles schon 24 Stunden im Voraus an. Sie werden im Freien übernachten, wie viele andere, die sich schon am Donnerstag in die Schlange einreihen, obwohl die Türen zum Cow Palace erst am Freitagmorgen aufgestoßen werden. In der Arena, in der sonst Rodeos und Rockkonzerte stattfinden, sind NACA-Mitarbeiter noch dabei, sich auf den großen Ansturm vorzubereiten. 50.000, vielleicht sogar 60.000 gebeutelte Häuslebauer erwartet die Organisation. Für die Abwicklung der Anträge stehen in langen Reihen fast 300 Schreibtische bereit, auf jedem ein PC, vor jedem wird ab Freitag ein Berater sitzen. "Alles ist kostenlos", erklärt NACA-Gründer Bruce Marks auf einer Pressekonferenz, "und wir kennen nur ein Ziel: die Hypothekenlast zu senken."

Er gibt selbst zu: "Es klingt vielleicht zu schön, um wahr zu sein." Aber doch, versichert er, dies ist die Ausnahme, dies ist der Traum, der in Erfüllung geht - für die meisten jedenfalls. "Für 80 Prozent der Menschen, die zu uns kommen, finden wir eine erschwingliche Lösung", verspricht Marks im Gespräch mit stern.de. "Oft schon am ersten Tag."

Gewaltloser Bank-Terrorismus

Wie kann seiner Organisation gelingen, was all den Hausbesitzern, die verzweifelt Hilfe suchen, so lange verwehrt geblieben ist - bei ihren Gläubigern drastische Nachlässe auszuhandeln? Marks, ein schmaler Mann von 54 Jahren mit graumeliertem Vollbart und schütterem Haar, lächelt verschmitzt und erzählt von seiner Taktik des "gewaltlosen Bank-Terrorismus": Um die Bank-Bosse unter Druck zu setzen, zieht Marks mit seinen NACA-Truppen gern vor die Haustür von Geldmännern, die sich seinen Anliegen widersetzen, und zettelt lautstarke Protest-Aktionen an. Direkt vor den reichen Nachbarn, damit es schön peinlich wird. So wie zum Beispiel im Februar bei John Mack, dem Chef von Morgan Stanley, dem angeschlagenen Bank-Riesen, der zehn Milliarden Dollar an Steuergeldern bekam, um nicht zusammenzubrechen. "Wir wollen diese Leute persönlich zur Rechenschaft ziehen", sagt Marks, "denn das ist der American Way: Man steht zu seiner Verantwortung." Andererseits fehle den Banken nicht nur der Wille, sondern geradezu die Befähigung, mit der gigantischen Menge an faulen Hypotheken klarzukommen, glaubt der NACA-Chef: "Das Geschäft der Banken ist auf Verkaufen ausgerichtet, nicht auf Beratung in der Krise." Deshalb bietet seine Organisation den Geldhäusern eine Art Rundumsorglos-Paket: Alle Hoffnungsvollen, die von Freitag bis Dienstag zum Cow Palace kommen, müssen dokumentieren, wie es um ihre Finanzen steht und dass sie aus verständlichen Gründen in Schwierigkeiten geraten sind - nicht, weil sie ihr Geld fröhlich verprassen. "Wir prüfen alles, wir übernehmen die Arbeit", erklärt Marks. "Alles, was die Banken dann noch tun müssen, ist, die Anträge abzusegnen."

Zwei Tage später, am Samstagnachmittag, läuft die Maschine auf Hochtouren: Der Parkplatz vor dem Cow Palace ist voll, und auf den Rängen der Arena sitzen Tausende, die darauf warten, an die Reihe zu kommen. Wenn Berater Zeit haben, sich um den Nächsten zu kümmern, halten sie Schilder mit ihrer Tischnummer in die Höhe. Vor ihnen sitzen Einzelne, Paare, manchmal ganze Familien mit spielenden Kindern oder Babys, die im Kinderwagen schlafen, während die Eltern versuchen, das Dach über ihrem Kopf zu retten.

Verhandlungen können sich über Jahre ziehen

Manche berührt die Erfahrung so sehr, dass sie überlegen, den Job zu wechseln. "Ich will hier mitmachen, dies ist Arbeit für einen großartigen Zweck", erklärt Valerie Warren, eine Immobilienmaklerin aus Los Angeles. "Die Banken sind vollkommen planlos. Wenn sie kompetente Berater hätten, müsste es solche Veranstaltungen gar nicht geben." Eigentlich ist Warren nach San Francisco gereist, um sich nach Refinanzierungs-Möglichkeiten für eine Klientin zu erkundigen - aber auch, um ihre Kollegin Lori Berry moralisch zu unterstützen. Berry geriet in Schwierigkeiten, weil ihr Vater an Krebs erkrankte und sie nur noch Teilzeit arbeiten konnte, während sie sich um ihn kümmerte. Als ihr das Geld fehlte, um die Steuern für ihr Haus zu zahlen, sprang die Bank ein - und verlangt nun über 3500 Dollar im Monat statt vormals 2374. "Seit über einem Jahr verhandele ich nun schon", erzählt Berry, aber die Bank wollte von ihren Vorschlägen nichts wissen.

So wurde die NACA-Veranstaltung auch für sie zur letzten Chance, zum Strohhalm, nach dem sie verzweifelt griff. Und nach langem Hin und Her ließen sich ihre Geldgeber tatsächlich auf einen Kompromiss ein. "Ich habe vor Freude geweint", sagt Berry, "und sofort alle angerufen, die ich kenne, und gesagt: Ihr müsst hier herkommen, das funktioniert tatsächlich!" Als Berry und Warren den NACA-Gründer entdecken, der unauffällig am Rande des Geschehens steht, hält es sie nicht mehr: Beide laufen auf Bruce Marks zu und fallen ihm um den Hals. Diese Art von überschwänglichem Dankeschön, erzählt er kurz darauf, kenne er schon: "Das passiert öfter."

Banken machen nur ungern mit

Doch nicht alle sind so gut auf ihn zu sprechen. "Das ist doch alles nur Show hier!", schäumt Zack Andy, ein Software-Entwickler, der zu denen gehört, die keine positive Zusage erhalten haben. Zumindest nicht sofort. Erst will die Bank zusätzliche Dokumente sehen, dann könne eine Entscheidung bis zu zwei Monate dauern, hat man ihm signalisiert. "Das Gleiche wie am Telefon! All diese Leute, die hier sitzen, können kein Urteil fällen", klagt Andy und zeigt auf die Bank-Angestellten rings um sich herum, die in einem Hinterzimmer an langen Holztischen sitzen und sich über Laptops und Papierstapel beugen. Wer versucht, die Sachbearbeiter selbst zu fragen, wird abgewimmelt. Die Großbank Wells Fargo hat sogar einen Sicherheitsdienst engagiert, der aufpasst, dass neugierige Reporter keine Bilder machen oder mit den Angestellten sprechen. Die Banken mögen sich darauf eingelassen haben, bei der "Save the Dream Tour" mitzuspielen - aber nur abseits der Augen der Öffentlichkeit.

Vorwürfe von Enttäuschten, seine Organisation wecke falsche Erwartungen, weist Erick Exum, National Director der NACA und rechte Hand des Gründers Bruce Marks, weit von sich: "In Amerika herrscht eine Kultur der 'instant gratification'", sagt er: alles haben wollen, und zwar sofort. Aber das sei angesichts der oft schwierigen Verhandlungen mit den Banken zuviel verlangt. "Nur etwa 20 Prozent der Antragsteller bekommen gleich heute eine verbindliche Antwort", sagt Exum. Alle anderen - die Mehrheit - müssen sich gedulden. "Aber am Ende", versichert der NACA-Direktor, genau wie sein Chef, "finden wir für etwa 80 Prozent eine Lösung."

Das ist auch das Versprechen, mit dem Andre Spicer und Sherree Lewis-Devaughn am Samstag zurück nach Los Angeles fliegen. Beide müssen auf ein endgültiges Urteil noch warten. Aber zumindest haben die Banken nicht gleich nein gesagt. "Der NACA-Berater hat meinen Antrag unterstützt", berichtet Spicer. "Wenn alles gut geht, spare ich 1300 Dollar im Monat." Gewiss, unter Dach und Fach ist das noch nicht, er wird noch ein paar Wochen Daumen drücken müssen und unruhig schlafen - aber die Hoffnung zumindest lebt weiter. Und das war die lange Reise wert. "Ich bin froh, dass ich nach San Francisco geflogen bin", sagt Spicer. "Allein wäre ich ohnehin nicht weitergekommen."


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