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Krieg in der Ukraine Militärexperte zur russischen Invasion: "Sobald es in Richtung Häuserkampf geht, wird es ziemlich grausam"

Eine Kolonne gepanzerter Fahrzeuge
Eine Kolonne gepanzerter Fahrzeuge nähert sich dem Kontrollpunkt Perekop an der ukrainischen Grenze
© Sergei Malgavko / Picture Alliance
Dass die Lage in der Ukraine über Nacht eskalierte, davon war auch Militärexperte Christian Mölling überrascht. Ein Gespräch über einen emotionalisierten Putin, die Verteidigungschancen der Ukrainer und die Rolle des Westens.

Nun ist er also doch da, der Krieg in der Ukraine. Obwohl die Lage seit Wochen angespannt war, hatten viele weiterhin auf eine friedliche Lösung gehofft. Was hat Russlands Präsident Wladimir Putin am Ende zum Angriff bewogen? Ist die Ukraine angesichts der russischen Übermacht überhaupt in der Lage, sich zu verteidigen? Wie kann und muss der Westen jetzt reagieren?

Ein Gespräch mit Dr. Christian Mölling, Forschungsdirektor und Leiter des Programms Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Mölling ist unter anderem Experte für die gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU und der Nato und für Rüstungsindustrie.

Dr. Mölling, in einem Interview mit dem ZDF sagten Sie vergangene Woche, Sie könnten sich nicht vorstellen, dass Russland tatsächlich angreift. Dann dürfte Sie die Entwicklung ziemlich überrascht haben?

Mölling: Was mich wirklich überrascht ist, dass Putin offenbar die gesamte Ukraine mit einem Streich einnehmen will.

Das glauben Sie, ist Putins Ziel?

Ja. Das war ab dem Moment klar, als Putin in seiner Rede vor dem Nationalen Sicherheitsrat der Ukraine ihr Existenzrecht abgesprochen hat. Ich glaubte und glaube immer noch, dass Putin seine Ziele hätte anders erreichen und massive Sanktionen hätte umgehen können.

Wie denn?

Er hätte eine Art "Salami-Taktik" fahren können, sprich: Putin hätte seinen Einflussbereich Schritt für Schritt ausweiten – und die Ukraine sukzessive auszehren können. Damit hätte er die Sanktionen wahrscheinlich geringer halten können. So aber zwingt Putin den Westen dazu, das große Besteck auszupacken.

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Dann einmal ganz einfach gefragt: Warum tut Putin das?

Schwer zu sagen. Dass Putin ein Opportunist ist, ist nichts Neues. Dieser große Angriff ist wirkt von außen wie eine völlig emotionalisierte Entscheidung. Und genau das macht die Lage so unberechenbar. 

Fürchtet Putin die Sanktionen nicht?

Wie es aussieht, beeindrucken sie ihn zumindest nicht. Ganz offensichtlich ergibt Putins Kosten-Nutzen-Rechnung, dass sich die Invasion lohnt. Folglich muss der Westen diese Kosten für Russland derart in die Höhe treiben, dass sich der Krieg schlichtweg nicht mehr rechnet.

So einfach?

Nun ja, die Invasion wird das am Ende nicht aufhalten. Aber wir stehen in einem Konflikt mit Russland, der weitergeht, auch wenn die Ukraine eingenommen ist. An diese Zeit müssen wir jetzt schon denken. Dann geht es schlichtweg um die Frage: Wie bringt man Russland dazu, wenn es sich denn schon nicht an die vereinbarten politischen Spielregeln hält, sich zumindest aus den Angelegenheiten der Nato rauszuhalten?

"Die ukrainischen Streitkräfte können nicht ansatzweise mit Russland mithalten"

Wie sieht Russlands "Schlachtplan" für die kommenden Tage aus?

Zunächst wird Russland die ukrainische Luftabwehr ausschalten – insofern sie denn überhaupt existiert. Sobald Russland die Lufthoheit hat, könnte der nächste Schritt in konzentrierten Angriffen auf die größten Ballungsräume bestehen, um den Widerstand zu brechen.

… was aber sicher viele zivile Opfer fordern würde, oder?

Das hängt davon ab, ob Putin der Zivilbevölkerung die Zeit gibt, sich in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig könnte es aber zu einem Aufstand kommen – Präsident Selenskyi hat ja bereits angekündigt, Zivilisten bewaffnen zu wollen. Dann wären wir nicht mehr bei einem "klassischen" Panzer- oder Mann-gegen-Mann-Krieg. Sobald es in Richtung Häuserkampf geht, wird es ziemlich grausam.

Nimmt Putin zivile Opfer also in Kauf?

Es sieht ganz danach aus. Bisher kann zumindest ich nicht feststellen, dass Putin sich in irgendeiner Weise noch um seine Reputation schert.

Hat die Ukraine überhaupt eine Chance, sich zu verteidigen?

Das ist deshalb schwer zu prognostizieren, weil Vergleiche mit anderen Kriegen hinken. Außerdem ist unklar, welches Ziel sich die Ukraine überhaupt gesetzt hat. Wollen sie Kiew halten, um ein Zeichen zu setzen? Wollen sie den Westen des Landes verteidigen und dort eine Exilregierung einrichten?

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Russland ist also in jeder Hinsicht überlegen.

Die ukrainischen Streitkräfte können nicht ansatzweise mit Russland mithalten. Zudem hat Russland seine Raketenartillerie in den vergangenen Jahren enorm aufgerüstet. Raketenfeuer hat natürlich auch eine massive psychologische Wirkung – das zeigt sich bereits bei den ersten Bildern.

"Belarus können wir abschreiben"

Wie kann der Westen reagieren?

Der Westen hat sich klar zur territorialen Integrität der Ukraine bekannt. Das hat auch einen klaren Eigennutz: Bisher teilen sich Russland und die Nato nur im Hohen Norden Norwegens eine wenige hundert Kilometer lange Grenze. Sollte Putin die Ukraine vollständig unter Kontrolle bringen und Russland einverleiben, stünde Russland an der Grenze gleich mehrerer Nato-Mitglieder.

Was wäre Ihrer Meinung nach, der schlimmste Fall?

Dass Russland nach Einnahme der Ukraine nicht vor der Nato-Ostgrenze Halt macht und in Polen oder Rumänien einmarschiert.

Das ist aber eher unwahrscheinlich?

Sehr unwahrscheinlich, ja. Aber nicht unmöglich. Gerade blickt alle Welt auf Kiew und ist dabei blind gegenüber anderen Schauplätzen. Belarus zum Beispiel können wir abschreiben. Am Ende dürfen wir nicht vergessen: Es steht nicht nur die Ukraine, sondern alle Regeln, nach denen wir in Europa leben, auf dem Spiel. Es geht darum, dass Sie als freie Presse und ich als unabhängiger Forscher in Zukunft weiterarbeiten können. Es geht um ein demokratisches Europa.

Welche Rolle wird Deutschland bei all dem spielen?

Wenn sich Deutschland einschaltet, dann als Teil eines Nato-Verbundes. Deutsche Waffenlieferungen sind allerdings vom Tisch – die würden inzwischen ohnehin nichts mehr bringen. Wahrscheinlich sind die 5000 versprochenen Helme noch nicht einmal angekommen…

Die Frage, die sich Deutschland stellen muss, lautet: Wie wollen wir angesichts unserer historischen Verantwortung am Ende dastehen?

tkr

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