Mission Bundestag (4) Kaffeeklatsch und Bettelbriefe


In den letzten Wahlkampf-Wochen putzen CDU-Kandidat Gottfried Ludewig und sein Team fleißig Klinken in Berlin-Pankow: Häuserkampf mit Kaffee, Kuchen und Artigkeiten. Und wer bezahlt es?
Von Franziska Reich

Wenn Gottfried Ludewig in den Häuserkampf zieht, dann hat er stets die gleiche Strategie. Dann klingelt er am Gartentor, nur bei Einfamilienhäusern, Mehrfamilienhäuser lässt er aus - "Direkt vor der Wohnungstür zu stehen, das ist mir zu zudringlich" - dann klingelt er also am Gartentor, wedelt freundlich mit zwei Zetteln und erklärt: "Ich wollte nicht stören. Ich wollte Sie nur zu Kaffee und Kuchen einladen."

Kaffee und Kuchen - wer sagt da schon nein?!

Die Menschen, bei denen Ludewig an diesem Abend klingelt, die Menschen im Stadtteil Berlin-Rosenthal - die jedenfalls nicht. Diese Menschen sagen: Ach, das ist aber nett. Wo denn? Wann denn?

Erprobte Sprüche

Und wenn Gottfried Ludewig nachsetzt mit einem "Es geht um eine Info-Veranstaltung zur Bundestagswahl" und einem "Ich dachte, man stellt sich wenigstens kurz vor, ist doch netter als immer nur von den Plakaten zu lächeln"; und wenn er außerdem noch erklärt: "Falls Sie ein Anliegen haben, dann rufen Sie mich doch einfach an!"; wenn Gottfried Ludewig also sein wohlgesetztes und inzwischen 1000fach erprobtes Sprüchlein aufsagt, dann sagen die Menschen in Rosenthal tatsächlich: Am Sonntag? Im Hofstall? Na, da schau ich doch, dass ich komme!

Für einen Politiker wie Gottfried Ludewig sind Menschen in diesen Wochen vor allem eines: Wähler! Vielleicht nicht gleich eine echte Stimme - aber immerhin ein Kontakt. Und darum geht es im Wahlkampf. Kontakte, Kontakte.

"Qualititv hochwertige Kontakte"

Die Sekunden am Gartenzaun nennt Gottfried Ludewig: "Qualitativ hochwertige Kontakte." Mit ein paar netten Worten und einem persönlichen "Auf Wiedersehen und guten Weg." Mehr als man am Wahlkampfstand erwarten kann. Da nehmen sich die Leute einen Kugelschreiber und sind wieder weg.

Ludewig und seine Gang nennen den klassischen Wahlkampfstand mit Sonnenschirm und Flyern: "Canvassing Stand". Canvassing ist ein neuer Lieblingsbegriff aller CDUler. Welch Klang nach irre neu und cool! "Ein Canvassing-Stand ist schon wichtig, um zu zeigen: Wir sind da! Aber die Leute erreicht man besser indem man direkt auf Sie zugeht und nicht wartet, dass sie zu einem an den Stand kommen", sagt Ludewig.

Hart ist nicht der eine Abend

Und so hofft er also auf die Durchschlagskraft des Häuserkampfes. Hofft, dass der eine oder andere wirklich Unentschlossene am Wahltag in der Kabine steht und zögert und zaudert und sich dann - vielleicht, vielleicht - an den netten Besuch vom netten Herrn Ludewig am Gartenzaun erinnert.

Jeden Abend sind sie derzeit mit mindestens vier, manchmal auch acht Leuten unterwegs. Klingeln, Sprüchlein, Klingeln. Das Harte ist nicht der eine Abend. Das Harte sind die vielen Wochen, Abend für Abend, sich motivieren, durchhalten, lächeln, immer das gleiche, immer brav und freundlich, Abend für Abend.

Angst vor dem konservativen Rollback

Alles, was Ludewig und seine Leute verteilen, müssen sie selbst finanzieren. Durch Spendengelder. Zwischen 30 und 45 Tausend Euro wird der Spaß am Ende kosten. Anfang August fehlten für die letzte Direkt-Mailing-Aktion noch 10.000 Euro. Also hat Ludewig noch einmal einen Bettelbrief an Parteimitglieder und Anhänger geschrieben. 50 Euro. Bittebitte und auch bestens von der Steuer absetzbar. "Die Resonanz war sehr gut. Erstaunlich. Wir können inzwischen auf die Leute zählen, die eine modernere CDU wollen. Die idealistischer sind", sagt Ludewig.

In diesen Tagen sieht man Ludewig die Anspannung an. Er wirkt verschwitzter. Hektischer. Der Wahltermin rückt näher. Und wie jeder CDUler, so will auch Ludewig in diesen letzten zwei Wochen keinen Fehler machen. Ludewig glaubt, dass diese Wahl "eine Schicksalswahl" für seine Partei sei. Er befürchtet, dass bei einem sehr schlechten Ergebnis oder gar einer Niederlage der konservative Rollback in seiner Partei kommen könnte. Weniger Ursula von der Leyen - mehr Roland Koch. Weniger Ole von Beust - mehr Günther Oettinger. Eben mehr von jenen, die die CDU wieder konservativer haben wollen. Strammer. Steifer.

Im Moment keine Sorgen

"Im Moment mache ich mir keine Sorgen. Wir sind auf einem guten Weg. Ich weiß nicht, was jetzt noch schief gehen sollte. Aber abgerechnet wird am 27. September", sagt Ludewig.

Abgerechnet wird... Das sagt derzeit jeder Politiker. Hoffen. Bangen. Fürchten. Für alle Beteiligten zum Glück nicht mehr lang.

Die Autorin Franziska Reich ist Reporterin im Berliner Büro des stern


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