Mission Bundestag (3) Ludewig und der Kündigungsschutz

Die Sache mit den Landtagswahlen hat Direktkandidat Gottfried Ludewig, CDU, einigermaßen im Griff. Die mit dem Kündigungsschutz nicht. Beobachtung des Mannes, der den Prenzlauer Berg politisch drehen will.
Von Franziska Reich

An dem Donnerstag vor den Landtagswahlen, am letzten Donnerstag im Wahlkampf 2009 also, an dem die CDU noch so ganz und gar siegesgewiss sein konnte - an diesem vergangenen Donnerstag war Gottfried Ludewig noch bester Stimmung gewesen. Hatte in der Heilsarmee im Prenzlauer Berg Reis mit Chicken Champignon Curry an die Bedürftigen verteilt. Hatte der nächsten Plakatwelle entgegengefiebert, der Welle, auf der endlich sein Gesicht zu sehen sein würde. Hatte von der guten Stimmung an den Haustüren berichtet, von den vielen freundlichen Bürgern, von denen sich mancher sogar dafür entschuldigte, dass er doch noch einmal SPD wählen würde. "Die entschuldigen sich dafür, dass sie SPD wählen! So weit ist es schon gekommen! Das muss man sich mal vorstellen", hatte er gerufen und gelacht. Nicht gehässig. Eher belustigt.

Diskussionen, lichterloh

Und auch am Freitagmittag vor den Landtagswahlen, dem letzten Freitag im Wahlkampf 2009 also, an dem sich ... - auch an diesem Freitag hatte er noch gestrahlt und entflammt, entbrannt, so lichterloh argumentiert und diskutiert und agitiert für seine Sache - die Sache der großen CDU. Hatte den Wahlkampf gelobt, "die Strategie der großen Linien", die seine Partei so unangreifbar mache. Hatte noch einmal betont, wie viel Spaß, wie viel Freude ihm dieser Wahlkampf bereite. Wie schön und interessant der Kontakt zu all den Menschen sei.

Dann kam der Samstag - ebenfalls viel Spaß, viel Freude mit Blumenfest in Weißensee - und dann ... , tja, nun ja - und dann kam der Sonntag. Dann kamen zweistellige Verluste für seine große, strahlende CDU. Dann kamen äußerst lange Gesichter.

Mission Bundestag

Er hat keine Chance - doch die will er nutzen. Gottfried Ludewig, 26 Jahre , tritt als Direktkandidat der CDU im traditionell linken Wahlkreis 77 Berlin-Pankow/Prenzlauer Berg an. stern.de begleitet ihn bis zur Bundestagswahl und erzählt die Geschichte von einem, der in diesem Wahlkampf nur gewinnen kann - wenn auch sicher kein Mandat.

In der nächsten Folge lesen Sie, wie sich Ludewig in den "Häuserkampf" stürzt - und wie er seinen Wahlkampf finanziert.

Merkels watteweicher Wahlkampf

"Ich würde sagen, die Ergebnisse sind gemischt", sagt Gottfried Ludewig am Tag nach den Verlusten, am Tag der stundenlangen Gremien. Er hat selbst im Bundesvorstand gesessen und den Erklärungen gelauscht. Er bemüht sich weiter um selbstbewussten Optimismus. Die CDU habe bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen doch gewonnen. Das sei doch wichtiger als das Ergebnis im Saarland! Da wohnen ja so viel mehr Menschen! Und die CDU sei doch überall stärkste Partei geworden - trotz allem! Und Sachsen sei doch wunderbar gelaufen - und das mit der gleichen Strategie, die auch Angela Merkel verfolge! "Das hat doch gut funktioniert", sagt er.

Auch nach dem Sonntag und dem wahrscheinlichen Verlust zweier Ministerpräsidenten bleibt Gottfried Ludewig ein echter Verfechter des watteweichen Wahlkampfs seiner Kanzlerin. "Wir wären doch verrückt, uns auf irgendwelche unhaltbaren Versprechen fest nageln zu lassen", sagt er. Oder: "Wir wären doch verrückt, jetzt plötzlich die Roten Socken aus dem Schrank zu kramen." Ludewig, der kleine Kandidat, findet, dass die große CDU jetzt nur die Ruhe bewahren müsse. Nicht bange werden. Souverän und selbstbewusst.

Die Sache mit dem Kündigungsschutz

Und wenn man ihn fragt, ob die Menschen nicht vielleicht doch wissen wollen, was mit einer CDU-Regierung auf sie zukommt, dann sagt er: "Aber das sagen wir doch! Nur eben nicht bis ins letzte Detail." Und wenn man ihn fragt, wie es denn beispielsweise beim Thema Kündigungsschutz mit der CDU-Haltung aussehe, dann sagt er: "Der Kündigungsschutz ist eine große Errungenschaft. Niemand möchte Hand daran legen." Und man fragt: "Niemand?" Und er sagt: "Niemand. Man muss nur darüber nachdenken, ob man den Kündigungsschutz so modifiziert, dass für kleine Unternehmen Beschäftigungshemmnisse geringer werden." Und man fragt, was denn "kleine Unternehmen" heiße. Und er sagt: "Vielleicht bis 100 Angestellte - das würde schon viel helfen."

Bis 100 Angestellte. Fast elf Millionen der insgesamt 24,3 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten in Unternehmen dieser Größe. Fast elf Millionen Menschen wären also davon betroffen. Ein nicht ganz so kleines Detail in diesem großen Kampf um die Macht.

Wissen und Nichtwissen

Vielleicht weiß Ludewig das nicht. Vielleicht findet er es aber auch richtig. Das weiß man bei ihm nicht so genau. Das weiß man ebenso wenig bei seiner Partei.

Die Autorin Franziska Reich ist Reporterin im Berliner Büro des stern

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