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Arbeitslosigkeit: Kollege Angst

Die Arbeitslosigkeit steigt. Und mit ihr die Zahl der Unternehmen, in denen sich Furcht und Misstrauen ausbreiten: Wen der Kollegen trifft es als Nächsten? Eine Klimastudie in deutschen Betrieben.

Unten im Erdgeschoss ist die Vorhölle. Dort laufen geduckte Gestalten mit ausdruckslosen Gesichtern über die Flure. Im ersten Stock sehen die Patienten ein bisschen ansprechbarer aus, und im zweiten wartet Ralf Vogler×, ein kleiner, freundlicher Mann mit Lachfalten um die Augen. In seinem Leben ging es immer aufwärts: Abitur, als Einziger aus seinem bayerischen 200-Seelen-Dorf. Studium, viele Jahre im Ausland, dann ein guter Job bei einem großen deutschen Versicherungskonzern. Frau, zwei Kinder, Eigenheim. Alles perfekt.

Anfang 2000 flüstern die Kollegen auf einmal von "einschneidenden Maßnahmen", von "Rationalisierung" und "Outsourcing", und Ralf Vogler arbeitet noch ein bisschen härter. Weihnachten 2002 kommt die Kündigung, da schluckt er Johanniskraut und geht joggen um drei Uhr nachts. Seine Frau versteht nicht, was ihm den Schlaf raubt. "Du hast doch studiert, du musst doch was kriegen. Jetzt lach doch mal wieder", sagt sie. Er weiß nicht, ob er mit Ende 40 eine neue Arbeit findet; wie soll er das Haus abbezahlen, den Kindern das Studium finanzieren? Sie findet, er grübelt zu viel. "Über Geld redet man nicht, Geld hat man." Da brüllt der freundliche Ralf Vogler sie an, wie sie es noch nie erlebt hat in ihrer Ehe.

Ostern 2003 ist auf einmal sein Chef am Telefon: "Ralf, ich habe für dich gekämpft, du bist wieder eingestellt." Über ein Jahr geht alles gut. Weihnachten 2004 kommt die zweite Kündigung: Die ganze Abteilung ist jetzt überflüssig, heißt es aus der Zentrale, auch sein Chef. Da trinkt Ralf Vogler Alkohol, um die Angst vor der Zukunft zu betäuben, und rast nachts mit dem Auto bei lauter Musik über die Straßen. Sein Hausarzt schickt ihn in die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie eines Hamburger Krankenhauses, Abteilung 162b, zwei Stockwerke über der Vorhölle, wie Ralf Vogler die Station für schwere Fälle nennt. Er sitzt im Behandlungsraum zwischen Gummibäumen und versucht, den Menschen wiederzufinden, "der ich einmal war: offen, optimistisch, neugierig auf die Welt".

Aber die Welt hat sich verändert: "Wenn es Hartz IV nicht gäbe, wenn es Deutschland besser ginge, wenn man wüsste, es geht aufwärts, dann wäre ich nicht so aufgewühlt", sagt Ralf Vogler. An diesem Donnerstag werden die neuen Arbeitsmarktzahlen bekannt gegeben. Weit über 5,2 Millionen sind ohne Job, mehr als je zuvor. Nach vier Jahren Wirtschaftskrise hat die Angst vor dem Jobverlust jeden erwischt, den einfachen Handwerker auf dem Land, die Bank- und Versicherungsangestellten in glitzernden Konzernzentralen und auch die Facharbeiter, die sich bis vor kurzem "beim Daimler" oder der "Siemens-Familie" noch wie verbeamtet fühlten. Laut einer Studie der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) fürchten mehr als 70 Prozent der Deutschen, sie könnten ihren Job verlieren. Fast die Hälfte der Deutschen erwartet laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des stern, dass sich die wirtschaftlichen Verhältnisse weiter verschlechtern werden, ein knappes Drittel hat Angst, in Armut abzurutschen.

Ralf Voglers Geschichte ist eine ganz normale Geschichte in diesen Tagen, sagt sein behandelnder Arzt Hans-Peter Unger. Es sind keine Psycho-Wracks, die bei einer Krise am Arbeitsplatz plötzlich den Halt verlieren, es sind oft ehrgeizige, im Leben stehende Menschen, denen ihr Job besonders wichtig ist. "Ängste und Depressionen nehmen vor allem in Betrieben zu, die früher Sicherheit geboten haben: Staatsbetriebe, Banken, Versicherungen, Kliniken. Alle meine Patienten, vom Pförtner bis zum Topmanager, leiden darunter, dass der deutsche Nachkriegstraum vom immerwährenden Aufstieg zerplatzt ist", sagt Unger.

Plötzlich sind wir alle Ossis:

Die Ungewissheit, die nach dem Mauerfall fast alle ostdeutschen Arbeitnehmer beschlich, ist heute gesamtdeutsche Realität. Doch was passiert in einer Job-Welt, in der Angst eines der vorherrschenden Gefühle ist? Wie verändert sich das Betriebsklima? Kämpft jeder nur noch für sich selbst? Kleben alle an ihrem Sessel, werden zu Jasagern und Duckmäusern - nur nicht auffallen, nur keinen Fehler machen?

Der Chipdesigner Joseph Hielscher* war einer von den ersten 900 Mitarbeitern, die 2003 bei Siemens in München gehen sollten. Auf einmal stand sein Projektleiter vor ihm und den Kollegen, schwitzte und druckste: "So eine Scheiße, dass ich das machen muss, aber ich soll acht Leuten kündigen." Sofort kühlte das Klima in der Abteilung ab: Es wurde nicht mehr locker auf dem Flur geplaudert, alle arbeiteten verbissen vor sich hin, um die eigene Position zu retten. Die Gekündigten wurden gemieden, aus Scham, Hilflosigkeit und Angst. Joseph Hielscher nahm die Abfindung und ging: "Ich wollte einfach nur noch raus."

Mark Stausen* ist immer noch drin, er nennt sich selbst einen "Überlebenden". Vor knapp zwei Jahren, erzählt er, hat er die "Reise nach Jerusalem" mitgemacht, als Standorte der Dresdner Bank zusammengelegt wurden und in seiner Abteilung von 25 Mitarbeitern 15 gehen sollten. Alle wurden einzeln zum Chef gerufen. "Es war wie ein zweites Bewerbungsgespräch. Vorher hatte die Geschäftsleitung eine Formel gemailt, mit der man seine Sozialpunkte ausrechnen konnte: Ich bin nicht verheiratet, kinderlos - schlecht. Ich bin seit der Lehre bei der Bank - gut." Mark Stausen ertappte sich dabei, wie er seinen verheirateten Lieblingskollegen taxierte und sich fragte: "Der oder ich?" Mehrere Wochen vergingen bis zur Entscheidung: "Keiner hat mehr richtig gearbeitet. Wir fühlten uns wie bei einem Survival-Camp, brachten uns gegenseitig Schokolade oder umarmten uns spontan auf dem Flur." Dann war klar: "Ich darf bleiben."

Jetzt pendelt Mark Stausen jeden Tag insgesamt vier Stunden zu der Filiale, der er zugewiesen wurde, um fünf Uhr morgens klingelt der Wecker - "und dann gehöre ich der Bank, 16 Stunden lang". Früher konnte er relativ eigenständig seine Kunden betreuen, heute gibt es jede Woche neue Zielvorgaben aus der Zentrale in Frankfurt: "Es gibt die Top Five, das sind Fonds und Kredite, die wir in dieser Woche an Kunden bringen sollen." Die Kunden seien in diesem System nur Erfüllungsgehilfen: "Denen soll ich Hasenkötel als Kaffeebohnen verkaufen. Kein schönes Gefühl." Die ganze Woche stehe er unter Strom, sagt Mark Stausen, denn am Ende werde geprüft, was er verkauft habe. Sein Ergebnis wird dann in einem Ranking mit dem anderer Filialen verglichen.

Das alte Prinzip

von Stechuhr und ständiger Kontrolle ist zurück - in modernem Gewand. Kassiererinnen müssen pro Minute eine bestimmte Zahl von Artikeln abrechnen, bei Reinigungskräften und Verkäuferinnen wird die Quadratmeterzahl hochgesetzt, um die sie sich zu kümmern haben. In einer Forsa-Umfrage für den stern gaben mehr als 70 Prozent der Beschäftigten an, die Situation an ihrem Arbeitsplatz sei härter geworden.

In diesem Jahr hat Mark Stausen bislang überdurchschnittliche Ergebnisse, das gibt ihm ein gutes Gefühl. 2004 lag er unter Durchschnitt - "da habe ich nicht mehr durchgeschlafen". Kündigen? "Wie denn? Die ganze Branche ist in der Krise. Und wenn ich als Letzter an einen neuen Arbeitsplatz komme, bin ich bei einer Entlassungswelle der Erste, der gehen muss." Aufbegehren, demonstrieren, mit Kollegen zusammen für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen? "Wogegen sollen wir denn kämpfen? Gegen die Gesetze des Kapitalismus? Dagegen, dass es da draußen ein Heer von Arbeitslosen gibt, die unsere Jobs williger und billiger machen würden? Im Vergleich zu denen geht's uns doch noch gut."

*Name von der Redaktion geändert

Noch nie war die Position der Beschäftigten so schwach. Die Unternehmen machen Druck. Bei vielen Mittelständlern, bei manchen Konzernen steckt dahinter der Kampf ums wirtschaftliche Überleben, manchmal aber auch die Gier nach mehr Rendite. Ob bei Opel oder Karstadt, Miele oder Siemens - die Unternehmen stellen ihre Mitarbeiter vor die Wahl: weniger Lohn, weniger Urlaub, mehr Arbeit - oder sie können gehen. Robert Koehler, Chef des Graphitherstellers SGL Carbon, früher einmal ein Teil von Hoechst, schickt Mitarbeiter, "die die Trendwende in den Köpfen noch nicht vollzogen haben", gern nach China: "Die kommen geläutert zurück. Kennen Sie den Ausdruck 24/7? Der kommt aus China: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Damit müssen wir konkurrieren", sagt Koehler. 3000 Stellen hat er seit 1999 gestrichen, auch von den Topmanagern haben 80 Prozent eine neue Position oder sind nicht mehr im Unternehmen: "Am Ende muss man Leute auswechseln, die es nicht mehr schaffen, sich auf neue Umstände einzustellen." Das größte Problem sei die mittlere Führungsschicht mit ihrem "Beharrungsvermögen". Aber "die Basis im Unternehmen, die Arbeiter, die sehen, dass uns Inder und Polen die Aufträge wegschnappen, die sehen die Macht des Faktischen. Die sagen, auch wenn es nötig ist, die 40-Stunden-Woche wieder einzuführen, dann machen wir das".

Und es muss ja nicht einmal Polen oder Indien sein: Festangestellte sitzen in vielen Firmen neben Zeitarbeitern, die die gleiche Arbeit erledigen, aber weniger Geld verdienen und schon morgen rausfliegen können. Die Zahl der Leiharbeiter hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt, auch die Zahl der befristeten Stellen ist rasant gewachsen. Ganze Firmenteile werden ausgegliedert, so zum Beispiel beim Chemieriesen Bayer, der rund ein Fünftel seiner 110 000 Angestellten in die Chemie-Neugründung Lanxess verstößt. Christian Berg muss sich erst daran gewöhnen, dass er jetzt nicht mehr "beim Bayer", sondern bei Lanxess arbeitet: "Es heißt, bei Lanxess sind die Betriebsteile, die keine oder geringe Rendite machen. Ja, bin ich dann auch ein scheiß-unrentabler Mitarbeiter?" Ab Mai wird der Wirkstoff, den er in seinem Labor als Betriebsmeister herstellt, nicht mehr gebraucht. Christian Berg sagt, er sei offen für Veränderungen, aber die ständige Ungewissheit zermürbe: "Ich habe manchmal das Gefühl, ich fahre im Blindflug auf eine Straßenkreuzung zu und weiß nicht, ob's da weitergeht."

Sogar wer Gott als Arbeitgeber hat, ist nicht mehr sicher. Silke Walter* arbeitet hinter dicken Klostermauern als Kellnerin im Tagungshotel Walberberg bei Bonn. Ihre Chefs sind Mönche des Dominikanerordens, und deshalb hat sie sich hier immer gefühlt "wie in Abrahams Schoß". Doch jetzt wird das Hotel geschlossen, es sei nicht mehr profitabel genug, sagt die Ordensleitung. "Über 40 Mitarbeiter müssen Ende des Jahres gehen", sagt Silke Walter. Pater Bernhard, der Mönch, der für das Klosterhotel zuständig ist, hat bei der Ordensleitung für die Mitarbeiter gekämpft, bis nach Rom hat er geschrieben, aber es half alles nichts. Jetzt wird er nach Hamburg strafversetzt und darf über den Fall nicht mehr öffentlich sprechen. Aber eine Rede zum Betriebsjubiläum von Dorthe Hackbusch* hält er heute noch. 25 Jahre ist sie jetzt als Kellnerin dabei. Pater Bernhard in weißer Kutte, mit dickem Bauch und Ohrring, umarmt sie. Ein junges Zimmermädchen sagt, eine solche Feier werde sie wahrscheinlich nicht mehr erleben: "Wenn ich älter bin, gibt's keine 25-jährigen Betriebsjubiläen mehr."

Gerade unter den Jüngeren hätten die Zukunftssorgen deutlich zugenommen, so der Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Stegmann von der Fachhochschule Köln, der seit 15 Jahren Menschen zu ihren Ängsten am Arbeitsplatz befragt. Stegmann bemerkt den Wandel schon bei seinen Studenten: "Früher haben die von ihrem Traumjob gesprochen. Heute gehen sie pragmatischer und sorgenvoller an die Zukunftsplanung heran. Sie haben Panik, die Probezeit nicht zu bestehen. Sie wissen, dass ihre Einstiegsgehälter deutlich niedriger sein werden als die vor ein paar Jahren. Immer mehr werden auch als ewige Praktikanten ausgebeutet."

Stegmann hat berechnet, dass die Folgen der Angst die deutschen Unternehmen im vergangenen Jahr 100 Milliarden Euro gekostet haben - doppelt so viel wie vor acht Jahren. Angstgesteuerte Mitarbeiter bringen mindestens 20 Prozent weniger Leistung, sind häufiger demotiviert, greifen öfter zu Alkohol oder Aufputschmitteln, auch mobben sie häufiger Kollegen.

Ein bisschen Angst

am Arbeitsplatz sei ja ganz gut, meint Stegmann: "Wohldosierte Angst steigert die Produktivität. Wer sich zu sicher fühlt, schlafft manchmal ab oder trifft leichtsinnige Entscheidungen." Doch schlimm sei es, wenn Angst missbraucht würde, etwa, um Mitarbeitern ständig mehr abzuverlangen, als sie eigentlich leisten könnten: "Dann lähmt die Angst irgendwann nur noch, alle ducken sich, passen sich an. Kreativität braucht einen gewissen angstfreien Raum. Langfristig verschleißen Sie mit einem hohen Angstpegel Ihre Mitarbeiter."

Anja Franke* sitzt in einem Café. Als ein Mann am Nebentisch hustet, blickt sie gereizt in seine Richtung: "Ich fürchte mich vor jedem Virus." Sie war im vorigen Jahr oft krank, da haben ihre Chefs im Architekturbüro sie zu sich gerufen: "Wir können uns dich nicht mehr leisten, du fehlst zu oft. Bei der nächsten Krankheit fliegst du." Jetzt schleppt sich die 29-Jährige jeden Tag zur Arbeit, egal, wie schlecht sie sich fühlt, "zum Arzt gehe ich gar nicht mehr, der schreibt mich nur krank". Sie schämt sich, weil sie sich so unter Druck setzen lässt, weil sie nicht einfach kündigt: "Ich sollte erhobenen Hauptes gehen." So wie einige Kollegen vor ihr. Aber die sind jetzt arbeitslos.

Früher wurden Leistungsschwächen in den meisten Betrieben noch toleriert; wer ein paar Tage Liebeskummer hatte oder ein paar Monate die kranke Mutter pflegen musste, wurde halt eine Zeit lang mitgezogen. Heute trauen sich viele Angestellte nicht mehr zu zeigen, wenn es ihnen schlecht geht. Der Krankenstand in deutschen Betrieben ist auf einem Rekordtief. 2003 arbeiteten laut einer AOK-Studie mehr als 70 Prozent der Beschäftigten auch dann, wenn sie sich "richtig krank" fühlten. Auch im öffentlichen Dienst sei "nischt mehr mit Gemütlichkeit", meint Doris Reimann, Frauenbeauftragte im Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft. Frauen hätten Angst, Auszeiten für die Pflege kranker Angehöriger zu nehmen oder in Erziehungsurlaub zu gehen: "Die sagen, ich kann doch jetzt nicht raus, sonst bin ich ganz raus."

Clara Dietrich* hat ihr Kind im Job als "eine Art Behinderung" erlebt. Sieben Jahre hatte sie als Teamleiterin in einer Hamburger Werbeagentur geschuftet, und auch mit Babybauch saß sie bis acht Uhr abends am Schreibtisch. Doch nach dem halben Jahr Erziehungsurlaub sagte ihr Chef zur Begrüßung, sie sei ja jetzt leider nicht mehr voll einsetzbar. Sie bekam nur noch Praktikantenjobs, musste den Firmenwagen abgeben. Ihr Chef suchte nach Fehlern bei allem, was sie tat. Und tatsächlich, sie machte Fehler: "Ich saß völlig angstgesteuert am Schreibtisch, mein Herz raste, ich kriegte nichts mehr hin." Irgendwann kapitulierte sie. Nun ist die Alleinerziehende arbeitslos. In Hamburg registrierte das Amt für Arbeitsschutz voriges Jahr 300 Versuche, Schwangeren und Müttern im Erziehungsurlaub zu kündigen - gesetzlich ist das verboten, immer mehr Firmen versuchen es trotzdem.

"Mit dem Kuschelklima in Betrieben ist es vorbei", sagt Ute Schmidt-Brasse, die seit 1977 als Unternehmensberaterin arbeitet. Waren Entlassungen früher etwas Unanständiges, so seien sie heute Mittel der ersten Wahl. In einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger mit dem Titel "Restrukturierung in Deutschland - früher, schneller, härter, aber noch nicht gut genug" geben 99 Prozent der befragten Firmen an, in einer Krise das Personal zu reduzieren.

Wo die Mitarbeiter froh sind,

dass sie überhaupt noch einen Job haben, wird auch weniger dafür getan, sie zu motivieren. Wenn ein Hamburger Verlag die Weihnachtsfeier für die Mitarbeiter "aus Kostengründen" in den Januar verlegt, wenn der Chef der Justizbehörde in Nürnberg seinen Mitarbeitern das Halten von Topfpflanzen auf Fensterbänken verbietet - Grund: die Pflege beanspruche kostbare Dienstzeit -, dann sind das nur lächerliche Vorkommnisse. Aber auch sie tragen bei zum schlechteren Betriebsklima, weil sie dem einzelnen Mitarbeiter zeigen: Du bist uns nicht mehr so wichtig. Auch in Weiterbildung wird weniger investiert, hat Unternehmensberaterin Schmidt-Brasse festgestellt. "Firmen müssten ihre Mitarbeiter aber fachlich fit halten, wenn sie ihnen keinen sicheren Arbeitsplatz mehr garantieren können."

Alexander Fräßle* hat seine Weiterbildung selbst in die Hand genommen. Der 28-jährige Elektroniker arbeitet bei Opel Rüsselsheim. Die Diskussion über Werksschließungen bei Opel haben ihn "aus der heilen Welt gerissen", sagt Alexander Fräßle. Er habe viele gestandene Männer weinen sehen in den vergangenen Monaten, er habe Solidarität erlebt, aber auch Duckmäuser- und Mitläufertum, sogar einen Kollegen, der gezielt andere anschwärzte, um seinen Arbeitsplatz zu retten. Alexander Fräßle begann, sich nach Feierabend durch Wirtschaftsbücher zu kämpfen: "Das war viel Fachlatein, aber ich wollte begreifen, was da mit uns passiert. Das Leben ist eben mehr als "Bild" und Glotze", sagt er. Er überlegt, seine Aktien zu verkaufen: "Jeder, der Aktien hat oder Lebensversicherungsfonds, sägt an seinem eigenen Stuhl. Die Aktie geht rauf, wenn ich rausgeschmissen werde." Er ist in die SPD eingetreten, "um von der Basis her was zu verändern", und er will sich neben dem Opel-Job noch selbstständig machen. Vor der Krise, sagt Fräßle, wollte er sein Leben genießen. Jetzt will er es verstehen und selbst bestimmen. "Denn es kann doch nicht sein, dass ich irgendwann einfach entlassen werde, und das ist es dann. Dass plötzlich nicht mehr zählt, was ich die letzten Jahre getan habe."

*Name von der Redaktion geändert

Nikola Sellmair
Mitarbeit: Catrin Boldebuck, Markus Grill, Carola Kleinschmidt, Constanze Löffler, Brigitte Zander

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