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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Hinter der längsten Tafel Deutschlands stehen lauter wunderbare Menschen

Als vor rund 25 Jahren die Tafel-Bewegung in Deutschland gegründet wurde, hätte niemand gedacht, dass sich dort einmal 60.000 Menschen ehrenamtlich engagieren würden. Frank Behrendt war jetzt in Essen Gast bei einer Diskussionsrunde und beeindruckt von den Helferinnen und Helfern.

Essener Tafel

Die Ausgabestelle der Essener Tafel vor dem Alten Wasserturm

Ich saß auf einer Bierbank im alten Wasserturm in Essen. Dort wo normalerweise jeden Tag die Lebensmittelausgabe an Bedürftige organisiert wird. 11 Millionen Lebensmittel wandern pro Jahr hierzulande in den Abfall, die Tafeln retten immerhin 265.000 Tonnen davon und führen sie denen zu, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. "Wir bauen damit eine Brücke zwischen denen, die zu viel haben und denen, die zu wenig haben", sagte Jochen Brühl, Bundesvorsitzender der Tafeln. Rita, eine rüstige Rentnerin, die das Team der Essener Tafel täglich unterstützt, berichtet von zahlreichen Kindern, die morgens ohne eine Mahlzeit aus dem Haus gehen.

Allein 500.000 Kinder werden in Deutschland allein durch die Tafeln täglich versorgt – eine unfassbar hohe Zahl in einem der reichsten Länder der Erde. Aber auch viele ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger sind betroffen, Altersarmut ist keine Drohkulisse mehr, sondern oft bittere Realität. Aber nicht nur der Hunger treibt die Menschen zu den Tafeln, auch das Alleinsein. "Am Rande der Wohlstandgesellschaft ist es einsam, daher sind wir auch eine Stätte der Begegnung für viele Menschen", erklärte Jochen Brühl.

Mehrfach wird an dem Abend den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern gedankt, die das Herz der Tafeln darstellen. Rund 1,5 Millionen Menschen wird hierzulande durch die Tafeln geholfen, eine viel zu hohe Zahl, da sind sich alle einig. Von der Politik werden Lösungen erwartet, denn die Tafeln können das Problem der Armut nicht lösen. Mit schnellen Veränderungen rechnet niemand, deshalb packen sie weiter an, die Männer und Frauen, die einen erheblichen Teil ihrer Freizeit opfern, um anderen zu helfen.

Ein Mann, der in Jeans und Lederjacke mit ernstem Gesicht neben mir auf der Bierbank saß, hat mich besonders beeindruckt - Olaf aus Dortmund. Er war Unternehmer, hatte eine Spedition. Die hat er verkauft, hätte sich fortan ein schönes Leben machen können. Aber es reichte ihm nicht, er suchte eine neue Aufgabe. Er kam zu den Tafeln und organisiert heute die ausgeklügelte Logistik der Tafeln, die täglich an ganz verschiedenen Orten Lebensmittel einsammeln, transportieren, checken und zur Verteilung an die Bedürftigen vorbereiten. Olaf packt gerne mit an und man merkt ihm an, dass seine neue Aufgabe ihn ausfüllt.

Aber er ist besorgt, denn den Ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern wird es nicht leicht gemacht, sich zu engagieren. Steuerliche Vergünstigungen oder Rentenpunkte, die man durch sein Engagement sammeln kann, sind noch Zukunftsmusik. Und auch an Dankbarkeit mangelt es leider oft. Daher an dieser Stelle ein sehr herzliches Dankeschön an alle Menschen, die sich in unserem Land ehrenamtlich engagieren. Der Applaus für sie kann nicht lange und laut genug sein, denn ohne sie wäre unser Land ärmer. In jeder Hinsicht.