VG-Wort Pixel

F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Wie das Apfelmännchen uns an die Zufriedenheit erinnert

Apfelmännchen Behrendt
Die Botschaft aus Janoschs "Apfelmännchen" ist auch heute noch aktuell
© privat
Dieser Sommer war und ist aufgrund der Umstände ein besonderer. Vielleicht motiviert er uns aber auch, zu reflektieren, unser Handeln zu hinterfragen und mit Blick auf die Zukunft die Prioritäten neu zu justieren. Mir hat während der Sommerferien die Wiederentdeckung eines früher sehr geliebten Kinderbuches einen wertvollen Impuls gegeben.

Als wir kürzlich im Garten meiner Kindheit an der Nordseeküste bei meiner Mutter waren, ging meine Tochter Holly interessiert durch den idyllischen Garten. "Mein Paradies", nennt es meine Mum. An einem der 13 uralten Apfelbäume, die meine Geschwister und ich bestens kennen, da wir dort früher jeweils im Herbst als Erntehelfer im Einsatz waren, blieb sie fasziniert stehen. Ein in der Sonne heranwachsender kleiner roter Apfel begeisterte sie. Er bekam einen Namen und meine Mutter den Auftrag, ihr regelmäßig Bilder von ihrem neuen Naturfreund zu schicken.

Ich musste direkt an das Kinderbuch "Das Apfelmännchen" vom genialen Janosch denken. Wie viele Kinder und Erwachsene hat dieser Mann mit seinen Werken verzaubert? 1965 kam das Buch mit dem unverwechselbaren Cover auf den Markt. Darauf ein fröhliches kleines Männchen mit strubbeligen Haaren, ein winziges Häuschen mit hohem Spitzdach und ein windschiefes Bäumchen. Es wurde eines meiner ersten Kinderbücher und ich habe es über alles geliebt. Gefühlt eintausend Mal haben es mir meine Eltern am Abend vorgelesen. Ich bin sicher, viele von euch kennen die Geschichte von dem traurigen Mann mit seinem Apfelbaum, der nie blüht, auch.

Irgendwann spross dann aber auch bei ihm eine weiße Blüte, aus der ein kleiner Apfel wurde. Die Passage, in der dieses Schauspiel beschrieben wird, gehörte immer zu meinen Lieblingsstellen im Buch: "Der arme Mann freute sich noch mehr. Seine Wangen waren rot, und seine Augen waren klar wie der Sommerhimmel. Sein Gang war leicht, und er begegnete allen Menschen freundlich. Das war eine herrliche Zeit." Pures Glück in vier einfache Sätze gepflanzt.

Weil der Mann von seinem Apfel nicht genug bekommen konnte, wuchs er zum größten der Welt heran. Aber niemand wollte ihn haben. Wie es sich in Kinderbüchern mit Botschaft gehört, nimmt die Geschichte dann doch noch ein gutes Ende. Der kleine Mann in der Geschichte schlief wieder glücklich ein und träumte genauso gut, wie die kleinen Leser, die seiner Geschichte zuvor fasziniert gelauscht hatten. Inspiriert durch meine Jüngste habe ich das Buch jetzt wieder einmal bewusst zur Hand genommen. Es gehört zu den Werken, die ich niemals weggeben würde.

Auch mit den Augen eines Erwachsenen hat es nichts von seiner damaligen Faszination verloren – im Gegenteil. War ich als kleiner Junge einst vor allem von den beeindruckenden Bildern gefesselt, so hänge ich heute vor allem nachdenklich an einzelnen Sätzen voller Weisheit. "Und da kam, was kommen musste, wenn man sich etwas Kleines und Geringes ehrlich wünscht…" Eine Hommage auf Demut und Bescheidenheit.

Die Botschaft passt auch heute

Die Moral von der 55 Jahre alten Geschichte passt hervorragend in unsere heutige Zeit, in der Wünsche oft über das Ziel hinaus schießen: "Only the sky is the limit", las ich neulich im Intro der Unternehmensvorstellung eines Start-ups – und dabei ging es definitiv nicht um Raumschiffe, die einmal den Mars erkunden sollen. Wachstum und Größe gelten als systemrelevant und die fetten Schlagzeilen vor ein paar Tagen zeugten von purem Entsetzen, als die zurückgehende Wirtschaftsleistung in Folge der Corona-Pandemie in harte Zahlen gegossen wurde: minus zehn Prozent. Für ein Land, das vom stetigen Wachstum verwöhnt war, ein kapitaler Erdrutsch.

Aber der Untergang der Welt ist es auch nicht. Ich mag in solchen Tagen Politiker, die überzeugend den Fels in der Brandung geben. Wirtschaftsminister Peter Altmeier blickte positiv nach vorne und sah schon wieder Licht am konjunkturellen Horizont. Janosch, der Autor vom Apfelmännchen, der als Horst Eckert im heutigen Zabrze in Polen als Sohn eines Fuhrmannes das Licht der Welt erblickte, packte in seine Bücher immer sehr viel Hoffnung hinein. Seine Bilder zeichnen sich durch einen leichten Strich, leuchtende Farben und die Fokussierung auf das Wesentliche aus. "Sie regen die Phantasie an und erzählen auch ohne Worte schon eine Geschichte", pflegte mein Kunstlehrer-Vater gern zu sagen, der zeitlebens ein Verehrer von Janosch und seinen Büchern voller Poesie und Magie war.

Weit über 100 Werke hat der Autor und Illustrator geschaffen, sie wurden in 70 Sprachen übersetzt und viele Millionen Mal verkauft. Eines der Lieblingsbücher meiner ältesten Tochter war in ihren jungen Jahren das 1978 erschienene Kinderbuch "Oh, wie schön ist Panama". Darin erzählt Janosch die Geschichte vom kleinen Bären und vom kleinen Tiger, die sich ins ferne Panama aufmachen, um am Ende festzustellen, dass das Paradies eigentlich vor der eigenen Haustür liegt. In Zeiten von Reisewarnungen und Risikoländern ebenfalls eine sehr aktuelle Thematik und Erkenntnis.

Das kleine Apfelmännchen, das den größten Apfel der Welt besaß, stellte schließlich fest, dass die Gier nach Großem überhaupt nicht glücklich macht, sondern das Annehmen dessen, was da ist. Der letzte Absatz im Buch weist den Weg. "Manchmal, wenn er abends im Bett lag, dachte er über alles nach. Und dann wünschte er sich nur zwei Äpfel. Kleine Äpfel, die in einem Korb Platz haben, dachte er im Stillen und schlief zufrieden ein." Zufriedenheit, ein Schlüssel zum Glück. Diese einfache Erkenntnis teilt das fiktionale Männchen offenbar mit seinem realen Schöpfer. Der Titel seiner Biographie lautet: "Wer fast nichts braucht, hat alles."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker